Ärger auf der Kurzstrecke: Chaos im Flugverkehr

Ein empörender wilder Streik bei Air Berlin

Die spontane Krankmeldung von rund 200 Piloten bringt Air Berlin noch näher an den Abgrund. Es ist zwar verständlich, dass die Piloten Übergangsregeln beim Wechsel zu einem neuen Arbeitgeber haben wollen, aber dies mit einem wilden Streik zu erzwingen, ist egoistisch und empörend.

Ärger auf der Kurzstrecke: Chaos im Flugverkehr

Die hoch bezahlten Piloten gefährden die Jobs Tausender schlechter bezahlter Kollegen, während sie selbst die Zukunft gelassen sehen können: Erfahrene Flugzeugführer, gerade für die Langstrecke, sind Mangelware, Piloten können ohne große Schwierigkeiten bei ausländischen Airlines anheuern. Stewardessen, Stewards oder das Bodenpersonal hingegen sind darauf angewiesen, zu halbwegs seriösen Adressen hierzulande zu gehen. Air Berlin kann man nur wünschen, dass es der einzige Streiktag für Monate bleibt. Die Piloten müssen sich fragen, ob es moralisch gerechtfertigt ist, das Unternehmen in den Untergang zu treiben, nur um einen weiteren Vorteil herauszuholen. Und der Gläubigerauschuss muss schnell über den Verkauf von Betriebsteilen entscheiden: Dann gibt es neue Eigentümer – endlich gäbe es wieder Perspektiven für große Teile der Belegschaft. Reinhard Kowalewsky – Rheinische Post

Krankmeldungen sind existenzbedrohend für airberlin

Airberlin ist gezwungen, über 100 der heute geplanten 750 Flüge zu streichen. Grund für die Flugstreichungen ist, dass sich rund 200 der insgesamt 1.500 airberlin Piloten krankgemeldet haben. Überhaupt kein Verständnis hat airberlin für die zahlreichen kurzfristigen Krankmeldungen während des Crewbriefings unmittelbar vor dem Flug oder auf dem Weg zum Flugzeug.

airberlin CEO Thomas Winkelmann sagt: „Die airberlin Mitarbeiter sind bislang sehr professionell mit der schwierigen Situation des Unternehmens umgegangen. Dafür gebührt ihnen große Anerkennung. Das, was wir jedoch heute bei einem Teil der Belegschaft sehen, ist ein Spiel mit dem Feuer. Der heutige Tag kostet uns mehrere Millionen Euro. Wir führen gerade die finalen Gespräche mit möglichen Investoren. Eine stabile Operations ist die zwingende Voraussetzung für ein Gelingen dieser Verhandlungen. Nur so können wir möglichst viele Arbeitsplätze sichern.“

Frank Kebekus, der Generalbevollmächtigte des Unternehmens, sagt: „Die heutigen Ereignisse gefährden das gesamte Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung massiv. Wenn sich die Situation nicht kurzfristig ändert, werden wir den Betrieb und damit jegliche Sanierungsbemühungen einstellen müssen.“

Das Management der airberlin arbeitet derzeit gemeinsam mit dem Generalbevollmächtigten Frank Kebekus und dem Sachwalter Lucas Flöther mit Hochdruck an Verhandlungslösungen für die airberlin. Eine zentrale Rolle bei diesen Verhandlungen spielt der Erhalt so vieler Arbeitsplätze wie möglich. Bis Freitag dieser Woche läuft die Frist für die Angebote der Investoren. Ziel ist, im Gläubigerausschuss am 21. September zu konkreten Entscheidungen zu kommen. Air Berlin

Dürfen sich Piloten plötzlich und in so großer Zahl krank melden und dadurch ihre insolvente Fluggesellschaft ins Chaos stürzen? Auf diese Frage gibt es mindestens eine gesetzliche, eine menschliche und eine an ökonomischer Vernunft orientierte Antwort.

Gesetzlich: Wäre die Krankheitswelle abgesprochen, so verstieße sie gegen das Arbeitsrecht. Doch so lange es keinen Beweis gibt, sind Vermutungen Unterstellung. So lange ist davon auszugehen, dass unter den Air-Berlin-Piloten ein Virus grassiert. Menschlich: In der Tat lösen die Insolvenz des Arbeitgebers und die Furcht um den eigenen Job Stress aus, auch bei gut bezahlten Piloten. Stress wiederum macht anfällig für Erkrankung.

Ökonomische Vernunft: Schon die Unterstellung, es könnte sich um einen wilden Streik handeln, macht Air Berlin weder bei Interessenten für das Unternehmen noch bei den Passagieren attraktiv. Im Gegenteil. Es scheint so, als glaubten die Piloten selbst nicht mehr an eine Zukunft. Der Insolvenzverwalter ist um seine Aufgabe nicht zu beneiden. Er muss schnell eine Lösung finden, die auch vor den Gerichten und Kartellämtern Bestand hat.

Wenigstens sind noch keine Herbstferien. Das mag bedauern, wem der Regen jetzt aufs Gemüt schlägt, doch reisetechnisch ist der späte Ferientermin ein Glück. Denn wenn die Familien in der zweiten Oktoberhälfte in die Ferne schweben wollen, ist die Zukunft von Air Berlin geklärt und die Probleme mit den Sicherheitskontrollen am Düsseldorfer Flughafen sind erledigt. Zumindest darf man das hoffen. Bei Air Berlin verschärft der als Krankmeldung getarnte wilde Streik von 200 Piloten die Krise dramatisch. Wenn es so weiter geht, muss die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft den Betrieb einstellen, bevor die Übernahme geklärt ist. Das kann höchstens Ryanair-Chef O’Leary wünschen.

Gleichwohl ist die Sorge früherer LTU-Piloten verständlich, durch Einstellung der Langstrecken würden sie sofort entlassen. Alles entscheidet sich in den kommenden Tagen. Bei den Sicherheitskontrollen sollte man daran erinnern, dass sie eine Aufgabe der Bundespolizei sind. Wenn ihr Dienstleister versagt, muss sie eben übernehmen. Kann sie aber nicht. Unsere Schlagzeile von gestern: Dramatische Personalnot bei Bundespolizei. Kurzfristig sind Ärger und Empörung groß und berechtigt. Mittelfristig wird Fliegen sicherlich teurer. Langfristig ist das (wg. Umwelt) so schlecht nicht. Harald Ries – Westfalenpost

Unternehmer Wöhrl erhebt bei Air-Berlin-Rettung Vorwürfe gegen Lufthansa und Bundesregierung – „Der Deal ist nicht sauber“.

Der Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl erhebt schwere Vorwürfe gegen die Lufthansa und die Bundesregierung im Zusammenhang mit der Rettung der insolventen Fluglinie Air Berlin. Im stern unterstellt Wöhrl Lufthansa-Chef Carsten Spohr, die Politiker über den Tisch gezogen zu haben. „Ich bin überzeugt davon, die Regierung wurde vorgeführt, der Deal ist nicht sauber“, sagte der 69-Jährige in einem Interview, das in der aktuellen Ausgabe des Magazins erscheint.

Der Luftfahrtunternehmer und Kaufhausbesitzer, der zu den 500 reichsten Deutschen gehört, bietet wie die Lufthansa gerade ebenfalls um Air Berlin. Er wäre bereit bis zu 500 Millionen Euro zu bezahlen. Erst an diesem Montag hatte er ein neues, verbessertes Angebot vorgelegt. Das aber, fürchtet er, werde keine faire Chance haben, weil es „bereits interne Zusagen gibt, aus denen keiner mehr raus kann“.

Nach Ansicht von Wöhrl gab es schon im Vorfeld der Insolvenz Gespräche zwischen Politik und Lufthansa. Er sagte dem stern: „Sofort am gleich Tag der Insolvenz verkündet die Politik dem staunenden Publikum, dass die Regierung mit der Lufthansa einen Notfallplan ausgearbeitet hat. 150 Millionen Euro hat man dafür dem Schäuble so schnell aus den Rippen geleiert? Ja, klar!“

Auch seine Ehefrau Dagmar Wöhrl, die bis vergangene Woche für die CSU im Bundestag saß und gerade als Jury-Mitglied in die TV-Show „Höhle der Löwen“ gewechselt ist, äußert sich in dem stern-Interview zu möglichen Absprachen. „Es gab am Abend vor der Verkündung eine Krisensitzung, hier saß die Lufthansa schon mit am Tisch.“ Quelle stern. Sabine Grüngreiff, Gruner + Jahr

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