Außenminister warnt Thyssen-Krupp, bei Fusion mit Tata die Arbeitnehmer zu übergehen

Thyssenkrupp und Tata Steel wollen starke neue Nummer Zwei im europäischen Stahlmarkt schaffen

Der frühere Bundeswirtschafts- und heutige Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) hat die Konzernführung von Thyssen-Krupp ermahnt, bei der geplanten Stahl-Fusion mit dem indischen Tata-Konzern die Arbeitnehmerseite nicht zu überstimmen. „Gegen die Arbeitnehmer ist keine Lösung denkbar“, sagte Gabriel der in Essen erscheinenden Westdeutschen Allgemeinen Zeitung.

Außenminister warnt Thyssen-Krupp, bei Fusion mit Tata die Arbeitnehmer zu übergehen

thyssenkrupp und Tata Steel haben heute eine Grundsatzvereinbarung („Memorandum of Understanding“) über den Zusammenschluss ihrer europäischen Stahlaktivitäten in einem 50/50-Joint Venture unterzeichnet. Ziel ist es, einen führenden europäischen Flachstahlanbieter zu schaffen und diesen als Qualitäts- und Technologieführer zu positionieren.  Das neue Unternehmen würde einen Pro-forma-Umsatz von etwa 15 Mrd € erzielen und etwa 48.000 Mitarbeiter an aktuell 34 Standorten beschäftigen. Die Versandmengen des Joint Ventures würden etwa 21 Mio t pro Jahr betragen.

Dr. Heinrich Hiesinger, Vorstandsvorsitzender der thyssenkrupp AG: „Mit dem geplanten Joint Venture geben wir den europäischen Stahlaktivitäten von thyssenkrupp und Tata eine nachhaltige Zukunftsperspektive. Wir gehen die strukturellen Herausforderungen der europäischen Stahlindustrie an und schaffen eine starke Nummer Zwei. Wir haben mit Tata einen Partner gefunden, der strategisch und kulturell sehr gut zu uns passt. Uns verbindet nicht nur eine klare Leistungsorientierung, sondern auch das gleiche Verständnis von unternehmerischer Verantwortung gegenüber Mitarbeitern und Gesellschaft.“

Natarajan Chandrasekaran, Chairman von Tata Steel: „Die Tata Group und thyssenkrupp haben nicht nur beide eine lange Tradition in der weltweiten Stahlindustrie, sondern teilen auch ähnliche kulturelle Werte. Die Partnerschaft ist ein bedeutsamer Moment für beide Unternehmen. Unser gemeinsamer Fokus wird nun darauf liegen, ein starkes europäisches Stahlunternehmen aufzubauen. Die strategische Logik des geplanten Joint Ventures in Europa basiert auf einem sehr soliden Fundament, und ich bin zuversichtlich, dass thyssenkrupp Tata Steel eine große Zukunft vor sich hat.“

Das geplante Joint Venture soll den Namen „thyssenkrupp Tata Steel“ tragen und über eine schlanke Holding mit Sitz in den Niederlanden geführt werden. Die Gesellschaft soll über eine zweistufige Managementstruktur aus Vorstand und Aufsichtsrat verfügen. Beide Gremien sollen paritätisch mit Vertretern von thyssenkrupp und Tata besetzt werden. Die Mitbestimmungsstrukturen in Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien bleiben erhalten.?

thyssenkrupp würde den Geschäftsbereich Steel Europe in das geplante Joint Venture einbringen. Es ist außerdem beabsichtigt, die thyssenkrupp MillServices
Systems GmbH, die stahlwerksnahe Dienstleistungen erbringt und zum Geschäftsbereich Materials Services gehört, in das Gemeinschaftsunternehmen zu überführen. Tata würde sämtliche Flachstahlaktivitäten in Europa einbringen.

Die heute unterzeichnete Absichtserklärung schafft für thyssenkrupp die Grundlage, um die Vertreter der Arbeitnehmer der thyssenkrupp AG und des Stahlbereichs laufend in den weiteren Prozess einzubinden. Alle Beteiligungsrechte der Arbeitnehmer werden dabei – wie auch bisher – respektiert.

In den kommenden Monaten wird nun eine so genannte Due Diligence vorgenommen. Dabei gewähren sich die Verhandlungspartner gegenseitig Einblick in vertrauliche Geschäftsunterlagen, soweit zwischen Wettbewerbern zulässig. Auf dieser Grundlage und auf Basis der Gespräche mit dem gesamten Aufsichtsrat wird für Anfang 2018 die Unterzeichnung eines Vertrages angestrebt. Das Closing, also der tatsächliche Vollzug des Zusammenschlusses, könnte dann nach Zustimmung der Fusionskontrollbehörden Ende 2018 erfolgen.

Synergien im Joint Venture

In den Anfangsjahren – beginnend ab dem Closing – wollen sich die Joint-Venture-Partner darauf konzentrieren, das Gemeinschaftsunternehmen aufzubauen und Synergien zu realisieren. Diese kämen unter anderem aus einer Integration von Vertrieb, Verwaltung, Forschung und Entwicklung, einer gemeinsamen Optimierung von Einkauf, Logistik und Servicecentern sowie einer verbesserten Auslastung der Weiterverarbeitung zustande. Die Joint-Venture-Partner erwarten nach Hochlauf Synergien von 400 bis 600 Mio € jährlich.

Ab dem Jahr 2020 soll zudem das Produktionsnetzwerk mit dem Ziel einer Integration und Optimierung der Fertigungsstrategie für das gesamte Joint Venture überprüft werden. Zusätzliche Synergien aus dieser Integration lassen sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht im Detail quantifizieren. Die Optimierung wäre auch von zahlreichen externen Faktoren abhängig, unter anderem dem Ausgang der Brexit-Verhandlungen und den daraus resultierenden Auswirkungen. Weitere externe Parameter wären die Entwicklung regulatorischer Rahmenbedingungen, etwa beim Emissionsrechtehandel oder in der internationalen Handelspolitik.

Die beiden Joint-Venture-Partner erwarten, dass zur Realisierung der Kostensynergien im gesamten Gemeinschaftsunternehmen in den kommenden Jahren bis zu 2.000 Stellen in Verwaltungsbereichen und möglicherweise bis zu 2.000 Stellen in der Produktion abgebaut werden müssen. Dabei gehen die beiden Partner davon aus, dass die Lasten ungefähr hälftig auf die beiden Joint-Venture-Partner entfallen würden, also insgesamt etwa 2.000 Stellen auf thyssenkrupp.?

„Wir werden im Joint Venture keine Maßnahmen angehen, die wir nicht auch im Alleingang hätten umsetzen müssen. Im Gegenteil: Durch das Gemeinschaftsunternehmen fallen die Belastungen für jeden der beiden Partner geringer aus, als sie für beide allein ausgefallen wären“, so Hiesinger.

Die Stahlindustrie in Europa steht seit Jahren vor großen Herausforderungen: Die Nachfrage nach Stahl entwickelt sich wenig dynamisch. Das Angebot ist geprägt von strukturellen Überkapazitäten und stetig hohem Importdruck. Dies führt zu erheblichen Unterauslastungen in verschiedenen Stufen der Wertschöpfungskette. Alle Hersteller stehen somit unter Druck ihre Anlagen auszulasten und müssen Restrukturierungserfolge immer wieder an den Markt abgeben. Es entsteht eine Abwärtsspirale, die etwa alle drei bis vier Jahre neue Restrukturierungen erforderlich macht und mittelfristig wesentliche Produktionsanlagen in der Existenz bedroht.

Gründe für Partnerschaft mit Tata Steel

Fünf Gründe sprechen dafür, dass gerade ein Zusammenschluss der europäischen Stahlaktivitäten von thyssenkrupp und Tata der bestmögliche nächste Konsolidierungsschritt ist:

Größenvorteile: In einem Markt, der sich laufend weiter konsolidiert, sind Größeneffekte ein wichtiger Erfolgsfaktor. Durch den Zusammenschluss der Nummer Zwei und der Nummer Drei in Europa entsteht eine starke neue Nummer Zwei für Qualitäts-Flachstahl mit einer sehr wettbewerbsfähigen
Marktposition und aussichtsreicher Wachstumsperspektive.

Komplementarität: Die Geschäfte von thyssenkrupp und Tata ergänzen sich gut. thyssenkrupp ist stärker in der Automobilbranche, Tata bei Industriekunden. Die Hauptstandorte Duisburg, IJmuiden und Port Talbot sind logistisch gut angebunden und beliefern Kunden in verschiedenen, wirtschaftsstarken Regionen. Damit ist insgesamt eine deutlich breitere Abdeckung von Kundenbranchen in ganz Europa möglich.

Performance-Orientierung: Die Stahlwerke von thyssenkrupp und Tata gehören zu den leistungsstärksten in Europa. Dank eines effektiven Kostenmanagements arbeiten beide Hersteller operativ profitabel. Dazu haben die Unternehmen unabhängig voneinander in den vergangenen Jahren Stück für Stück die Voraussetzungen geschaffen: Tata beispielsweise mit der Restrukturierung von Port Talbot und dem Verkauf der Langstahlaktivitäten; thyssenkrupp mit dem Verkauf von CSA und der Anpassung der Kapazitäten bei HKM.

Innovationsstärke: Beide Partner streben eine Qualitäts- und Technologieführerschaft in der europäischen Stahlindustrie an und entwickeln kontinuierlich für ihre Kunden innovative Produkte und Lösungen. High-Tech-Stähle sind vielfach die Basis für industrielle Wertschöpfungsketten in Europa und ein wesentliches Differenzierungsmerkmal im Wettbewerb.?

Kultur und Kompetenzen: Beide Partner zeichnen sich durch hochkompetente und engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus, die sich stark mit ihren Unternehmen identifizieren. Die kulturelle DNA von thyssenkrupp und Tata ist gleichermaßen geprägt von der Bereitschaft zur Veränderung, um Zukunftsfähigkeit zu sichern. Und beide Unternehmen haben starke Aktionäre in einer Stiftungsstruktur, die Idee und Werte der ursprünglichen Eigentümer fortführen.

Mit Vertragsunterzeichnung (Signing) würde der Geschäftsbereich Steel Europe als „nicht fortgeführte Aktivität“ in der Bilanz ausgewiesen. Mit Abschluss der Transaktion (Closing) würde die 50-Prozent-Beteiligung am Joint Venture dann „at-equity“, d.h. zum anteiligen Buchwert, bilanziert. Dadurch würden sich mit Wirksamkeit des Joint Ventures wesentliche Bilanzkennzahlen der thyssenkrupp AG signifikant verbessern, insbesondere die Eigenkapitalquote und das Gearing (Verhältnis von Nettofinanzschulden zu Eigenkapital). Gleichzeitig wird für das Stahlgeschäft eine solide finanzielle Struktur geschaffen.

Das geplante Joint Venture wäre ein weiterer wesentlicher Meilenstein bei der Strategischen Weiterentwicklung von thyssenkrupp. Mit dem Umbau zu einem starken Industriekonzern verfolgt das Unternehmen vorrangig zwei Ziele: erstens die Abhängigkeit vom stark schwankungsanfälligen Stahlgeschäft zu verringern und zweitens allen Geschäftsbereichen eine optimale Entwicklung zu ermöglichen.

Heinrich Hiesinger, der Vorstandsvorsitzende der thyssenkrupp AG: „Es ging uns immer um die beste Lösung für thyssenkrupp. Ein Joint Venture mit Tata ist die einzige Option, die die strukturellen Überkapazitäten in der europäischen Stahlindustrie adressiert, fundamentalen Mehrwert durch Synergien schafft, und gleichzeitig unserer Unternehmenskultur entspricht. Zugleich ist dies ein klares Bekenntnis zu unseren Wurzeln, denn über das Joint Venture bleibt thyssenkrupp am Stahl beteiligt.“ ThyssenKrupp AG

Gabriel: Montan-Mitbestimmung soll Weltkulturerbe werden

Der frühere Bundeswirtschafts- und heutige Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) hat die Konzernführung von Thyssen-Krupp ermahnt, bei der geplanten Stahl-Fusion mit dem indischen Tata-Konzern die Arbeitnehmerseite nicht zu überstimmen. „Gegen die Arbeitnehmer ist keine Lösung denkbar“, sagte Gabriel der in Essen erscheinenden Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Es dürfe „keine Versuche geben, die Montan-Mitbestimmung auszuhebeln“. Gabriel forderte in diesem Zusammenhang, die deutsche Montan-Mitbestimmung zum Weltkulturerbe der Unesco zu machen. „Dort gibt es eine immaterielle Liste, in der sogar die französische Küche steht. Es wird Zeit, dass endlich auch mal eine Errungenschaft der Arbeitnehmer, der Gewerkschaften und des Sozialstaates Eingang findet in das kulturelle Gedächtnis der Welt“, sagte Gabriel der WAZ.

Für den Fall einer Fusion mit Tata forderte er zudem: „Wie immer die Lösung aussieht, eines muss klar sein: der Konzern- und Unternehmenssitz von ThyssenKrupp muss im Ruhrgebiet bleiben.“ Betriebsrat und IG Metall wehren sich gegen die Fusion, weil sie den Verlust Tausender Arbeitsplätze befürchten. Bei einer Pattsituation im Konzern-Aufsichtsrat könnte der Chef des Kontrollgremiums, Ulrich Lehner, von seinem Doppelstimmrecht Gebrauch machen. Davor warnt Gabriel: „Krupp war eines der ersten Unternehmen Deutschlands mit einem Sozialstatut. Die Beteiligung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer liegt in den Genen des Konzerns. Dabei muss es bleiben.“ Westdeutsche Allgemeine Zeitung

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