SPD-Außenpolitiker warnt vor drohender Eskalation am Tempelberg in Jerusalem

Israelhetze und Judenhass: Gibt es einen neuen Antisemitismus

Wer an einem Freitag in der Nähe des Tempelbergs israelische Sicherheitskräfte mit Tötungsabsicht angreift, der riskiert nicht nur sein eigenes Leben – der will die ganze Welt aufs Spiel setzen. Das klingt übertrieben, ist es aber nicht.

SPD-Außenpolitiker warnt vor drohender Eskalation am Tempelberg in Jerusalem

Extremisten fantasieren von der letzten Schlacht und wollen dabei sein, wenn sie geschlagen wird. Deswegen provozieren sie Eskalationen. Und wenn jüdische Polizisten auf dem Tempelberg muslimische Angreifer erschießen, dann ist der Aufruhr nicht weit. Zumal an einem Freitag, an dem das Gebet in der Al-Aksa-Moschee ansteht – und Israel den Zugang zum Gotteshaus aus Sicherheitsgründen sperrt. Al-Aksa ist nicht irgendeine Moschee, sie ist das drittwichtigste Heiligtum der muslimischen Welt nach Mekka und Medina. Aus dem Zwischenfall ist kein Flächenbrand entstanden. Das kann beim nächsten oder übernächsten Mal aber passieren. Und wer gehofft hat, dass die in Gaza herrschende Hamas moderater geworden wäre, sollte die Worte ihres Sprechers, der den Anschlag begrüßte, ausnahmsweise mal auf die Goldwaage legen. Westfalen-Blatt

Annen: „Die Situation ist besorgniserregend“

Anlässlich der jüngsten Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern am Tempelberg in Jerusalem warnt der außenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Niels Annen, dass die Lage außer Kontrolle geraten könnte. „Die Situation am Haram al-Sharif/ Tempelberg ist besorgniserregend. Es handelt sich um einen der sensibelsten Orte der Welt“, sagte Annen der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. „Jede Handlung, die als einseitige Veränderung des Status Quo wahrgenommen wird, gerade wenn sie mögliche Auswirkungen auf die Religionsausübung haben könnte, kann eine ungeheure Eskalation in Gang setzen“, warnt der Außenpolitiker.

Zwar sei „die Entscheidung Israels, Metalldetektoren aufzustellen, nach dem jüngsten, tödlichen Anschlag auf zwei israelische Polizisten einerseits nachvollziehbar. Die religiösen Stätten sollten dem Gebet dienen, nicht der Gewalt“. Andererseits sei es aber „ebenso nachvollziehbar, dass Jordanier und Palästinenser diesen Schritt als einseitig kritisieren und in ihm eine Provokation sehen“. SPD-Politiker Annen appellierte: „Die beteiligten Akteure haben die Verantwortung, hier schnell eine gemeinsame Lösung zu finden, die den muslimischen Gläubigen das Gebet ermöglicht und die die Sicherheit in der Altstadt und an den religiösen Stätten gewährleistet.“ Neue Osnabrücker Zeitung

„Israelhetze und Judenhass: Gibt es einen neuen Antisemitismus?“

Die umstrittene ARD-Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ hat viele Fragen aufgeworfen: Macht sich ein neuer Antisemitismus in Deutschland und Europa breit? Ein Antisemitismus, der sich vor allem aus dem israelisch-arabischen Konflikt im Nahen Osten nährt? Sind es wirklich vor allem muslimische Migranten, die ihre Abneigung gegenüber Juden bei uns offen zum Ausdruck bringen und damit ein antisemitisches Klima in der ganzen Gesellschaft befördern?

Michael Wolffsohn

„Es gibt neue Formen des Antisemitismus, von alten und neuen Rechten, Teilen der Linken und ganz entscheidend aus Teilen der muslimischen Welt“, sagt der Geschichtsprofessor, der die Dokumentation als herausragend lobt. Deutschland und Europa seien durch die Bevölkerung eng mit dem Nahen Osten verflochten und so zum westlichen Nebenkriegsschauplatz geworden. „Die Juden werden seit den sechziger Jahren von Extremisten und Islamisten als fünfte Kolonne Israels gesehen und sind daher im fundamentalistischen Fadenkreuz.“

Norbert Blüm

Der frühere CDU-Bundesminister, der sich lange für die Palästinenser in besetzten Gebieten engagierte, sah sich vor einigen Jahren mit dem Vorwurf des Antisemitismus konfrontiert, weil er militärische Vergeltungsaktionen Israels scharf kritisierte. Dieser Vorwurf werde „auch als Knüppel benutzt, um jeden Hinweis auf die Missachtung der Menschenrechte totzumachen“, erwiderte Norbert Blüm, der bis heute betont: „Ich verteidige immer das Existenzrecht Israels, aber dann muss man auch das Existenzrecht der dort lebenden Araber akzeptieren.“

Ahmed Mansour

Der Berliner Extremismusexperte und Berater der Filmautoren beobachtet unter jungen Muslimen in Deutschland einen wachsenden Antisemitismus. Er gehöre „in muslimischen Familien zur Erziehung“. Ahmed Mansour, der als Palästinenser in Israel aufwuchs, kennt diese Einstellung aus seiner eigenen Vergangenheit: „Als Jugendlicher habe ich den Juden den Tod gewünscht und sie mit Schweinen verglichen.“ Erst die Begegnung mit jungen Israelis und Juden während seines Studiums in Tel Aviv habe seine Sicht grundlegend verändert.

Gemma Pörzgen

„Der Film hat einfach eine sehr klare propagandistische Linie und zeigt aus meiner Sicht eben diese ganze Thematik sehr einseitig“, sagt die Nahostexpertin. Viele Probleme würden in einem sehr aufgeregten Stil verrührt. „Ich bedaure, dass dadurch der Zuschauer weniger über die eigentlichen Probleme sowohl in der Region wie auch über den Antisemitismus in Europa erfährt“, sagt die langjährige Auslandskorrespondentin.

Rolf Verleger

Der frühere Psychologieprofessor zeigt sich über den Antisemitismus in Deutschland nicht verwundert: „Wenn Politiker und Medien Israels Politik für richtig halten und Repräsentanten des Judentums jede Kritik an Israel zur Kritik an Juden erklären, fordert man antisemitische Parolen geradezu heraus.“ Für Rolf Verleger sieht die Logik der Argumentation in dem Film so aus: „Es gibt keinen Grund, Israel zu kritisieren, denn die Palästinenser haben Unrecht, daher ist jede Kritik an Israel unsachlich.“ Das aber, so das ehemalige Mitglied im „Zentralrat der Juden in Deutschland“, sei falsch.

Jörg Schönenborn

WDR und Arte sahen sich wegen der Ablehnung der Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ scharfer, auch polemischer Kritik ausgesetzt. Von Zensur, aber auch von „antizionistischen Ressentiments“ war die Rede. Jörg Schönenborn stellt sich bei „Maischberger“ dieser Kritik. Agnes Toellner, Presse und Information Das Erste

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