16.280 Euro werden in NRW im Minutentakt für rezeptpflichtige Medikamente ausgegeben

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Behandlungen, die nie stattgefunden haben, manipulierte Rezepte, ambulante Therapien, die als stationär abgerechnet werden. Die hohen Ausgaben im Arzneimittelbereich zeigen, wie wichtig weitere Reformen auch bei der Arzneimittelpolitik bleiben.

16.280 Euro werden in NRW im Minutentakt für rezeptpflichtige Medikamente ausgegeben

Niedergelassene Ärzte haben ihren gesetzlich versicherten Patienten in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2015 Arzneimittel im Wert von rund 8,56 Milliarden Euro verordnet – rein rechnerisch sind das 16.280 Euro pro Minute. Damit bekam jeder Versicherte in NRW im letzten Jahr durchschnittlich rezeptpflichtige Medikamente im Wert von rund 558 Euro – 2014 waren es erst 547 Euro. In den Gesamtausgaben sind Zuzahlungen der nordrhein-westfälischen Versicherten von insgesamt 459 Millionen Euro enthalten, was fast 32 Euro pro Kopf entspricht. Das teilte die Techniker Krankenkasse (TK) heute in Düsseldorf unter Berufung auf aktuelle Statistiken des GKV-Spitzenverbandes mit.

„Die hohen Ausgaben im Arzneimittelbereich zeigen, wie wichtig weitere Reformen auch bei der Arzneimittelpolitik bleiben“, betonte Günter van Aalst, Leiter der TK-Landesvertretung NRW. „Bisher konnten die durch das Arzneimittelmarktneuordnungsgesetz (AMNOG) erwarteten jährlichen Einsparungen von bundesweit rund zwei Milliarden Euro nicht annähernd erreicht werden. Kostentreiber sind vor allem neue und teure Arzneimittel gegen Hepatitis-C und Kombinationstherapien gegen Krebs.“

Problematisch aus Sicht der TK: Im ersten Jahr nach der Markteinführung, während der Zusatznutzen für einen neuen Wirkstoff im AMNOG-Prozess geprüft wird, können die Pharmahersteller die Preise frei festlegen. „Das hat dazu geführt, dass regelrechte Mondpreise verlangt werden“, erklärte van Aalst. Christian Elspas, Techniker Krankenkasse

Arzneimittel-Lieferengpässe durch bessere Rabattverträge der Krankenkassen ausschließen

Arzneimittel-Rabattverträge der Krankenkassen sollten bei jedem Wirkstoff mit mindestens drei pharmazeutischen Unternehmen geschlossen werden, um Lieferengpässe für Apotheken und Patienten auszuschließen. „Weg von den Exklusivverträgen mit einzelnen Herstellern – und hin zum Mehrpartnermodell“, mahnte Fritz Becker, Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbands (DAV), in seinem Politischen Lagebericht zum Auftakt des 53. DAV-Wirtschaftsforums in Berlin. „Wir fordern, dass somit der Apotheker in entsprechenden Fällen entscheiden kann, welches Rabattarzneimittel er abgibt.“ Auf der Veranstaltung mit Fachvorträgen und Podiumsdiskussionen kommen heute und morgen hochrangige Vertreter von Politik, Wirtschaft und Pharmazie zum Meinungsaustausch zusammen.

„Ich betone, dass wir Apotheker das System der Rabattverträge in seiner Grundidee unterstützen“, sagte Becker. „Leider ist festzustellen, dass die Lieferschwierigkeiten bei einzelnen Rabattvertragsarzneimitteln in letzter Zeit wieder zunehmen. Ich will hier gar nicht urteilen, woran es im Detail liegt. Auf alle Fälle muss die Versorgung des Patienten im Mittelpunkt stehen.“ So müssten die Krankenkassen eben über ihre Ausschreibungssystematik nachdenken, so Becker. Das Ergebnis des Pharmadialogs sei insofern zielführend, als „bei der Ausgestaltung der Rabattverträge den erfolgreichen Bietern sechs Monate zur Umsetzung gewährt werden sollen.“ Etwaige Differenzen zwischen Herstellern und Krankenkassen über die Ausschreibungskriterien müssten die Vertragsparteien jedoch selbst austragen, so Becker.

Mit Blick auf einzelne Krankenkassen, die Apotheken weder das Medikament noch ein Honorar bezahlen wollen, wenn sie aufgrund von Lieferengpässen statt des Rabattarzneimittels ein anderes wirkstoffgleiches Präparat an den Patienten abgegeben haben, fand der DAV-Vorsitzende deutliche Worte: „Wir bekommen von unserem pharmazeutischen Großhandel klare Aussagen zur Nichtlieferfähigkeit von Arzneimitteln. Diese Aussagen müssen genügen – einen zusätzlichen Bürokratieaufwand lehnen wir ab.“ Auch ohne Retaxationen seien Rabattverträge arbeitsintensiv genug, so Becker: „Die Versorgung mit Rabattarzneimitteln bedeutet einen erheblichen Mehraufwand in der Apotheke. Und das schon, wenn das jeweilige Arzneimittel verfügbar ist.“ Dr. Reiner Kern, Christian Splett Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e. V.

Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen

Behandlungen, die nie stattgefunden haben, manipulierte Rezepte, ambulante Therapien, die als stationär abgerechnet werden – das Spektrum des Betrugs im Gesundheitswesen ist riesig. Experten gehen davon aus, dass sich der jährliche Schaden in Deutschland auf mehrere Hundert Millionen Euro beläuft. Transparency International spricht gar von bis zu 20 Milliarden Euro, werden Korruption und Verschwendung dazu gezählt. Das ist der wirtschaftliche Schaden, der dem System durch kriminelle Machenschaften von Pflegediensten, Ärzten und anderen Anbietern zugefügt wird. Es gibt indes noch eine Ebene. Es ist perfide, wie mit höchster krimineller Energie das Vertrauen hilfebedürftiger Menschen ausgenutzt wird, um sich zu bereichern. Die Menschen befinden sich in einem Abhängigkeitsverhältnis, sind auf fremde Hilfe angewiesen und können nicht mal eben den Anbieter wechseln. Deshalb ist es richtig, dass jetzt unangemeldete Kontrollen und Ermittlerteams gegen Abrechnungsbetrug gefordert werden. Die Bremer Prüfgruppe der Krankenkassen beweist, dass die gezielte Verfolgung mit Spezialisten erfolgreich ist. Sabine Doll, Weser-Kurier

Ehrliche Apotheker nicht diffamieren

Jedes Jahr rechnen Apotheken mehr als 460 Millionen Rezepte mit der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) ab. Dabei werden rund 750 Millionen ärztlich verordnete Arzneimittel abgegeben. „Die überwältigende Mehrheit der Apotheker in Deutschland versorgt die Patienten nach bestem Wissen und Gewissen und rechnet auch die Rezepte ordnungsgemäß mit der jeweiligen Krankenkasse ab“, sagt Fritz Becker, Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbandes (DAV), angesichts jüngst veröffentlichter Vorwürfe von Abrechnungsbetrug durch einzelne Apotheker zulasten der GKV.

„‚Schwarze Schafe‘, die Urkundenfälschung oder Betrug begehen, müssen im Interesse der ehrlichen Mehrheit strafrechtlich konsequent verfolgt werden. Aber man darf nicht einzelne Betrugsfälle zu einem angeblich massenhaften Phänomen hochstilisieren und damit den Berufsstand in seiner Gesamtheit diffamieren. Für einige spektakuläre Einzelfälle 20.000 Apotheken mit 150.000 Beschäftigten in ‚Sippenhaft‘ zu nehmen ist falsch – auch gegenüber den Patienten, die sich mit existenziellen Gesundheitsfragen vertrauensvoll an ihre Apotheke vor Ort wenden.“

Becker weiter: „Das Apothekenwesen ist eines der am weitesten digitalisierten und am strengsten regulierten Bereiche der Gesundheitswirtschaft. Moderne Softwaresysteme sorgen für große Transparenz bei den Warenströmen. Für Regelverstöße hält neben dem Strafrecht auch das Berufsrecht Sanktionsmöglichkeiten bereit.“ ABDA Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände

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