Taliban erobern Ex-Bundeswehrstandort Kundus

Auch Unionsfraktion für Überprüfung des Abzugsdatums für Afghanistan

Sicherheitsexperten hatten bereits im Vorfeld gewarnt: Wenn sich die Bundeswehr aus Kundus zurückzieht, wird es nicht allzu lange dauern, und die Stadt wird wieder von den Taliban beherrscht. Und genauso ist es nun geschehen.

Taliban erobern Ex-Bundeswehrstandort Kundus

Nach der Eroberung der afghanischen Provinzhauptstadt Kundus durch die radikalislamischen Taliban stellt nun auch die Unionsfraktion im Bundestag den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan infrage. „Wir müssen prüfen, ob wir das Abzugsdatum halten können, denn wir müssen ein stabiles Afghanistan hinterlassen“, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Franz Josef Jung (CDU), dem Tagesspiegel. Das Beispiel Irak zeige, dass ein zu früher Abzug „katastrophale Folgen“ haben könne. Der Tagesspiegel

Die Provinzregierung musste machtlos zusehen, wie die 300.000-Einwohner-Stadt in die Hände der Aufständischen gefallen ist. Um ihr Leben fürchten nun alle diejenigen, die die Bundeswehr seinerzeit als lokale Hilfskräfte unterstützt haben, sei es als Übersetzer oder als Arbeiter im Feldlager. Und die Taliban gehen rigoros gehen die vermeintlichen Verräter vor. Die afghanische Armee ist machtlos, die Gegenoffensive der Spezialkräfte scheint zum Scheitern verurteilt. Jetzt ist die Bundesregierung in der Pflicht, den Afghanen, die seinerzeit die Bundeswehr unterstützt haben, nun auch zu helfen. Dirk-Ulrich Brüggemann Neue Westfälische

Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt

Man muss immer wieder den Satz des früheren, leider früh verstorbenen SPD-Verteidigungsministers Peter Struck in Erinnerung rufen: Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt. Oder eben nicht. Diese Prophezeiung beweist ihren Wahrheitsgehalt nunmehr in bitterer Weise. Die Taliban haben Kundus eingenommen, und der Tonfall, in dem der Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums die Lage umschreibt, ist ebenso erschütternd wie klar: Es gehe darum zu verstehen, „wie die afghanische Armee gedenkt, die Hoheit über die Stadt zurückzugewinnen“.

Afghanistan: Schwere Kämpfe um Flughafen von Kundus

Heißt auf gut Deutsch: Mit der afghanischen Armee ist, im wahrsten Sinn des Wortes, kein Staat zu machen. Das Afghanistan-Mandat der Bundeswehr war in der deutschen Öffentlichkeit von Anfang an schlechtgeredet, von vielen Medien auch heruntergeschrieben worden. Wohl wahr: 55 tote deutsche Soldaten, der Blutzoll war hoch. Die Familien verdienen jedes Mitgefühl. Aber wer die Augen nicht verschloss, erkannte die Gefahr, die nach einem Abzug der internationalen Truppen drohte: die Rückkehr der Taliban, das Ende von Menschenrechten, der Rücksturz Afghanistans in eine gefühlte Steinzeit.

Nicht zuletzt mit der Folge, dass dann mehr Menschen aus Afghanistan fliehen würden. Weil die internationale Staatengemeinschaft mit – notwendigen – Militäreinsätzen rund um den Globus an ihre Belastungsgrenzen stößt, ist eine Szenerie wie in Afghanistan kaum oder nur unter allergrößten Mühen halbwegs beherrschbar. Todsicher überhaupt keine Lösung ist es aber, den Kopf in den Sand zu stecken nach dem Motto „wir spielen sicheres Afghanistan“. Nun wird der Militäreinsatz verlängert. Ein wenig. Zumindest ein Beitrag zur Ehrlichkeit. Reinhard Breidenbach Allgemeine Zeitung Mainz

Menetekel Kundus – der Rückzug kam zu früh

Fünfundfünfzig deutsche Soldaten sind im Afghanistan-Einsatz gefallen. Viele in der Nähe von Kundus. Sie bezahlten mit ihrem Leben, dass die Politik das Land am Hindukusch in eine geordnete Zukunft führen und einen Rückfall in ein einziges großes Terrorausbildungslager nicht mehr zulassen wollte. Deutschlands Sicherheit werde am Hindukusch verteidigt, erläuterte der damalige Verteidigungsminister Peter Struck.

Haben wir es jetzt mit dem Umkehrschluss zu tun? Ist Deutschlands Sicherheit gefährdet, wenn Kundus zum Menetekel wird für den Rückfall des gesamten Landes in die Hände der Taliban? Natürlich ist es so. Der Westen hat den Rückzug zu früh eingeleitet. Obwohl der Kosovo-Einsatz früher begann, dauert er in dem kleineren und stabileren Land immer noch an. Auch die so genannte selbsttragende Sicherheit in Afghanistan trug nur auf dem Papier.

Eine für Korruption anfällige Truppe ohne schlagkräftige Luftwaffe und funktionierende Aufklärung ist überfordert. Die US-Führung trug der Kriegsmüdigkeit im eigenen Land Rechnung und ging zuerst. Deshalb muss sie nun auch in erster Linie umsteuern. Ansonsten geht Afghanistan den Weg des Irak – auch mit neuen Flüchtlingsbewegungen. Rheinische Post

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