Strack-Zimmermann: Flexibles Rentenmodell statt immer neuer Altersgrenzen

Ausbildung als Existenzkampf

Für ein alterndes Land, das von seinem technologischen Wissen zehrt, ist Nachwuchsförderung keine Frage des guten Willens, sondern der nackten Existenz. Jedes Kind, das durchs Raster fällt, wird fehlen im Kampf um den Erhalt unseres Wohlstands. Das hat sich soweit auch herumgesprochen.

Strack-Zimmermann: Flexibles Rentenmodell statt immer neuer Altersgrenzen

Der Ausbildungsmarkt bietet insgesamt den Jugendlichen heute ungleich bessere Chancen als noch vor zehn Jahren. Nur kommt das Ruhrgebiet nicht mit. Nach wie vor gibt es hier zu wenige kleine und mittlere Betriebe, und nach wie vor gibt es hier mehr Jugendliche, die nach der Schule nicht reif sind für eine Lehre.

Ausbildung als Existenzkampf

Deshalb ist es so schwierig, an die gesellschaftliche Verantwortung zu appellieren. Jeder einzelne Betrieb, der in seinem ganz eigenen Existenzkampf steckt, muss entscheiden, ob er sich einen Azubi leisten kann, der mehr Zuwendung benötigt als es das Tagwerk eigentlich erlaubt. Was aber viele nicht im Blick haben: Wer in einigen Jahren neue Fachkräfte braucht, weil die alten in Rente gehen, aber keinen eigenen Nachwuchs ausbildet, wird lange suchen oder mehr zahlen müssen als andere. Dann sind jene im Vorteil, die allen Widrigkeiten zum Trotz ausgebildet haben. Stefan Schulte Westdeutsche Allgemeine Zeitung

Zur Forderung des Bundesvorsitzenden der Jungen Union (JU), Paul Ziemiak, nach einer kontinuierlichen Erhöhung des Renteneintrittsalters erklärt die stellvertretende FDP-Bundesvorsitzende Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann: „Die Vorschläge der Jungen Union sind für die Praxis völlig untauglich. Herr Ziemiak knüpft hiermit nur an die traurige Tradition seiner Amtsvorgänger an, Alt gegen Jung ausspielen zu wollen.

Schon heute können ältere Menschen kaum von der staatlichen Rente leben. Aufgrund der Tatsache, dass kaum jemand bis 67 arbeitet und dies in vielen handwerklichen Berufen aufgrund der körperlichen Beanspruchung auch gar nicht zumutbar ist, bedeutet jedes Jahr eines späteren Renteneintritts eine faktische Rentenkürzung.

Die Freien Demokraten fordern daher bereits seit zwei Jahren mit Nachdruck ein flexibles Rentenmodell und die Abschaffung einer starren Altersgrenze. Hierbei soll jeder Versicherte die Bezüge erhalten, die er sich mit seinen Beiträgen erworben hat, da es den deutschen Einheitsrentner ebenso wenig gibt wie den deutschen Einheitsbürger. Starre Regelungen sind daher fehl am Platze.

Des weiteren fordern wir Freien Demokraten, Hinzuverdienstmöglichkeiten für Rentner zu ermöglichen und Hinzuverdienstgrenzen komplett abzuschaffen. Für erwerbstätige Rentner sollen sowohl die Arbeitnehmer- als auch die Arbeitgeberbeiträge zur Arbeitslosenversicherung wegfallen. Versicherte können so ab dem 60. Lebensjahr ihre Arbeitszeit reduzieren und den Verdienstausfall durch Bezug einer Teilrente teilweise kompensieren oder – wenn sie möchten – länger arbeiten.“ FDP

 Vorschlag des JU-Vorsitzenden zum Rentenalter: Falsche Stellschraube

Paul Ziemiak hat einen Großteil seines Arbeitslebens noch vor sich. Der JU-Vorsitzende studiert Unternehmenskommunikation und ist nebenher für eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft tätig. Man darf annehmen, dass Ziemiak, auch dank seiner politischen Kontakte, einen gut dotierten Job finden wird, der ihn körperlich wenig beansprucht. Wenn der JU-Chef nun fordert, das Renteneintrittsalter an die statistische Lebenserwartung zu koppeln, dann mag das vor seinem persönlichen Erfahrungshorizont vielleicht Sinn ergeben. Der smarte Christdemokrat blendet aber jene aus, die, anders als er und seine Klassenbrüder und -schwestern, Jobs haben, die man mit 67 oder 70 nicht mehr ausüben kann.

Das betrifft Krankenschwestern und Dachdecker ebenso wie Lehrer oder Sachbearbeiter im Jobcenter. Für viele Berufsgruppen kommt jede Erhöhung des Renteneintrittsalters einer Kürzung gleich. Denn wer früher geht, muss Abzüge hinnehmen. Ziemiak will seinen Vorstoß als Beitrag zur Diskussion um die Zukunftsfähigkeit der Rentenversicherung verstanden wissen. Sicher stellt der demografische Wandel das Umlageverfahren vor große Herausforderungen, aber es gibt andere Stellschrauben, an denen man drehen könnte. So müsste man endlich Beamte und Freiberufler ins System holen sowie Lohnabschlüsse vereinbaren, die die gestiegene Produktivität vollumfänglich abbilden. Aber das wäre wohl zu viel Sozialismus für einen wie Ziemiak. neues deutschland

Stärkstes Rentenplus seit 23 Jahren

Nach den nun vorliegenden Daten des Statistischen Bundesamtes und der Deutschen Rentenversicherung Bund steht die Rentenanpassung zum 1. Juli 2016 fest: In Westdeutschland steigt die Rente um 4,25 Prozent, in den neuen Ländern um 5,95 Prozent. Damit beträgt der aktuelle Rentenwert (Ost) nun 94,1 Prozent seines Westwertes (bisher: 92,6 Prozent).

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles: Die diesjährige Rentenanpassung ist das stärkste Plus seit 23 Jahren. Die Rentnerinnen und Rentner profitieren damit unmittelbar von der guten Lage auf dem Arbeitsmarkt, dem Wachstum der Wirtschaft und steigenden Löhnen. Die umlagefinanzierte Rente bewährt sich. Das ist eine gute Nachricht, gerade in Zeiten niedriger Zinsen. Die Erhöhung hat keine Auswirkung auf den Beitragssatz zur Rentenversicherung, dieser bleibt in den kommenden Jahren stabil bei 18,7 Prozent.
Einzelheiten:

Grundlage der Rentenanpassung ist die Lohnentwicklung. Die für die Rentenanpassung relevante Lohnsteigerung beträgt 3,78 Prozent in den alten Ländern und 5,48 Prozent in den neuen Ländern. Sie basiert auf der vom Statistischen Bundesamt gemeldeten Lohnentwicklung nach den volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR), wobei der Einfluss der Arbeitsgelegenheiten mit Entschädigungen für Mehraufwendungen („Ein-Euro-Jobs“) außer Acht bleibt. Darüber hinaus wird die beitragspflichtige Entgeltentwicklung der Versicherten berücksichtigt, die für die Einnahmensituation der gesetzlichen Rentenversicherung entscheidend ist. Dabei kommt auch ein statistischer Sondereffekt aufgrund der Revision der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) aus dem Jahr 2014 zum Tragen, der die anpassungsrelevante Lohnentwicklung bei der diesjährigen Rentenanpassung um rund einen Prozentpunkt steigert. Damit wird der statistische Effekt, der die letztjährige Rentenanpassung gedämpft hatte, wieder ausgeglichen.

Neben der Lohnentwicklung wird durch den Nachhaltigkeitsfaktor die Entwicklung des zahlenmäßigen Verhältnisses von Rentenbeziehenden zu Beitragszahlenden bei der Anpassung der Renten berücksichtigt. In diesem Jahr wirkt sich der Nachhaltigkeitsfaktor mit rechnerisch + 0,18 Prozentpunkten steigernd auf die Rentenanpassung aus. Außerdem wird durch den so genannten Faktor Altersvorsorgeaufwendungen die Veränderung der Aufwendungen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer beim Aufbau ihrer Altersvorsorge auf die Anpassung der Renten übertragen. Da der Beitragssatz in der allgemeinen Rentenversicherung des Jahres 2015 (18,7 Prozent) gegenüber dem Jahr 2014 (18,9 Prozent) um 0,2 Prozentpunkte gesunken ist und die sogenannte „Riester-Treppe“ bereits 2013 letztmals zur Anwendung kam, wirkt der Faktor Altersvorsorgeaufwendungen in diesem Jahr rechnerisch mit 0,26 Prozentpunkten anpassungssteigernd.

Auf Basis der vorliegenden Daten ergibt sich damit eine Anhebung des aktuellen Renten-werts von gegenwärtig 29,21 Euro auf 30,45 Euro bzw. eine Anhebung des aktuellen Rentenwerts (Ost) von gegenwärtig 27,05 Euro auf 28,66 Euro. Dies entspricht einer Rentenanpassung von 4,25 Prozent in den alten Ländern und von 5,95 Prozent in den neuen Ländern. Damit beträgt der aktuelle Rentenwert in den neuen Ländern nun 94,1 Prozent seines Westwerts (bisher 92,6 Prozent). Bundesministerium für Arbeit und Soziales

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