Niels Annen: G20-Gipfel ist eine Ehre für die Hansestadt

In Rufweite: Hamburg ist ein guter Ort für das Treffen der G20.Die Chance liegt in der direkten Kommunikation. Niels Annen, Hamburger Politiker und außenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, sieht in der Ausrichtung des G20-Gipfels eine Ehre für die Hansestadt.

Niels Annen: G20-Gipfel ist eine Ehre für die Hansestadt

Annen sagte im interview mit der „Heilbronner Stimme“: „Natürlich ist der Gipfel auch eine Belastung für die Hamburger Bürger. Aber ehrlich gesagt wir sind eine Stadt mit einer langen hanseatischen und weltoffenen Tradition, so dass der Gipfel auch eine Ehre für uns ist.“ Annen fügte hinzu: „Für Hamburg ist die Bewältigung des Gipfels eine riesige Herausforderung. Alleine, wenn man die Unterbringung der zum Teil riesigen Delegationen und tausender Polizisten betrachtet. Auch Demonstrationen machen ein solches Treffen aus. Ich denke, dass die meisten Demonstranten friedlich für ihre Interessen eintreten werden. Ich persönlich finde: diese Form von Gipfeltreffen muss eine Demokratie aushalten, auch in einer Großstadt.“

Zur Frage nach möglichen Gewalttaten sagte Annen: „Niemand kann ausschließen, dass es auch zu gewalttätigen Ausschreitungen kommt. Wir wissen, dass sogenannte Autonome aus ganz Europa nach Hamburg reisen wollen. Darauf hat sich die Polizei vorbereitet. Ungefähr 20.000 Polizistinnen und Polizisten sind im Einsatz. Es geht doch auch darum, friedliche Demonstrationen zu schützen. Hamburg hat gerade erst mit der Elbphilharmonie ein neues Wahrzeichen erhalten. Jetzt kann es unter Beweis stellen, dass sich internationale Gipfeltreffen und friedliche Proteste nicht ausschließen müssen. Ich hoffe, dass sich die Mühe lohnt.“

Annen hofft, den Geist von Helmut Schmidt zu beschwören: „Weil ich aus der Stadt von Helmut Schmidt komme, auf dessen Initiative die Idee mit den Weltwirtschaftsgipfeln ja zurückgeht, hoffe ich, dass wir auch ein bisschen von seinem Ursprungsgedanken an solche Treffen wiederbeleben können. Seine Absicht war, dass am Rande von Gipfeln die wichtigsten Politiker der Welt ohne einengendes Korsett miteinander reden können. Beim vorletzten Gipfel trafen sich Präsident Obama und Präsident Putin ungeplant auf einer Couchgarnitur und sprachen über den Ukraine-Konflikt. Dieses hat zwar den Krieg nicht beendet, war aber dennoch ein Fortschritt. Ich wünsche mir, dass Hamburg uns ähnliche Fortschritte bringen kann.“

Zur Frage nach dem Gipfelthema Welthandel sagte Annen: „Ich habe große Sorge, dass wir vor einer protektionistischen Wende in der Handelspolitik stehen. Das hätte beispielsweise für meine Heimatstadt Hamburg mit ihrem großen Hafen gravierende Folgen. Meine Erwartungen an den Gipfel bezüglich dieses Themas sind aber gedämpft. Die Taktik von Angela Merkel, Trump den Welthandel sanft erklären zu wollen, hat leider bislang nicht gefruchtet. Wir können uns den Präsidenten nicht so erziehen, wie wir möchten. Was mir fehlt, ist die Vielfältigkeit der Beziehungen. Natürlich ist es richtig, dass die Kanzlerin mit dem Präsidenten spricht. Aber wir müssen noch stärker denen in den USA die Hand reichen, die Herrn Trump nicht gewählt haben. Umweltministerin Hendricks war unlängst in Kalifornien. Sie schmiedet Allianzen mit Bundesstaaten, die mit Trumps Klimapolitik nicht einverstanden sind.“ Heilbronner Stimme

In Hamburg fällt immer wieder der Name der Nordseeinsel in der Deutschen Bucht. Warum machen die das nicht auf Helgoland? Also schon irgendwie in Deutschland, aber möglichst jwd, wie der Berliner sagen würde, janz weit draußen. Angesichts der angespannten Situation in der Hansestadt ist der Wunsch verständlich. Gleichzeitig kann er als Symptom einer Befindlichkeit dienen, die sich überall in Deutschland, in Europa, in der ganzen Welt unter denen breitmacht, die satt und zufrieden sind: Die Probleme sollen bitteschön jottwedee bleiben. Es reicht, wenn wir sie abends für zehn Minuten Nachrichten in unser Wohnzimmer lassen. In Hamburg beim Treffen der G20 – der 19 führenden Industrie- und Schwellenländer sowie der EU – liegen nichts weniger als die Probleme der Menschheit auf dem Präsentierteller: Hungertod in Zeiten von Überproduktion, extreme Armut in Zeiten von Turbokapitalismus, Umweltzerstörung wider besseren Wissens (und in Kenntnis besserer Technologien), Bildungsferne bei zunehmender Digitalisierung.

Die Rechnung ist ganz einfach: Wenn sich eine starke Minderheit global ausbreitet, muss es die schwache Mehrheit ausbaden. Dieses Ungleichgewicht ist zudem ein nicht endender Quell kriegerischer Konflikte. Der damalige US-Präsident Bill Clinton regte vor 20 Jahren aus guten Gründen diese Form des internationalen Austauschs an. Die Frage ist, ob die starke Minderheit die Probleme lösen kann, indem sie sich einmal im Jahr auf einem Monstrum von Konferenz mit der schwachen Mehrheit beratschlagt. Kritiker der G20-Treffen bezweifeln das zu Recht. Doch was ist die Alternative? Stellen wir uns vor, die Delegationen reden nicht offiziell miteinander oder nicht mal aneinander vorbei. Sie begegnen sich auch nicht inoffiziell auf den Gängen und ja, in den Restrooms der Tagungsräume. Sie versuchen nicht, ohne Dolmetscher ein paar Höflichkeiten auszutauschen. Man hätte sich vielleicht 130 Millionen Euro und viel Krawall gespart. Aber auch die Chance vertan, die in der direkten Kommunikation liegt: Nur ein Bruchteil dessen, was Menschen mitteilen, läuft verbal, also wortwörtlich, ab.

Der Großteil davon geschieht auf unbewusster Ebene. Menschliche Politik – und darum geht es letztlich bei diesem Treffen – ist nicht möglich, ohne das Zwischenmenschliche zuzulassen, auszuhalten und zu pflegen. Fortschritte auf diesem Weg werden sich nicht in den mehr oder weniger leeren Worthülsen finden, mit denen solche Konferenzen meist enden. Aber auch wenn sie zunächst unsichtbar bleiben, wirken sie nachhaltig. Sehr wohl sichtbar und spürbar ist der Protest in den Straßen Hamburgs. Solange er nicht zu Zerstörung und Tätlichkeiten führt – was leider bereits der Fall war – hat er sein Gutes: Er stellt das Leiden der Welt in einen anderen Zusammenhang. Er ist die undiplomatische Stimme, die im Chor der Diplomaten fehlt. Angeprangert wird, dass ausgerechnet diejenigen, die für die größten Auswüchse verantwortlich sind, sich nun in den Reihen der Problemlöser präsentieren: US-Präsident Donald Trump, der das Klimaabkommen aufgekündigt hat, ist das Paradebeispiel.

Während Bundeskanzlerin Angela Merkel diplomatisch bleiben muss, formulieren die Kritiker, die ihr Grundrecht auf Demonstration wahrnehmen, unverblümt, was sie von Trump, Putin und Erdogan halten. Die Kritik der Globalisierungsgegner ist in vieler Hinsicht berechtigt. In Hamburg – und nicht auf Helgoland – hat sie auch beste Chancen, sowohl von der breiten Bevölkerung als auch von den Delegierten wahrgenommen zu werden. Am Tor zur Welt begegnet man sich in Rufweite. Mittelbayerische Zeitung

Ihre Meinung ist wichtig!

Persönliche Angaben freiwillig! Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.