Guttenbergs Comeback: Welche Rolle spielt der einstige CSU-Stars?

Ewig grüßt der Freiherr

Karl-Theodor zu Guttenberg (45), vor sechs Jahren nach dem Skandal um seine Dissertation als Verteidigungsminister zurückgetreten, arbeitet intensiv am politischen Comeback – unterstützt nicht nur von der Spitze der CSU. „Horst Seehofer wünscht sich eine Rückkehr von Guttenberg“, so Seehofer-Sprecher Jürgen Fischer gegenüber GALA. Aber auch „an der Basis wird über eine Rückkehr in ein politisches Amt gesprochen“. Die Partei setze dabei auf die anhaltende Strahlkraft des Freiherrn. Fischer: „Er fasziniert die Menschen. Wir gehen davon aus, dass er die Bierzelte füllen wird.“ GALA

Guttenbergs Comeback: Welche Rolle spielt der einstige CSU-Stars?

Gerüchte über die Rückkehr von Karl-Theodor zu Guttenberg

Fantasien über Karl-Theodor zu Guttenberg gehören zur CSU-Standardfolklore, um sich interessant zu halten. Und so spielt CSU-Chef Horst Seehofer mal wieder die „KTG“-Karte: Er erwarte den in die USA abgewanderten Ex-Bundesverteidigungsminister, Ex-Hoffnungsträger und Ex-Doktor sehnlichst zurück in Bayern. Schon ist in München von Kabinettsumbildung die Rede. Denn da könnte ein Platz frei werden, falls Innenminister Joachim Herrmann nach Berlin wechselt. Die öffentlichen Gedankenspiele um zu Guttenberg haben zwei Funktionen: Sie sollen die CSU für Wähler interessant machen, die den Adel gern an führender Stelle sehen. Und sie sollen den ewigen Kronprinz Markus Söder in Schach halten.

Substanz hat das Gerede über „KTG“ indes wenig. Zumindest wenn man sich an dessen eigene Worte hält. Erst vor wenigen Tagen stellte er klar, dass ihm eine Rückkehr in die bayerischen Polit-Niederungen fern liegen. Er helfe seiner Partei gerne mit einigen Wahlkampfterminen, „das isses aber“. Wer glaube, dass er lechzend nach Ämtern im September wieder präsent sei, der täusche sich. Das ist doch eigentlich klar genug, oder? Zwar gilt in der Politik bekanntlich die Adenauer-Devise „Was stört mich mein Geschwätz von gestern?“.

Aber wahrscheinlich ist es nicht, dass zu Guttenberg dem nächsten Kabinett – ob in München oder Berlin – wieder angehört. Zumal es nicht nur Fans des Freiherrn aus Oberfranken gibt, die sich gehörig über eine Wiederkehr des „Blenders“ ärgern würden. Die müsste man von der Zahl der „KTG“-Fans abziehen. Ralf Müller, München – Neue Westfälische

Die Trump-Ära mit ständig neuen Ungeheuerlichkeiten aus dem Weißen Haus, die Verrücktheiten der britischen Brexit-Erzwinger oder die Zertrümmerung demokratischer Werte durch den türkischen Regierungschef Recep Erdogan haben das politische Schmerzempfinden nach unten geschraubt. Klein mutet im Vergleich die Plagiatsaffäre Karl-Theodor zu Guttenbergs an, die 2011 Deutschland bewegte und dieser Tage wieder ins Bewusstsein rückt, weil der frühere Bundesverteidigungsminister im Bundestagswahlkampf ein politisches Comeback austestet. Es stellt sich die Frage nach dem Verfallsdatum seiner Affäre. Kann einer wie er, der nicht nur bei seiner Doktorarbeit betrogen hat, sondern sein Vergehen danach erst leugnete, bevor er es scheibchenweise eingestand, bald wieder politische Verantwortung tragen? Bei Anderen, die auf ihre Weise gefehlt haben, ist die Rückkehr geglückt.

Grünen-Parteichef Cem Özdemir hat den Skandal um Bonusmeilen in den Kredit eines PR-Beraters, dem 2002 sein vorläufiger Rückzug folgte, ohne dauerhaften Schaden für sein Ansehen überstanden. Gleiches gilt für den Linken-Politiker Gregor Gysi und seine Bonusmeilen-Skandal im gleichen Jahr. Prominentestes Beispiel eines politischen Überlebens in früheren Jahren ist CSU-Größe Franz Josef Strauß, der 1962 trotz Spiegel-Affäre und Rücktritt als Bundesverteidigungsminister unaufhaltsam weiter Karriere machte. Doch es gibt auch die vielen anderen Biografien, für die ein Sturz ein Ende ohne Wiederkehr bedeutete: Der frühere SPD-Ministerpräsident Björn Engholm ist hier zu nennen. Er hatte vorgetäuscht, nicht gewusst zu haben, dass er von CDU-Mann Uwe Barschel bespitzelt wurde – und so die eigene Glaubwürdigkeit verspielt. Wohin sich für Guttenberg die Waage neigt, wird sich am Ende des Bundestagswahlkampfes zeigen. Bei seinen Auftritten quer durch die bayerischen Regierungsbezirke wird klar werden, ob er neben neuem politischen Sendungsbewusstsein auch die nötige Demut vermittelt. Guttenberg stößt offensichtlich bei vielen auf große Bereitschaft, ihm zu verzeihen. Das zeigt der Andrang, den die CSU bei seinen Veranstaltungen verzeichnet.

Es ist ein Vorschuss an neuem Vertrauen, der rasch verspielt werden kann, falls die Zuhörer spüren, dass er aus seinen Fehlern nichts gelernt hat. Doch wenn Guttenberg im Herbst 2017 alles richtig macht, bekommt er in der CSU ein Freiticket für ein echtes Comeback. Parteichef Horst Seehofer wird es ihm gerne in die Hand drücken – nicht allein, weil Guttenberg das Mächteverhältnis unter den CSU-Kronprinzen neu austariert und das Potenzial hat, die Wege von Finanzminister Markus Söder zu stören. Die größten Guttenberg-Fans wähnen ihn nach der Bundestagswahl bereits an der Spitze des Bundesaußenministeriums. Eine kühne Idee, ohne Erfolgsaussicht. Sie wäre mit Kanzlerin Angela Merkel wohl noch weniger zu machen, als Seehofers Obergrenze für Flüchtlinge. Ein Platz in Berlin im Jahr 2017 steht für Guttenberg nicht zur Debatte. Er muss – wie andere Gestrauchelte – wieder von vorne anfangen, vielleicht als Kandidat bei der Landtagswahl, mit Aussicht auf einen Posten im nächsten Seehofer-Kabinett.

Im Schachspiel der Macht in der CSU wäre er beim Neustart nur eine wichtige Figur neben anderen. Er müsste sich daran gewöhnen – anders als vor seinem Fall – nicht länger scheinbar konkurrenzlos zu sein, bereit zum Sprung in die höchsten Ämter seiner Partei. Zur selbstbewussten Konkurrenz zählen nun neben Söder auch der Europapolitiker Manfred Weber und Bundestagsspitzenkandidat Joachim Herrmann. Nicht zu vergessen: Horst Seehofer selbst. Er gewährt einem geläuterten Guttenberg zwar Absolution. Als CSU-Chef und Ministerpräsident will er sich aber nicht aus dem Sattel stoßen lassen. Fährt Seehofer bei der Bundestagswahl im 24. September nur annähernd das Ergebnis vom letzten Mal ein, ist er fürs Erste ohnehin ziemlich unanfechtbar. Mittelbayerische Zeitung

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