Selbstbetrug Zuckerreduktion: Kalorien gehören in den Fokus der Ernährungsdebatte

Zucker in Fertigprodukten: Bundesregierung verweigert Hilfestellung für Verbraucher

Nur mit einem klaren Bewusstsein für den Kaloriengehalt von Lebensmitteln lässt sich Übergewicht bekämpfen. Fakt ist: Die Kalorienbilanz, das Verhältnis von aufgenommener und verbrauchter Energie, ist für das Gewicht entscheidend. Die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker e.V. (WVZ) fordert daher, Kalorien in den Fokus der Ernährungsdebatte zu stellen.

Selbstbetrug Zuckerreduktion: Kalorien gehören in den Fokus der Ernährungsdebatte

„Die Übergewichts-Debatte läuft falsch. Ständig wird über einzelne Nährstoffe geredet. Dabei sind diese nicht das Problem. Wir sitzen und essen zu viel – und wir haben nicht gelernt, damit umzugehen“, sagt WVZ-Hauptgeschäftsführer Günter Tissen. „Entscheidend für das Gewicht sind die Kalorien. Wer mehr Kalorien aufnimmt, als verbraucht, nimmt zu. Dabei ist es egal, woher diese Kalorien stammen.“ Eine Studie der University of Glasgow zeigt, dass allein durch die Senkung der Gesamtkalorienzahl effektiv etwas gegen Übergewicht getan werden kann.(1) Wissenschaftler der Harvard School of Public Health kamen bei einem Diätvergleich zum gleichen Ergebnis.(2)

„Zucker macht weder krank noch dick“, betont Tissen. „Das ist auch Stand der Wissenschaft. Wer Übergewicht bekämpfen will, muss über die Kalorienbilanz sprechen. Darüber muss in der Öffentlichkeit diskutiert werden.“ Eine repräsentative Umfrage des Marktforschungsinstituts Innofact(3)im Auftrag der WVZ hat gezeigt, dass 60 Prozent der Befragten nicht wissen, was „Energiebilanz“ bedeutet. Nur 42 Prozent achten beim Essen auf den Kaloriengehalt. So ist eine Kontrolle über das Gewicht kaum möglich. Verbraucher müssen auf die Nährwerttabelle schauen. Sie ist auf allen verpackten Lebensmitteln zu finden und liefert klare Informationen zum Kaloriengehalt.

Eine ehrliche Reformulierung braucht eine deutliche Kalorienreduktion

Bei der Reformulierung – der Rezepturänderung von Lebensmitteln – muss es immer um die Gesamtkalorien gehen. Eine Reduktion von Zucker verringert nicht automatisch die Kalorien. Denn Zucker bewirkt in Lebensmitteln mehr als Süße. Unter anderem sorgt er für Konsistenz und Konservierung. Wird Zucker in Lebensmitteln reduziert, muss er durch andere Zutaten ersetzt werden. Im Ergebnis kann das Produkt dann sogar mehr Kalorien haben. Die Befragung von Innofact(4) zeigt, dass manche Verbraucher bei „zuckerreduzierten“ Produkten glauben, davon mehr essen zu können. Ein Trugschluss, der das Problem des Übergewichts verstärken kann. Auch hier gilt: Einzig die Kalorienmenge zählt. Nur wenn bei einer Reformulierung Kalorien reduziert werden, nützt sie den Verbrauchern.

Verband leistet Vorarbeit

Die WVZ selbst hat bereits Maßnahmen ergriffen, um das Wissen über die Kalorienbilanz zu stärken. Auf der Internetseite www.schmecktrichtig.de können sich Verbraucher informieren. Dort gibt es auch einen eigens entwickelten Online-Energiebedarfsrechner. Er sensibilisiert für den Kaloriengehalt und gibt erste Anregungen, wie Bewegung in den Alltag integriert werden kann. Zu finden ist der Rechner unter www.schmecktrichtig.de/energiebedarfsrechner. „Kalorien müssen Thema in der Ernährungsbildung sein – und das schon in der Grundschule. Zudem brauchen Menschen von klein auf Anregungen, die Bewegung im Alltag zur Selbstverständlichkeit machen“, sagt Tissen.

(1) Anderson J. J., Celis-Morales C. A., Makay D. F., Iliodromiti S., Lyall D. M., Sattar N., Gill J. M. R., Pell J. P.: Adiposity among 132479 UK biobank participants; contribution of sugar intake vs other macronutrients; Int J Epidemiol. 2016; 1-10. doi: 10.1093/  ije/dyw173.
(2) Vgl. Sacks, Frank M., et al.: Comparison of Weight-Loss Diets  with Different Compositions of Fat, Protein, and Carbohydrates, New England Journal of Medicine, February 26, 2009.
(3) Repräsentative Umfrage der INNOFACT AG im Auftrag der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker e.V. unter 2.024 Personen im Dezember 2015.
(4) Ebd.

Über die Initiative „Schmeckt Richtig!“

Zucker ist ein Naturprodukt und traditionell Bestandteil einer ausgewogenen Ernährung. Mit der Initiative „Schmeckt Richtig!“ möchte die deutsche Zuckerwirtschaft zur sachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Zucker einladen. Initiative „Schmeckt Richtig!“ – komm.passion GmbH – WVZ Wirtschaftliche Vereinigung Zucker

Zucker in Fertigprodukten: Bundesregierung verweigert Hilfestellung für Verbraucher

Zur aktuellen Warnung von Stiftung Warentest vor zu hohem Zuckergehalt vieler Fertig-Lebensmittel erklärt Nicole Maisch, Sprecherin für Verbraucherpolitik:

Die Zahlen sind erschreckend. Zu vielen Menschen ist kaum noch bewusst, wie viel Zucker sich über den Tag verteilt in Fertigprodukten anhäuft und wie ungesund diese Zuckermassen sind. Die Zahl der Übergewichtigen nimmt in Deutschland zu – 59 Prozent der Männer und 37 Prozent der Frauen sind übergewichtig. Wie vor allem Kinder gefährdet sind, dokumentiert auch der aktuelle Bericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Übergewicht führt zu vielfältigen Gesundheitsproblemen und verschlechtert die Lebensqualität.

Vor fast zwei Jahren hat der Bundestag die Bundesregierung aufgefordert, eine nationale Strategie vorzulegen – für die Reduktion von Zucker, Fetten und Salz in Fertigprodukten. Passiert ist seit dem fast nichts: auf einen versprochenen Zwischenbericht durch Ernährungsminister Schmidt warten wir seit Monaten. Auch zielorientierte Gespräche mit der Wirtschaft hat das Bundesministerium nicht durchgeführt. Eine gut gemachte farblich unterlegte Nährwertampel würde den Verbraucherinnen und Verbrauchern helfen, schnell zu erkennen, ob zu viel Zucker, Salz oder Fett enthalten sind. Aber hier blockiert das CSU geführte Ernährungsministerium seit Jahren.

Auch eine fehlende Regelung in der EU-Health-Claims-Verordnung führt seit Jahren dazu, dass die Lebensmittelwirtschaft Verbraucherinnen und Verbraucher mit Gesundheitswerbung in die Irre führen können. Auf der Verpackung wird zum Beispiel mit gesundheitsfördernden Vitaminen geworben, allerdings enthalten die Produkte gleichzeitig zu viel Zucker, Fett und Salz, sodass sie nicht den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für ausgewogene Lebensmittel entsprechen. Auch hier hat das Bundesernährungsministerium seit Jahren keine Verbesserung erzielt.

Wir fordern die Bundesregierung auf, endlich eine nationale Strategie vorzulegen, eine bessere Nährwertkennzeichnung auf den Weg zu bringen und eine Nachbesserung bei der EU-Health-Claims-Verordnung herbeizuführen. Bündnis 90/Die Grünen

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