Dax-Rekord in Sicht, aber das böse Erwachen kommt noch

Um 7,9 Prozent hat der Dax in den ersten drei Monaten des Jahres zugelegt, und man würde sich schon mit der Prognose eines abrupten Stopps der Aufwärtsbewegung für das zweite Quartal aus dem Fenster lehnen, wenn man ausschlösse, dass nach den deutschen Nebenwerte- und den US-Indizes auch der Dax bald Rekordhöhen erreichen wird.

Dax-Rekord in Sicht, aber das böse Erwachen kommt noch

Es ist nur noch eine Kleinigkeit.

Gründe, die den Index den letzten kleinen Schritt machen lassen könnten, gibt es genug. Das politische Risiko, dass internationale Investoren lange von den europäischen Aktienmärkten ferngehalten hat, hat seit der für den Populisten Geert Wilders enttäuschend ausgegangenen Parlamentswahl an Schrecken verloren. Zudem sind die Chancen, dass die Front-National-Kandidatin Marine le Pen sich in der zweiten und entscheidenden Runde der französischen Präsidentschaftswahlen durchsetzt, gering, wenn man den Experten glauben darf.

Entscheidend ist aber, dass die Konjunkturdaten sich weiter positiv entwickeln. Damit scheinen auch die Chancen gut zu sein, dass sich auch die Wende nach oben bei den Unternehmensgewinnen fortsetzt. Die BayernLB glaubt, dass eben dies die treibende Kraft der Rally der vergangenen Monate ist und nicht wie vielfach angenommen die mit Trumps Plänen verbundene Fantasie. Der Aufwärtstrend der Konjunkturindikatoren sei zwar von den Erwartungen expansiver Konjunkturmaßnahmen Trumps unterstützt worden, aber auch unabhängig davon sei global ein positives Konjunkturmomentum zu konstatieren, das die Aktienmarktbewertungen nach oben treibe. Die jüngsten Datenveröffentlichungen hätten dies erneut unterstrichen.

Wenn nun die kleine Wegstrecke zum Rekord für den Dax kein großes Problem mehr ist, stellt sich dann aber doch die Frage, wie nachhaltig weitere Avancen des Index sein können. In dieser Hinsicht gehen die Erwartungen der Strategen durchaus auseinander. Die BayernLB ist aus kurzer Sicht optimistisch, verweist jedoch auf Risiken. „Die europäischen Aktienmärkte könnten in den kommenden Wochen von weiter rückläufigen politischen Risiken profitieren, sofern die Wahlchancen von Le Pen in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahl in Frankreich weiter auf relativ niedrigem Niveau bleiben bzw. weiter sinken. Dies würde für eine fortgesetzte Outperformance der europäischen Indizes gegenüber dem S&P 500 sprechen, solange der Euro nicht stark aufwertet“. Zwar rechnet die Bank mit einem Nachlassen des positiven konjunkturellen Momentums in den kommenden Monaten. Kurzfristig scheine der Rückenwind für die Aktienmärkte hiervon aber noch intakt. Turbulenzen drohten weiterhin am ehesten von möglichen Enttäuschungen bei den erwarteten Fiskalmaßnahmen Trumps. Die politischen Entwicklungen in Washington blieben daher für die Aktienmarktteilnehmer von hoher Priorität.

Auch M.M. Warburg schreibt die Rally der Konjunkturentwicklung und nicht Trump zu. Die globalen Wirtschaftsdaten seien derzeit so gut wie schon lange nicht mehr, so das Bankhaus, dass sein Dax-Ziel für den Ultimo in der abgelaufenen Woche von 12.000 auf 12.800 Punkte angehoben hat. Der Hauptgrund für die steigenden Kurse sei in der guten Gewinnentwicklung der Unternehmen und den positiven Gewinnerwartungen für die nächsten beiden Jahre zu sehen.

Nicht überzeugt ist die Helaba, die den Dax zum Jahresende bei 12.000 erwartet. Das Institut verwies am Freitag auf zunehmende Warnsignale für eine Korrektur, darunter einen hohen Anteil kreditfinanzierter Aktienkäufe in den USA. Wertpapierkredite hätten neue Höchststände erreicht. In Relation zum BIP entspreche dies annähernd den alten zyklischen Spitzenwerten aus den Jahren 2000, 2007 und 2015. Aktienrückkäufe, die ein wichtiger Treiber der seit 2009 laufenden Hausse bei US-Aktien gewesen seien, seien im vierten Quartal zurückgegangen. Angesichts gestiegener Zinsen verliere das Instrument schuldenfinanzierter Aktienrückkäufe wohl allmählich an Attraktivität. Aktien dies- und jenseits des Atlantiks hätten das gegenwärtig fundamental abzuleitende Kurspotenzial ausgeschöpft.

Nachhaltig höhere Notierungen seien auf Sicht der kommenden Monate wenig wahrscheinlich. Aufgrund des inzwischen nicht mehr hinreichend attraktiven Chance-Risiko-Verhältnisses biete es sich an, die aktuellen Kursavancen für Gewinnmitnahmen zu nutzen.

Böses Erwachen

Nach dem rasanten Inflationsanstieg zum Jahreswechsel hat die Teuerung in Deutschland im März schon wieder deutlich nachgelassen. Ganz ähnlich wird das Bild für den Euroraum ausfallen, für den es heute eine erste Schätzung gibt. Die Mehrheit im EZB-Rat dürfte sich dadurch – getreu dem Motto: „Haben wir’s nicht gesagt?“ – darin bestärkt fühlen, dass die Europäische Zentralbank (EZB) noch für lange Zeit nicht abweichen darf vom ultralockeren Kurs und schon jedes Sinnieren über einen Exit verfrüht kommt. Ein simples „Weiter so!“ aber ist so falsch wie gefährlich.

Falsch ist es, weil der Inflationsrückgang wenig am Gesamtbild ändert: Die Wirtschaft ist auf Erholungskurs und wächst sogar über Potenzial – und die Inflation normalisiert sich, auch wenn die Teuerung, nach einer wegen Sondereffekten absehbaren Gegenbewegung nach oben im April, in den Sommermonaten zeitweise sogar noch stärker zurückgehen dürfte. Ein expansiver EZB-Kurs ist aktuell zwar sicher angemessen, aber die unbeirrte Vollgas-Geldpolitik der EZB samt dazugehöriger Kommunikation passt immer weniger ins Bild. Wenn nicht in einem solchen Umfeld zumindest mal eine ernsthafte Diskussion über den Einstieg in den Ausstieg und den ohnehin langwierigen Weg aus dem geldpolitischen Großexperiment der vergangenen Jahre begonnen wird – wann dann? Auch der avisierte straffere Zinserhöhungskurs der US-Notenbank bietet der EZB aktuell eine günstige Gelegenheit, wenigstens mit der Debatte zu starten.

Gefährlich ist ein „Weiter so!“ hingegen, weil die Verwirrung an den Finanzmärkten angesichts der jüngsten, sich widersprechenden Aussagen einzelner Notenbanker zur möglichen Ausstiegsstrategie gerade gezeigt hat, dass es sich rächt, wenn EZB-Präsident Mario Draghi versucht, jede Exit-Debatte im Keim zu ersticken. Dann redet schnell jeder Notenbanker/jede Notenbankerin so, wie es ihm/ihr in den Sinn kommt – etwa, was die Abfolge von Zinserhöhungen und Rückführung der Wertpapierkäufe betrifft. Statt für mehr Unsicherheit muss der EZB-Rat eiligst für mehr Klarheit über die Bedingungen des Exit-Starts und die richtige Strategie sorgen.

Draghi & Co. aber scheint in diesen Tagen eher daran gelegen, Marktteilnehmer, Investoren und alle anderen einer noch lange ultralockeren Geldpolitik zu versichern – wie das beharrliche Festklammern an der Forward Guidance mit der Option noch weiter sinkender Zinsen belegt. Wenn sie die Märkte aber nun erneut einlullen und in trügerischer Sicherheit wiegen, ist die Gefahr groß, dass bei einem künftig nötigen Kurswechsel das Erwachen nur umso böser wird. Christopher Kalbhenn, Mark Schrörs – Börsen-Zeitung

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