Die Bürgerfalle: Warum „Sankt Martin“ seinen Heiligenschein verlor

Julia Klöckner: Schulz auf "Normalmaß" angelangt / "Hype nur Autosuggestion"

Die stellvertretende CDU-Vorsitzende Julia Klöckner bescheinigt SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz zwar, „vorübergehend eine Euphorie entfacht“ zu haben, aber mittlerweile sei Außenminister Gabriel beliebter als er. „Wir kommen in eine Phase, in der Herr Schulz auf Normalmaß angelangt ist“, sagte Klöckner im Interview mit der „Heilbronner Stimme“.

Die Bürgerfalle: Warum „Sankt Martin“ seinen Heiligenschein verlor

Bei der SPD scheine „der Hype Autosuggestion“ zu sein, fuhr Klöckner fort. „Wenn er beispielsweise sagt, er wolle Europa den Bürgern zurückgeben, dann fragt man sich, wann der EU-Spitzenpolitiker Schulz denn den Bürgern Europa entrissen hat?“ Heilbronner Stimme

SPD fällt auf 28 Prozent

Die SPD büßt im Vergleich zur Vorwoche zwei Punkte ein und fällt wieder unter die 30-Prozent-Marke: Im stern-RTL-Wahltrend kommt sie aktuell auf 28 Prozent, während die Union ihre 36 Prozent behauptet und damit ihren Vorsprung auf acht Punkte ausbauen kann. Die Grünen gewinnen einen Punkt hinzu auf 8 Prozent, die AfD verliert einen auf nun ebenfalls 8 Prozent. Bei 8 Prozent stagniert weiterhin die Linke. Um einen Punkt zulegen kann die FDP, die jetzt mit 7 Prozent sicher im Bundestag vertreten wäre. Auf die sonstigen kleinen Parteien entfallen zusammen 5 Prozent. Der Anteil der Nichtwähler und Unentschlossenen beträgt 23 Prozent.

Bei der Kanzlerpräferenz verbessert sich Angela Merkel im Vergleich zur Vorwoche um drei Prozentpunkte, während SPD-Chef Martin Schulz zwei verliert. Wenn der Kanzler direkt gewählt werden könnte, würden sich 47 Prozent aller Wahlberechtigten für Merkel entscheiden und 28 Prozent für ihren Herausforderer Schulz, der damit nun 19 Punkte hinter der amtierenden Kanzlerin rangiert.

Um zwei Prozentpunkte verschlechtert sich auch der Kompetenzwert der SPD, der damit wieder auf das Niveau vor der Nominierung von Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten zurückfällt. Der SPD trauen aktuell nur noch 11 Prozent der Bundesbürger zu, mit den Problemen in Deutschland am besten fertig zu werden. Von der Union aus CDU und CSU glauben dies 32 Prozent. Die Hälfte der Befragten – nämlich 50 Prozent – traut diese Kompetenz keiner Partei zu.

„Es zeigt sich“, sagt Forsa-Chef Manfred Güllner, „dass die SPD mit ihrem neuen Parteivorsitzenden und Kanzlerkandidaten Schulz zwar Sympathien gewonnen hat, aber noch weit davon entfernt ist, stärkste politische Kraft im Land zu werden.“ Allein mit dem Thema Soziale Gerechtigkeit werde sie kaum den nächsten Kanzler stellen können.

Datenbasis: Das Forsa-Institut befragte vom 24. bis 28. April 2017 im Auftrag des Magazins stern und des Fernsehsenders RTL 2502 repräsentativ ausgesuchte Bundesbürger, die durch eine computergesteuerte Zufallsstichprobe ermittelt wurden. Die statistische Fehlertoleranz liegt bei +/- 2,5 Prozentpunkten. Quellestern-RTL-Wahltrend. Sabine Grüngreiff, Matthias Bolhöfer – Gruner + Jahr Unternehmenskommunikation

Kanzlerpräferenz: Schulz verliert, Merkel gewinnt

Vergleicht man die Facebook-Fans von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz und Regentin Angela Merkel, dann spricht Schulz eher traditionelle Arbeiter und Intellektuelle an. Merkel dagegen punktet in der Mitte der Gesellschaft. Wie zwei Burger-Hälften schmiegen sich die Schulz-Anhänger um die Merkel-Fans, die die breite Mitte der Gesellschaft darstellen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie der Pragmatic Analytic Services (PAS), einer gemeinsamen Initiative der Unternehmensberatung und Kommunikationsberatung komm.passion und Data.Science.Consulting. „Mit dieser Basis kann Schulz Medien begeistern, bei Wahlen kann das schwieriger werden“, sagt komm.passion-CEO Prof. Dr. Alexander Güttler.

Der als „Messias“ und „St. Martin“ gefeierte Kanzlerkandidat Schulz weiß seine Fans im liberal-intellektuellen Lager und im Arbeitermilieu hinter sich. Problem: Es handelt sich um Randgruppen der Bevölkerung, um das Brötchen beim Burger: Lediglich 9,4 Prozent sind liberal-intellektuell, nur 3,9 Prozent gehören zur klassischen Arbeiterschaft – Tendenz sinkend. PAS hat die Fan-Base von Martin Schulz auf Facebook untersucht. Schulz-Anhänger stehen auf die Bürgerbewegung „Campact“, das Satiremagazin „Der Postillon“, „Zeit Online“, „Ärzte ohne Grenzen“, „fairtrade“ und „Amnesty International“. Auch das traditionelle Arbeitermilieu mit Facebook-Vorlieben für Gewerkschaften, Grundeinkommen und Arbeiterwohlfahrt wählt eher Schulz als Merkel.

„So beseelt der traditionelle Arbeiter von Schulz auch sein mag, große Wählermasse bringt das nicht. Wer die Wahl gewinnen will, muss die Mitte der Gesellschaft auf seine Seite bringen. Und die fühlt sich – derzeit – wohl unter Kanzlerin Merkel“, sagt Kommunikationsprofi Prof. Dr. Alexander Güttler.

Der Ruf als „mächtigste Frau der Welt“, als bedachte und beständige Hüterin einer prosperierenden Wirtschaft beschert der Bundeskanzlerin eine breite Anhängerschaft. Ihre Fans sind laut der PAS-Studie das saftige Fleisch in der Mitte des Burgers. Das traditionell bürgerliche Milieu findet Merkel ebenso gut wie das moderne Arbeitermilieu oder die Hedonisten. Ihre Fans liken Lidl und Nutella ebenso wie Barack Obama, Mercedes Benz ebenso wie Deichmann. Dies ist breit, aber auch vielfältig anschlussfähig.

Martin Schulz dagegen tritt als eine Art „Helmut Kohl re-loaded“ auf, wie Sprachanalysen der ersten Reden beider zeigen. Kohl beschwor in seiner historischen Antrittsrede als CDU-Vorsitzender von 1973 „Wohlstand“ und die „Gemeinschaft der nach uns Kommenden“. „Rot-Kohl“ Schulz spricht von „Gerechtigkeit“ und „Perspektive für unsere Kinder“. Beide blieben unkonkret und in der eigenen Retter-Rolle verhaftet. Vielfach sind die Formulierungen austauschbar. Weitergedacht muss Merkel also erneut mit einem Typus Politiker in den Ring steigen, dem sie einst auf den CDU-Thron folgen konnte. Gernot Speck – komm.passion GmbH

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