Nüchterne Erkenntnis der SPD

Ende der Lethargie

Mit dem Kanzlerkandidaten Martin Schulz steigen die Chancen der SPD. Es war offenbar vor allem die nüchterne Einsicht in die eigene Chancenlosigkeit, die Sigmar Gabriel jetzt dazu veranlasste, für Martin Schulz Platz zu machen. Die Partei sei wichtiger als wir selbst.

Nüchterne Erkenntnis der SPD

Die SPD weiß doch immer wieder zu überraschen. Dieses Mal sogar positiv. Fast alle politischen Beobachter tippten in den vergangenen Wochen auf Sigmar Gabriel als sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten. Jetzt lässt der scheidende SPD-Parteichef seinem (persönlichen) Freund Martin Schulz den Vortritt. Dafür gebührt ihm Respekt. Seiner Partei hat er damit einen großen Dienst erwiesen. Gabriel als Spitzenkandidat wäre für die SPD in schweren Zeiten eine zusätzliche Belastung gewesen. Seine persönlichen Beliebtheitswerte sind seit geraumer Zeit im Keller. Bei vielen Wählern, aber auch bei nicht wenigen Parteifreunden haftet ihm das Image an, er sei zu beliebig, zu sprunghaft, zu wenig glaubwürdig.

Die Beschreibung mag in Teilen unfair sein. Aber Gabriel weiß als Politprofi genau: Aus dieser Klischee-Kiste wäre er gerade in Wahlkampfzeiten kaum mehr entkommen. Im Berliner Polit-Zirkus hatte man ihm längst die Rolle des Verlierers zugewiesen. Mit solchen Negativ-Zuschreibungen muss Martin Schulz vorerst nicht kämpfen. Er geht unbelastet in den Wahlkampf, ist bundespolitisch unverbraucht und deutlich populärer als Gabriel. Mit ihm hat die SPD tatsächlich eine Chance, in den kommenden Monaten aus ihrem Dauertief herauszufinden. Zumal der Würselener ein begnadeter Wahlkämpfer ist. Schulz gilt als Rampensau, als politisches Trüffelschwein mit einer sehr guten Nase für Gewinner-Themen.

Er weiß zuzuspitzen, zu polarisieren und die Sprache der einfachen Leute zu sprechen. Rhetorisch ist er seiner christdemokratischen Gegnerin Angela Merkel deutlich überlegen. Das alles ist wichtig für eine erfolgreiche Wahlkampagne. Doch noch wichtiger ist: Schulz muss es nun gelingen, die sozialdemokratische Basis aus der Lethargie der vergangenen Monate zu reißen. Ohne sie kann er nicht gewinnen. Und: Er muss mit den deutschen Medien klarkommen. Bisher hat Schulz in Brüssel auf einem Feld gespielt, das in der öffentlichen Aufmerksamkeit eher am Rande lag. Jetzt steht er plötzlich im Zentrum des Interesses. Schulz wird sich äußern müssen zu Themen, die bisher nicht die seinen waren – beispielsweise die Rentenpolitik, die Steuerpolitik oder Fragen der Inneren Sicherheit. Er wird sagen müssen, wie er zu Rot-Rot-Grün steht, was er von der FDP hält und ob es zur Not wieder eine Koalition mit der Union sein darf. Das alles birgt für ihn Gefahren. Gerade die in großen Teilen Merkel-nahe Hauptstadtpresse wird sich auf die Schwachstellen von Schulz stürzen, wird ihm im Wahlkampf mögliche Widersprüche und Ungenauigkeiten gnadenlos vorhalten. Schulz bewegt sich von nun an auf einem deutlich glatteren Parkett. Er muss noch beweisen, dass er darauf tatsächlich sturzfrei zu tanzen weiß. Gelingt ihm das, kann er Merkel und der Union gefährlich werden. Joachim Zinsen – Aachener Nachrichten

Es war offenbar vor allem die nüchterne Einsicht in die eigene Chancenlosigkeit, die Sigmar Gabriel jetzt dazu veranlasste, für Martin Schulz Platz zu machen. Nicht der SPD-Vorsitzende wird der Herausforderer der Langzeit-Kanzlerin Angela Merkel, sondern der in unzähligen Brüsseler und Straßburger Schlachten gestählte Europäer Martin Schulz. Gabriels Verzicht auf die Spitzenämter ist dabei weniger großmütig als vielmehr parteitaktisch geprägt. Würde er im September wirklich gegen eine dann möglicherweise wieder erstarkte Kanzlerin antreten, würde er vermutlich die vierte Wahlschlappe für die Genossen in Folge einfahren. Das könnte die SPD vollends in den Abgrund stürzen. Gabriel lässt nun aus einfacher, rationaler Überlegung Schulz den Vortritt, weil der nicht nur populärer, sondern auch unbelasteter von der Berliner großen Koalition Wahlkampf machen kann. Die Partei sei wichtiger als wir selbst, hatte der frühere SPD-Chef Rudolf Scharping 1995 in Mannheim gesagt, als er von Oskar Lafontaine in einer Kampfabstimmung vom Parteithron gestoßen wurde. Gabriel hat dies beherzigt und nun zumindest souverän seinen Nachfolger bestimmt. Mittelbayerische Zeitung

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