Vermeidbare Bluttat – Orlando wäre mit einem Messer unmöglich

Terrormassaker von Orlando/Florida

Trumps brutaler und machistischer Populismus kann paradoxerweise mehr dazu beitragen, die Bluttat von Orlando zu verstehen, als es ihm lieb sein dürfte. Denn ein evidenter, gern verdrängter Aspekt ist, dass dieser Anschlag wie fast alle Massaker zuvor von einem Mann verübt wurde.

Vermeidbare Bluttat – Orlando wäre mit einem Messer unmöglich

Es ist Männergewalt. Und die hat Gründe. Seit Jahrzehnten gibt es eine Gruppe von Männern, die sich benachteiligt fühlt. Sie fürchtet um ihre Arbeit, ihre soziale Stellung – von Aufstieg ist da ohnehin keine Rede mehr – und ihre „gute alte“ kleine Welt, die sie von Globalisierung, Migration und gesellschaftlichen Reformen wie der Homo-Ehe oder der Förderung von Frauen und Minderheiten bedroht sieht. Berliner Zeitung

Natürlich haben Donald Trump und die Vertreter der US-Waffenlobby nach jedem einzelnen Massenmord, Terroranschlag oder Amoklauf recht, wenn sie behaupten, nicht Waffen töteten Menschen, sondern andere Menschen. Trump hatte kurz nach dem Tod von 49 Menschen bereits fabuliert, Präsident Obama müsse zurücktreten, weil er nicht genügend gegen islamistische Terroristen unternommen habe. Zugleich hält er eine Beschränkung des Waffenbesitzes in den USA für eine schlechte Idee.

Diese Logik ist allerdings verquer. Ob die Väter der US-Verfassung beim Recht auf Waffenbesitz beinahe jedes technisch mögliche Schnellfeuergewehr im Kopf hatten, darf bezweifelt werden. Wäre das Recht wirklich unbeschränkt, dürften US-Bürger wohl auch schwere Maschinengewehre verwenden. So aber dürfte klar sein, dass es eine vernünftige Abwägung zu treffen gilt, was etwa zur Verteidigung vor Einbrechern nötig ist. Braucht es dafür eine halbautomatische Waffe mit 100 Schuss im Magazin? Solche Waffen sind höchstens dann nötig, wenn es gilt, möglichst viel Schaden in kurzer Zeit anzurichten.

Mit der Ideologie oder Religion des Schützen hat das erst einmal nichts zu tun. Donald Trump sagt, der hätte auch ein Messer oder eine Bombe verwenden können. Eine Bombe ist jedoch schwerer zu beschaffen – und mit einem Messer lassen sich zweifellos nicht 49 Menschen ermorden und noch einmal so viele verletzten. Bei entsprechender Gesetzgebung bliebe zumindest die Hoffnung, dass ein durchgeknallter Attentäter es deutlich schwerer hätte, so viel Schaden anzurichten, wie er jetzt angerichtet hat. Florian Girwert, Thüringische Landeszeitung

Das Massaker und seine Folgen

Der Anschlag auf Homosexuelle mitten im US-Wahljahr kann die Dynamik des Wahlkampfs verändern. Wachsen Angst und Verunsicherung, dann dürfte dies in die Hände von Donald Trump spielen.

Das Massaker von Orlando verstört schon alleine durch seine Dimension: Mit 50 Toten – inklusive Attentäter – überragt es auf tragische Weise die spektakulären Bluttaten, die sonst Schlagzeilen machen. Die politischen Folgen sind vorerst schwer einzuschätzen, weil sich verschiedene Themen überlagern.

Da ist erstens die stets wiederkehrende Waffendebatte. Auch diesmal verwendete der Attentäter ein legal erworbenes halbautomatisches Gewehr, das in der zivilen Welt nichts verloren hat. Genau diesen Typ Waffe wollen US-Präsident Barack Obama und seine Mitstreiter seit Jahren verbieten lassen – vergeblich. Und daran wird sich wohl auch dieses Mal wenig ändern. Denn die Waffenlobby hat die aktuelle Kongressmehrheit fest im Griff. Allerdings dürfte das Thema jetzt auch im Wahlkampf eine Rolle spielen, denn die Mehrheit der Amerikaner steht in dieser Frage hinter Obama.

Zweitens das Thema Jihadismus made in USA. Wie schon das Attentäterpaar im Herbst in San Bernardino soll sich auch der Schütze von Orlando im stillen Kämmerchen radikalisiert und dann ohne Abstimmung mit Terroristenführern angegriffen haben. Solche Täter bleiben am Radar des Sicherheitsapparats oft unsichtbar, und immer schwingt auch die unbequeme Frage mit, wie es mitten in Amerika dazu kommen konnte. Das erzeugt bei vielen Menschen Angst und Unsicherheit – also jene Währung, in der Donald Trump sein politisches Kapital angelegt hat. Die Schüsse von Orlando waren kaum verhallt, da hatte der designierte Präsidentschaftskandidat der Republikaner bereits generell Muslime sowie seine demokratische Kontrahentin Hillary Clinton als Gefahren ausgemacht.

Drittens das Thema Homophobie. Dabei geht es nicht allein um Homosexuelle, sondern auch um das Selbstverständnis von liberalen Gesellschaften und um das Recht und die Freiheit zu lieben, wen man möchte. Als im Vorjahr jihadistische Attentäter in der Redaktion des Pariser Satiremagazins Charlie Hebdo ein Blutbad anrichteten, sangen westliche Politiker ein Hohelied auf die Presse- und Meinungsfreiheit. Analog dazu müssten sie jetzt auch das Massaker in einem Schwulenklub als Angriff auf die Grundwerte unserer Gesellschaft verstehen. In den USA spielt dies gesellschaftspolitisch in die Hände der Demokraten.

Im amerikanischen Wahlkampf geht es ab sofort um die Deutungshoheit von Orlando. Trump mag davon profitieren; doch es ist keineswegs ausgemacht, dass seine Ausgrenzungspolitik sich am Ende durchsetzt gegen Clintons Parole „Zusammen sind wir stärker“. Floo Weißmann, Tiroler Tageszeitung

Trumps Engstirnigkeit entfremdet muslimische Einwanderer von ihrer neuen Heimat USA. Ein schwerer Fehler. Oder glaubt er, dass er damit muslimische Verbündete im Innern wie im Ausland findet, mit denen er den Extremismus besiegen kann? Wie kleingeistig der Milliardär doch wirkt. Das zeigte sich just am Wochenende auch bei der multireligiösen Trauerfeier für Muhammad Ali. Da feierte der jüdische Komiker Billy Crystal den verstorbenen Box-Champion, weil er „uns alle erregt, geärgert, durcheinandergebracht“ hat. Das ist das andere, helle Amerika, das groß wurde, weil es auf Religionsfreiheit, Toleranz und den Glauben an den Einzelnen und seine Möglichkeiten setzt. Trump hingegen bedient das dunkle Amerika. Wie kann einer Präsident werden wollen, der vor allem Vorurteile und Ängste ausschlachtet? Stuttgarter Nachrichten

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