Aktuelle Krankenstands-Analyse der DAK 2016

DPtV fordert endlich adäquate Bedarfsplanung für Psychotherapeuten

Woran liegt es, dass die Zahl der durch psychische Erkrankungen bedingten Fehltage binnen zweier Jahrzehnte so enorm gestiegen ist? In erster Linie ist die Verdreifachung der Fälle auf die Digitalisierung der Arbeitswelt zurückzuführen. In den späten 90er Jahren hat diese Entwicklung begonnen, und sie geht immer weiter.

Aktuelle Krankenstands-Analyse der DAK 2016

Als am Neuen Markt die Zukunftsbranchen Internet, Multimedia und Telekommunikation gehandelt wurden, war nicht absehbar, welche gesundheitlichen Belastungen die technische Revolution mit sich bringen würde.

Und vor zehn Jahren hielt das Smartphone Einzug in unseren Alltag – eine Erfindung, die Segen und Fluch zugleich ist. Permante Ablenkung und Erreichbarkeit bleiben nicht ohne Folgen: Das ist eine starke Belastung – ob beruflich oder privat.

Auch wenn es eine Binsenweisheit ist: Menschen sind keine Maschinen. Ihre Leistungsfähigkeit lässt sich nicht beliebig steigern. Das müssen auch die Fleißigen und Ehrgeizigen begreifen, die sich für unentbehrlich halten. Wie entbehrlich sie sind, merken sie oft erst, wenn sie krank sind. Westfalen-Blatt

Die jetzt von der DAK vorgelegten Zahlen zum erneuten Anstieg von Arbeitsunfähigkeitstagen aufgrund psychischer Erkrankungen stärken die wiederholte Forderung nach adäquater Bedarfsplanung. Dipl.-Psych. Barbara Lubisch, Bundesvorsitzende der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung (DPtV), fordert „Wir müssen diesem Trend mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln entgegenwirken. Es werden offensichtlich zu wenige Menschen mit den vorhandenen Behandlungsmöglichkeiten erreicht. Das Ziel muss sein, den Betroffenen bei entsprechenden Arbeitsunfähigkeitszeiten auch eine psychotherapeutische Behandlung anbieten zu können.“

Der Gemeinsame Bundesausschuss hat mit Wirkung zum 1.April 2017 umfangreiche strukturelle Änderungen im Versorgungsangebot der Psychotherapeuten auf den Weg gebracht, die ein zeitnahes Sprechstunden- und Akutversorgungsangebot vorsehen. „Diese Versorgungsangebote erfordern jedoch ausreichende ambulante Behandlungskapazitäten. Genau dafür ist eine am tatsächlichen Behandlungsbedarf orientierte Bedarfsplanung notwendig“, konstatiert Lubisch. Gerade in Regionen wie bspw. Ostdeutschland, dem Ruhrgebiet und auch in ländlichen Regionen ist eine zu geringe Psychotherapeutendichte vorhanden, obwohl gleichzeitig die meisten Fehltage genau dort auftauchen. „In Anbetracht des hohen Leidensdrucks, der immensen Ausfallzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen, wie auch den hohen volkswirtschaftlichen Kosten sind endlich Korrekturen der lang bekannten Fehler in der Bedarfsplanung zu lösen.“

In manchen Planungsbereichen ist ein Psychotherapeut für 9.103 Einwohner vorgesehen (Verhältniszahl Einwohner / Psychotherapeut/in). Bei 246 Fehltagen je hundert Beschäftigten, wie die DAK Analyse zeigt, wären das zwischen 10.000 und 20.000 Fehltage (je nach Anzahl der Erwerbstätigen), die eine (!) Psychotherapeutin bzw. ein Psychotherapeut abfangen müssten. Die DPtV begrüßt daher die vom Gesetzgeber im GKV-VSG (GKV Versorgungsstärkungsgesetz) vorgeschriebene Überarbeitung der Bedarfsplanungsrichtlinie mit besonderem Fokus auf die psychotherapeutische Versorgung.

„In keiner Fachgruppe der wohnortnahen fachärztlichen Versorgung gibt es derartige regionale Unterschiede, geradezu Missstände im Versorgungsangebot. Es bleibt völlig unverständlich, warum die Überarbeitung nicht längst abgeschlossen ist – im Gesetz war dafür der 1. Januar 2017 vorgesehen“, betont Lubisch. „Wir können nicht länger warten, denn die Auswirkungen von psychischen Erkrankungen auf die Erwerbsfähigkeit nehmen offensichtlich von Jahr zu Jahr zu“.

Die Krankenstands-Analyse der DAK zeigt einen alarmierenden Trend an: Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen hat sich in den letzten 20 Jahren mehr als verdreifacht. Die meisten Fehltage entstanden dem Report zufolge im Jahr 2016 aufgrund von Depressionen, akuten Belastungsreaktionen und Anpassungsstörungen. Erstmals sind psychische Erkrankungen bei den Frauen die häufigste Ursache für Fehlzeiten. Dabei gilt für Männer und Frauen, dass die Ausfallzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen auch in 2016 weiter angestiegen sind, sie betragen im Schnitt 38 Tage je Erkrankung. Deutsche PsychotherapeutenVereinigung e.V.

Patientenbeauftragter fordert bessere Versorgung bei psychischen Leiden

Laumann: Erkrankte müssen teilweise wochenlang auf einen Termin warten

Angesichts der steigenden Zahl psychischer Erkrankungen fordert der Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU), eine bessere Versorgung für Betroffene. „Mit Sorge betrachte ich, dass psychische Erkrankungen als Grund von Krankschreibungen stark voranschreiten. Und es ist nicht gut, dass diese Krankheitsfälle immer länger dauern“, sagte Laumann in einem Gespräch mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Es könne nicht sein, dass Erkrankte in einigen Regionen Deutschlands teilweise wochenlang auf einen Termin bei einem Psychotherapeuten warten müssten. „Das muss noch besser angegangen werden“, sagte der CDU-Politiker.

Laumann kritisierte weiter, dass „Versorgungsstrukturen bisher kaum vernetzt sind und Patienten zum Beispiel nach einer stationären Versorgung ambulant nicht vernünftig weiterversorgt werden“. Hier bestehe Handlungsbedarf, allerdings müsste auch auf die Ursachen der steigenden Zahl psychischer Erkrankungen eingegangen werden. „Hier muss man sich auch die Arbeitsbedingungen anschauen, etwa mit der andauernden Erreichbarkeit.“

Laut den am Freitag veröffentlichten Krankenstandsdaten der DAK-Gesundheit für das vergangene Jahr sind psychische Erkrankungen mittlerweile der zweithäufigste Grund für Krankschreibungen. Neue Osnabrücker Zeitung

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