Kostenfalle Girokonto: So zahlen Filialkunden durchschnittlich nur halb so viel Gebühren

Geldpolitik der Sparkassen: Das Filialsterben wird weitergehen

Der Finanztip-Vergleich zeigt: Wer sein Konto aktiv nutzt, fährt mit den klassischen Modellen oft am schlechtesten. „Bei klassischen Kontomodellen berechnen viele Banken jede Leistung einzeln. Um mit Privatkunden überhaupt noch Geld verdienen zu können, ist bei den Banken und Sparkassen Sparen das Gebot der Stunde.

Kostenfalle Girokonto: So zahlen Filialkunden durchschnittlich nur halb so viel Gebühren

Dass die Privatkunden für ihre Guthaben negative Zinsen – sprich eine Art Aufbewahrungsgebühr – zahlen müssen, galt lange als absolutes Tabu in der Branche. Die Banken, die vorpreschen, haben Angst, von den Kunden abgestraft zu werden. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Damm bricht. Vielleicht geschieht das noch 2016. Ost-Sparkassenpräsident Michael Ermrich deutete am Dienstag an, dass zumindest vermögende Kunden zur Kasse gebeten werden könnten. Wahrscheinlich ist, dass Guthaben über 100 000 Euro mit Strafzinsen belegt werden. Unklar bleibt, wie die Kunden darauf reagieren werden. Nehmen sie es mürrisch hin oder flüchten sie noch stärker in Anlagen wie Gold und Immobilien? Mitteldeutsche Zeitung

Mit der Ankündigung, die Gebühren beim Girokonto ab Oktober um bis zu ein Drittel zu erhöhen, sorgte die Hamburger Sparkasse im Juli bundesweit für Schlagzeilen. Der Grund: die Niedrigzinspolitik der EZB. Auch andere Banken drehen deshalb beim Girokonto derzeit kräftig an der Gebührenschraube. Kunden müssen sich mit hohen Kosten jedoch nicht abfinden. Ein aktueller Finanztip-Vergleich zeigt: Wer bei seiner Filialbank das richtige Kontomodell wählt, zahlt durchschnittlich 50 Prozent weniger.

Laut einer aktuellen Studie des Branchenverbandes Bitkom haben nur 23 Prozent der Deutschen jemals ihr Girokonto gewechselt. „Viele Verbraucher schreckt die Komplexität“, sagt Josefine Lietzau, Bankexpertin bei Finanztip. „Schließlich hängen am Girokonto nicht nur zahlreiche Zahlungsaufträge, sondern oft auch noch die Kreditkarte oder ein Tagesgeldkonto.“ Dennoch müssen sich Filialbankkunden mit hohen Kosten ihres aktuellen Girokontos nicht abfinden, denn die meisten Filialbanken bieten verschiedene Kontomodelle mit unterschiedlichen Gebühren an. Ein aktueller Finanztip-Vergleich zeigt: Wer hier das richtige Kontomodell wählt, kann kräftig sparen.

Kontomodelle sind für Laien schwer nachzuvollziehen

„Laien fällt es oft schwer, die Modelle zu vergleichen, da die Gebühren verwirrend dargestellt werden oder online nicht zu finden sind“, sagt Josefine Lietzau. Finanztip hat deshalb die Kosten verschiedener Kontomodelle bei Filialbanken durchgerechnet. Grundlage waren einige zufällig ausgewählte Regionalbanken sowie überregionale Banken mit mindestens 100 Filialen in Deutschland. Für die Berechnung wurde angenommen, dass ein Beispielkunde pro Jahr 25 Überweisungen mit Beleg durchführt, dreimal Geld am Fremdautomaten abhebt und eine Kreditkarte zum Konto nutzt, die er auch im Auslandsurlaub im Einsatz hat.

Klassische Modelle kosten oft am meisten

Der Finanztip-Vergleich zeigt: Wer sein Konto aktiv nutzt, fährt mit den klassischen Modellen oft am schlechtesten. „Bei klassischen Kontomodellen berechnen viele Banken jede Leistung einzeln. Das kommt Verbraucher oft teurer als pauschale Angebote, die viele Leistungen inkludiert haben“, erklärt die Finanztip-Expertin. Beim Wechsel vom klassischen Kontomodell auf das Pauschalmodell der Bank können Verbraucher im Finanztip-Vergleich ihre Gebühren um durchschnittlich 26 Prozent senken. In nur einem Fall war das Pauschalmodell teurer.

Das größte Sparpotenzial ergibt sich jedoch, wenn Kunden das Online-Kontomodell der jeweiligen Bank wählen. Falls die Bank ein solches Modell nicht explizit anbietet, sollten Kunden alle ihre Bankgeschäfte über den heimischen Computer erledigen. „Überweisungen per Telefon und beleghafte Überweisungen sind absolute Kostentreiber. Wer darauf verzichtet, kann seine Gebühren deutlich reduzieren“, sagt Josefine Lietzau. „In unserer Vergleichsrechnung konnten wir durch Online-Banking die Gebühren für das Girokonto im Durchschnitt um 50 Prozent senken. In einem Fall fielen sogar gar keine Gebühren mehr an.“

Leistungen und Gebühren genau prüfen

Wer also den Bankwechsel scheut, sollte die Konditionen seines Kontos genau kontrollieren. „Insbesondere wenn Post mit einer Gebührenerhöhung ins Haus flattert, sollten Verbraucher Leistungen und Gebühren unbedingt kritisch überprüfen“, betont Lietzau. Falls die Preis- und Leistungsverzeichnisse der Bank zu kompliziert gestaltet sind oder das eigene Nutzungsverhalten nur schwer einschätzbar ist, empfiehlt die Expertin das direkte Gespräch mit der Bank. „Der Berater hat Zugriff auf alle persönlichen Daten und kann das passende Konto für den Kunden leicht heraussuchen.“ Marcus Drost – Finanztip Verbraucherinformation gemeinnützige GmbH

Bankenfusionen

Unsere Banken sollen zu klein sein – war da nicht mal was? Während der großen Finanzkrise 2008/09 war es das große Glück der Banken, dass der Staat sie als „systemrelevant“ einstufte. Viele Geldhäuser mussten gestützt, die Commerzbank gar gerettet werden. Sie war wie auch andere Institute zu groß, um fallen gelassen zu werden, „too big to fail“. Nach der Krise wurde deshalb über die Zerschlagung von Großbanken diskutiert. Insofern darf man sich durchaus kurz schütteln, wenn die Bankchefs heute einer Fusionswelle das Wort reden, weil sie meinen, es gäbe zu viele und deshalb zu kleine Anbieter.

Für einen halbwegs gesunden Wettbewerb braucht es ein Minimum an Vielfalt. Bei einer Fusion der Deutschen Bank samt ihrer Tochter Postbank mit der Commerzbank (in der die Dresdner aufging) bliebe an deutschen Privatbanken mit Filialnetz nicht viel mehr als diese eine Großbank übrig. Dazu wird es fürs erste nicht kommen. Eher steht zu erwarten, dass die Filialbanken zuerst für sich die nächsten Sparprogramme auflegen, um sich schlank zu machen für die anschließende nächste Hochzeit.

Trotzdem sind die Klagen der Banker, mit dem Privatkundengeschäft kaum noch Geld verdienen zu können, berechtigt. Aus Sorge um die Konjunktur vor allem in Südeuropa hat die Europäische Zentralbank Guthabenzinsen weitgehend abgeschafft. Geldinstitute, die Bares bei der EZB parken, müssen dafür sogar einen Strafzins zahlen. Dass sie entsprechend knauserig ihren eigenen Kunden gegenüber sind, verwundert da wenig. Die Möglichkeiten, mit dem Geld ihrer Kunden gewinnbringend zu arbeiten, sind so begrenzt wie seit Jahrzehnten nicht.

Um mit Privatkunden überhaupt noch Geld verdienen zu können, ist bei den Banken und Sparkassen Sparen das Gebot der Stunde. Sie streichen Personal zusammen und schließen eine Geschäftsstelle nach der anderen. Aus Sicht der Kunden, die noch einen Berater vor Ort wünschen, steht die richtig schlechte Botschaft aber erst noch bevor: Mit der nächsten Großfusion ginge das Filialsterben wieder von vorne los. Stefan Schulte – Westdeutsche Allgemeine Zeitung

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