Terroranschlag in Berlin: Unsicherheit bedeutet Unfreiheit

Wir alle sind in der Pflicht

Wir wissen noch viel zu wenig über das grauenvolle Geschehen in Berlin, und doch wissen wir genug, um uns auf das in diesem Moment Wichtigste zu besinnen: auf die Trauer um zwölf Menschen, die am Montagabend auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz vollkommen sinnlos ihr Leben verloren haben.

Terroranschlag in Berlin: Unsicherheit bedeutet Unfreiheit

Und auf die Hoffnung, dass die vielen Verletzten vollständig an Körper, Geist und Seele genesen mögen.  Wer beten kann, der sollte es tun. Wo sonst soll neue Zuversicht herkommen? Die Wahrheit ist dramatisch: Nachdem wir im schon so krisenreichen Jahr 2015 noch vornehmlich solidarisch an der Seite unserer aufs Übelste vom Terror heimgesuchten französischen Nachbarn standen, sehen wir zum Ende dieses weltpolitisch keinen Deut besseren 2016 auch Deutschland endgültig im Fadenkreuz der Fanatiker angekommen. Woraus zweierlei folgen kann: Da ist zum einen die zur Gewissheit werdende Angst, dass unser Leben auf unabsehbare Zeit vom Terror begleitet sein wird. Jeden von uns kann es jederzeit treffen. Und da ist ein erster zynischer Hauch von Abstumpfung. Wer kann sich wirklich frei davon machen, die Schreckensnacht von Berlin nicht doch mit dem nach gleichem Muster verlaufenen Attentat von Nizza zu vergleichen?

Beides beweist eindrücklich, dass alle Beschwörungen, nach dem wir uns unser freiheitliches Leben von nichts und niemandem nehmen lassen wollen und werden, hohl zu werden drohen. Sie sind gut gemeint – und sie sind Worte gegen die eigene Ohnmacht. Aber schenken wir ihnen auch Glauben? Ja, wir sind im Krieg gegen den Terror. Noch aber wissen wir nicht, ob wir diesem Krieg gewachsen sind. Wo ein Lkw zum Mordinstrument wird, müssen selbst modernste Sicherheits- und Verteidigungsinstrumente an ihre Grenzen kommen. Wollen wir uns nicht auch von blinder Wut und grenzenlosem Hass leiten lassen, so werden wir weiter zum Reagieren gezwungen sein. Auf dem Berliner Weihnachtsmarkt ist am Montag wieder ein Stück unserer Unbeschwertheit verloren gegangen. Erneut war es ein Angriff von großer Symbolkraft.

Im Schatten der Gedächtniskirche, selbst Ikone dunkelster Stunden der Menschheitsgeschichte, hat sich die Menschenverachtung auf widerlichste Art und Weise Bahn gebrochen. Zwölf Menschen, die nichts weiter als ihre Vorfreude auf die Weihnachtsfeiertage genießen wollten, sind tot. Das Fest des Friedens steht vor der Tür, aber der Frieden ist fern. Und der oder die Täter sind noch nicht gefasst. Trotzdem jedoch und gerade deshalb: Besonnen bleiben, wachsam sein und entschlossen handeln – all das ist jetzt von uns allen gefragt. Es ist eine schwere Prüfung, die mit jedem Anschlag, mit jeder Drohung und mit jedem Fehlalarm größer wird. Doch wir müssen sie annehmen. Westfalen-Blatt

Wir alle sind in der Pflicht

Natürlich werden wir jetzt, nach Berlin, eine neue Sicherheitsdebatte führen. Das ist auch gut so, denn ein Staat, und sei er noch so liberal, muss die Sicherheit seiner Bürger gewährleisten, so gut es geht. Das heißt nicht, dass ein Anschlag automatisch ein Staatsversagen ist – zu zahlreich sind die potenziellen Ziele, nicht nur im Advent. Wir dürfen uns unsere Freude an und in der Öffentlichkeit nicht nehmen lassen, aber wir müssen darüber nachdenken, auf welche Weise wir Taten wie am Breitscheidplatz zumindest erschweren wollen. Warum nicht Festorte mit versenkbaren Pollern abschirmen, warum nicht Weihnachtsmärkte mit Beton-Elementen wie auf der Autobahn schützen? Sicher, das kostet. Vielleicht wird dann nächstes Jahr der Glühwein teurer. Vorkehrungen dieser Art wären aber insgesamt erträglich, sie wären leistbar; vor allem aber könnten sie Leben retten. Wem das nicht reicht, der muss auch über Straßensperrungen im Umkreis von Großveranstaltungen nachdenken.

Das greift schon deutlich tiefer ins Zusammenleben ein – in Berlin gibt es Weihnachtsmärkte an 60 Stellen, und auch in der restlichen Zeit des Jahres finden in unseren Großstädten praktisch ohne Unterbrechung verwundbare Massenveranstaltungen statt. All das ist sozusagen die technische Seite der Sicherheitsdebatte. Das Problem reicht aber tiefer. Sicherheit ist nicht nur eine Aufgabe der Behörden, sie ist auch ein gesellschaftliches Produkt. Unsicher können wir auch sein, wenn ein Dutzend Polizisten mit Sturmgewehr neben uns auf dem Weihnachtsmarkt patrouilliert – weil wir uns eben unsicher fühlen. Doch innere Unsicherheit bedeutet Unfreiheit, sie lähmt uns, ebenso wie die äußere Unsicherheit durch mangelnden Schutz. Der Staat ist also in der Pflicht. Wir Bürger aber sind es auch, jeden Tag. Verschanzen wir uns nicht im Wohnzimmer. Unsere Lebensart speist sich aus der Gemeinschaft. Verteidigen wir sie. Frank Vollmer – Rheinische Post

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