Wirtschaftswissenschaftler Bontrup: Nicht nur Air Berlin wird pleite gehen

Flugausfälle bei Air Berlin seit Insolvenz um 450 Prozent gestiegen

Die Flugausfälle bei Air Berlin sind nach Anmeldung der Insolvenz eklatant gestiegen. Das ergibt sich aus Zahlen des Flugrechteportals Flightright, die dem Tagesspiegel vorliegen. Air Berlin hatte am 15. August Insolvenzantrag gestellt. Vom 15. bis zum 22. August sind nach Daten des größten deutschen Flugportals rund 160 Flüge gestrichen worden, das sind 3,5 Prozent aller 4500 Air Berlin-Flüge.

Wirtschaftswissenschaftler Bontrup: Nicht nur Air Berlin wird pleite gehen

Der Wirtschaftswissenschaftler Heinz-J. Bontrup ist davon überzeugt, dass die Fluglinie Air Berlin nicht die einzige bleiben wird, die Insolvenz anmelden muss. „Am Fliegerhimmel tobt ein erbarmungsloser Preiskampf mit Billigtarifen. Auf vielen Flügen decken die Preise nicht einmal die Kerosinkosten. Welch eine selbstzerstörende Pervertierung des Konkurrenzsystems“, schreibt Bontrup in einem Gastbeitrag für die in Berlin erscheinende Tageszeitung „neues deutschland“.

Gleichzeitig freue sich die Konkurrenz, die ihrem Ziel einer Marktbeherrschung immer näher komme: „Kein Unternehmer will das Verhältnis der Konkurrenz. Erst im Monopol vollendet sich die Forderung nach maximaler Rendite, so wie sich jeweils der Krieg der Konkurrenz in der Hoffnung eines jeden Wettbewerbers nach der Überwältigung der anderen erfüllt“, so der Sprecher der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik.

Das »Wolfsgesetz der Konkurrenz« wirkt laut Bontrup weiter. Wie paradox dies am Ende sei, „zeigt sich darin, dass dem unsäglichen Billigfliegen nur durch die Aufhebung der Konkurrenz der Garaus gemacht werden kann“. neues deutschland

Kein neues Monopol

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) überspannt den Bogen, wenn er eine weitgehende Übergabe der untergehenden Air Berlin an den Marktführer Lufthansa fordert. Richtig ist zwar, dass Deutschland eine starke Lufthansa braucht, damit der größte Industriestaat Europas viele Direktverbindungen in andere Länder und Übersee hat. Verständlich ist auch, dass die Beschäftigten von Air Berlin lieber beim Lufthansa-Ableger Eurowings unterschlüpfen als beim Lohndrücker Ryanair. Aber wirkliche Dominanz der Lufthansa-Gruppe in der Heimat darf nicht entstehen. Was muss geschehen? Lufthansa sollte ruhig wichtige Teile von Air Berlin übernehmen – alleine, weil es keine anderen Interessenten gibt. Auch die Langstreckenflüge ab Düsseldorf hätten beim Kranich eine gute Heimat – sofern es Bestandsgarantien gibt. Aber bei den Rennstrecken ab Düsseldorf und Berlin müssen die Kartellbehörden aufpassen: Wenn Monopole drohen, muss durchgesetzt werden, dass Flugrechte an Wettbewerber wie Easyjet, Vueling oder Ryanair übergehen. Konkurrenz belebt das Geschäft. Reinhard Kowalewsky (RP)

Lufthansa würde nach Übernahme von Air Berlin auf vielen Strecken ein Monopol erreichen

Die Deutsche Lufthansa und ihr Ableger Eurowings erreichen auf vielen Strecken ein Monopol, falls sie den insolventen Wettbewerber Air Berlin und dessen Ableger Niki ganz übernehmen würde. Zu diesem Ergebnis kommt eine von der in Düsseldorf erscheinenden „Rheinischen Post“ angeregte Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), über die die Zeitung exklusiv berichtet. Laut Berechnung käme Lufthansa ab Düsseldorf als bisher wichtigster Standort von Air Berlin auf einen Marktanteil von 100 Prozent nach Berlin-Tegel, Genf, Florenz, Venedig und Salzburg. Bei Flügen in alle diese Städte ab Düsseldorf ist bisher Air Berlin der einzige Wettbewerber.

Extrem steigen würde der Marktanteil von Lufthansa/Eurowings nach Palma de Mallorca (von 32,1 Prozent auf 73,2 Prozent), Zürich (von 34,3 Prozent auf 71,6 Prozent), Barcelona (von 28,3 Prozent auf 77 Prozent), Malaga (von 25,8 Prozent auf 72,8 Prozent) oder auch Rom (Fiumincino), wo der Marktanteil von 25 Prozent auf 75 Prozent springen würde. Die Marktanteile wurden von der DLR jeweils anhand der angebotenen Flüge im August berechnet. Rheinische Post

Zukunft von Air Berlin

Zurück zu den Zeiten, als es in Deutschland nur Lufthansa gab? Als Fliegen Luxus war? Die frühe Festlegung der beiden Minister Zypries (SPD) und Dobrindt (CSU) auf den größten deutschen Luftfahrtkonzern als praktisch einzigen Nutznießer des Air Berlin-Konkurses ist in doppelter Hinsicht töricht: Erstens wird so möglichen Klagen ausgebooteter Konkurrenten leichtfertig Vorschub geleistet. Auch möglichen Einwänden des Kartellamtes oder der EU-Behörden. Und zweitens wird hier gar nicht erst versucht, eine Lösung zu finden, die die Marktkräfte stärkt, zugunsten der Kunden. Das erinnert alles stark an den Fall Kaisers/Tengelmann. Vor allem im innerdeutschen und im europäischen Luftverkehr hatte Air Berlin der Lufthansa eine sehr wohltuende Konkurrenz geboten. Und das nicht nur wegen der Schoko-Herzchen.

Mit Air Berlin gab es außerdem die Chance, auch im Nordosten des Landes mit Berlin einen wichtigen Flughafenstandort zu entwickeln. Mit einem Einzugsgebiet weit nach Polen und Tschechien hinein. Erst recht, wenn der Berliner Großflughafen BER endlich eröffnet werden würde. Mit der Lufthansa aber bleibt es bei Frankfurt und München als einzige internationale Drehkreuze. Ein Schelm, der der Darmstädterin Zypries und dem Bayern Dobrindt Böses unterstellt. Natürlich müssen die Zahlen für die Gläubiger stimmen. Natürlich muss das Angebot für die Arbeitnehmer stimmen. Das kann am Ende für die Lufthansa sprechen. Aber es muss auch für die Kunden und für die Infrastrukturentwicklung des Landes stimmen. Unter diesen Gesichtspunkten müssen für die Nachfolge die Angebote vom Easyjet, Condor und Tuifly, aber auch des im Luftverkehr schon erfolgreichen Unternehmers Wöhrl sehr ernsthaft geprüft werden. Und zwar ohne Vorfestlegungen. Lausitzer Rundschau

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