SPD-Chef Schulz fordert Erhalt der deutschen Stahlstandorte von Thyssen-Krupp

High Noon in Essen

Angesichts einer möglichen Stahlfusion von Thyssen-Krupp mit dem indischen Hersteller Tata hat SPD-Chef Martin Schulz einen Erhalt der deutschen Standorte gefordert. „Ich hoffe, dass die Stahlmanager von Thyssen-Krupp Vernunft walten lassen“, sagte Schulz der in Essen erscheinenden Westdeutschen Allgemeinen Zeitung.

SPD-Chef Schulz fordert Erhalt der deutschen Stahlstandorte von Thyssen-Krupp

„In Duisburg befindet sich Europas größter Stahlstandort. Diese wichtige Branche darf nicht ähnlich an die Wand gefahren werden, wie es derzeit in der Automobilindustrie der Fall ist.“

Schulz äußerte sich kritisch zu den Verhandlungen von Thyssen-Krupp mit Tata. „Dass hier Manager Verkaufsgespräche führen, während wir auf politischer Ebene für den Erhalt des Stahlstandorts Deutschland kämpfen, hat einen bitteren Beigeschmack“, sagte er. „Ich kann Sigmar Gabriels Wut gut verstehen, die habe ich auch“, fügte Schulz hinzu.

Außenminister Gabriel (SPD) hatte sich unlängst empört über „Stahlmanager aus Duisburg“ gezeigt, von denen er aufgefordert worden sei, für bessere Standortbedingungen zu sorgen: „Wer uns losschickt, für die Interessen der Stahlindustrie zu kämpfen, von dem erwarte ich das Gleiche“, sagte Gabriel. „Unser Ziel ist, die deutschen Stahlstandorte zu erhalten“, betonte Schulz. Er mahnte: „Wenn ein Stahlwerk einmal dicht ist, kommt es nie wieder.“ Westdeutsche Allgemeine Zeitung

Endlich kommt Thyssenkrupp in Bewegung. Noch vor einem Jahr hätte der Vorstand vielleicht erwägen können, ungefähr so weiterzumachen wie bisher. Doch inzwischen gerät Konzernchef Heinrich Hiesinger so sehr unter den Druck des Kapitalmarkts, dass er Ergebnisse liefern muss.

Thyssenkrupp ist derart hoch verschuldet und derart schwach mit Eigenkapital ausgestattet, dass nur in das Nötigste investiert wird. Einen Wirtschaftsabschwung würde der Konzern nicht verkraften. Deshalb braucht Hiesinger – sechs Jahre nach seinem Amtsantritt – dringend den Befreiungsschlag: Die Fusion der Stahlsparte mit dem Europageschäft des indischen Konkurrenten Tata Steel muss gelingen, damit Thyssenkrupp die schwierige Sparte samt Pensionslasten entkonsolidieren kann.

Ein heftiger Schlagabtausch mit der Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat ist programmiert. Rund 25.000 Stahlarbeiter aus Deutschland sollen unter das Dach eines indischen Konzerns wechseln, auf den Thyssenkrupp nach der Fusion als Minderheitseigner keinen großen Einfluss mehr hätte. Vor diesem Hintergrund kündigen die Gewerkschafter der IG Metall an, dass der Tata-Deal gegen sie nur unter Anwendung des Doppelstimmrechts durch den Aufsichtsratsvorsitzenden durchzusetzen wäre. Als Alternative zum Stahl-Exit werden die Abtrennung und der Börsengang der lukrativen Sparten für Aufzüge, Automobilkomponenten und Großanlagenbau ventiliert.

Aufsichtsratschef Ulrich Lehner wird nichts anderes übrig bleiben als anzudrohen, dass er von seinem Doppelstimmrecht Gebrauch macht, um den Tata-Deal durchzuboxen. Lehner gilt als Wahrer der Interessen der Krupp-Stiftung, die der Einheit des Unternehmens verpflichtet ist – wenngleich er kein direkter Vertreter der Stiftung im Aufsichtsrat ist. Er wird wohl die Tata-Fusion als das geringere Übel im Vergleich zu einer Aufspaltung samt Börsengang ansehen.

Am Ende könnte es so laufen, dass sich die Vertreter von Arbeitnehmern und Anteilseignern an einen Tisch setzen, um einen Kompromiss auszuhandeln. Der kann nur so aussehen, dass der Konzern weitreichende Zugeständnisse für Standorte und Arbeitsplätze der Stahlsparte in Deutschland macht. Doch dann geriete der Deal zum rein bilanziellen Befreiungsschlag – ohne die angestrebte Kostensenkung durch Synergien mit Tata. Der Kapitalmarkt dürfte das im Vergleich zum Stillstand begrüßen. Lieber wäre den Investoren jedoch die Aufspaltung samt Börsengang. Eine solche Kapitalspritze hat der Konzern bitter nötig. Christoph Ruhkamp – Börsen-Zeitung

Allein gelassen

Kaum ein Konzern ist so eng mit der deutschen Geschichte verknüpft wie Thyssenkrupp. Im Guten wie im Schlechten. Der Aufstieg Deutschlands zur Industrienation wäre ohne den 206 Jahre alten Stahlhersteller nicht möglich gewesen. Aber auch die Beteiligung an den beiden Weltkriegen gehört zum historischen Vermächtnis des Konzerns aus Essen. Ein politischer Konzern ist Thyssenkrupp auch heute noch, allein wegen seiner U-Boote. Um nichts weniger als die Zukunft dieses Konzerns mit 156.000 Beschäftigten geht es in diesen Tagen. Gibt Thyssenkrupp die Stahlsparte in die Hände des britisch-indischen Tata-Konzerns? Spaltet es die Stahlsparte ab, um Teile davon an die Börse zu bringen? Was bedeutet all dies für die Standorte im Land? Noch ist die Krupp-Stiftung die Haupteignerin des Konzerns. Dass im Kuratorium zurzeit der Ministerpräsident keine Stimme hat, zeigt, wie lose die Verbindung zwischen Stiftung und Land inzwischen ist. Das ist keine gute Nachricht, vor allem nicht für die Beschäftigten. Kirsten Bialdiga – Rheinische Post

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