Börsen-Zeitung: Dollar überholt den Konsens, Marktkommentar von Stefan Schaaf

Frankfurt – Viele Devisenanalysten werden nach der Rückkehr
aus ihrem Urlaub zum Jahreswechsel eifrig rechnen müssen. Der Grund:
Der Euro hat zum Jahresauftakt 2015 einen ordentlichen Schwächeanfall
erlitten, viele Jahresprognosen der Experten sind damit bereits
Anfang Januar Makulatur. So sieht der Reuters-Konsens die
Gemeinschaftswährung auf Sicht von drei Monaten aktuell noch bei 1,22
Dollar und auf Sicht von sechs Monaten bei 1,20 Dollar. Doch diese
Werte sind in der seit Mai 2014 laufenden Abwertungsrunde längst
überholt. Am Freitag, dem ersten Handelstag des neuen Jahres in
Europa, sackte die Gemeinschaftswährung auf 1,2008 Dollar ab und war
damit so billig wie zuletzt im Juni 2010.

Zum Jahresende sieht der von Reuters bei Analysten erhobene
Konsens den Euro bei 1,18 Dollar. Dies entspräche zum jüngsten Tief
einer Abwertung von gerade noch einmal 1,9%, nachdem der Euro seit
Beginn der Lockerung der Geldpolitik in der Eurozone im vergangenen
Frühjahr – zunächst verbal, dann mittels Zinssenkungen und
Anleihekäufen – schon um 14% abwertete. Es ist angesichts der
Perspektiven für die Geldpolitik dies- und jenseits des Atlantiks
unwahrscheinlich, dass der Euro in den kommenden zwölf Monaten nur um
so einen geringen Prozentsatz weiter abwertet.

Draghi zeichnet Weg vor

Wo die Reise in der Eurozone hingeht, hat EZB-Präsident Mario
Draghi selbst in einem Interview zu Jahresbeginn noch einmal deutlich
gemacht – und damit den aktuellen Schwächeanfall der
Gemeinschaftswährung ausgelöst. Draghi zufolge treibt die Europäische
Zentralbank ihre Pläne für einen Kauf von Staatsanleihen in großem
Stil voran. Die Vorbereitungen für “gegebenenfalls notwendige
zusätzliche Maßnahmen” liefen. Damit bekräftigte Draghi Aussagen, die
er während seiner jüngsten Pressekonferenz bereits getroffen hatte.
Am Markt wurden die Aussagen als Ankündigung eines groß angelegten
Kaufs von Euro-Staatsanleihen interpretiert – entsprechend sackte der
Euro in kürzester Zeit um einen halben US-Cent ab.

Draghi begründete die mögliche quantitative Lockerung – auch “Euro
QE” genannt – mit deflatorischen Gefahren. Ähnlich hatte sich zum
Jahreswechsel EZB-Chefvolkswirt Peter Praet in einem Interview der
Börsen-Zeitung geäußert. Praet sieht unter anderem wegen des
Ölpreisverfalls das Risiko, dass die Inflationsrate in den negativen
Bereich rutscht. Am Freitag fiel der Preis für Rohöl der Sorte Brent
auf ein Siebeneinhalbjahrestief von 55,48 Dollar je Fass.

Anleihekäufe in Sicht

Während die EZB mit großer Wahrscheinlichkeit und trotz
Widerständen der Bundesbank – spannend wird die Position von
Bundeskanzlerin Angela Merkel in dieser Frage werden – wohl ihre
Geldpolitik weiter lockern wird, dürfte der Trend in den USA in die
Gegenrichtung weisen. Zwar wirkt dort der Ölpreisverfall ebenfalls
Inflationsdämpfend. Die US-Notenbank Federal Reserve schaut aber
stärker auf die Kernrate ohne Energiepreise, um steigende Löhne
besser berücksichtigen zu können. Daher wird das billige Öl weniger
Einfluss auf ihre Geldpolitik haben als bei der EZB. Derzeit rechnet
der Konsens mit der ersten US-Zinserhöhung für den Sommer. Verändern
sich diese Erwartungen, so dürfte sich dies, wie die Erfahrung aus
dem Oktober zeigte, in heftigen Kursreaktionen entladen. Dies gilt
insbesondere für den Devisenmarkt, da das Währungspaar Euro-Dollar
als Funktion von Zinserwartungen gehandelt wird.

Enge Korrelation mit Zinsen

Die Euro-Abwertung ist eng korreliert mit der steigenden
Zinsdifferenz zwischen Treasuries und Bundesanleihen (siehe Grafik).
Anders als noch 2010, als der Euro zuletzt bei 1,20 Dollar handelte,
spielen Staatsrisiken nur eine untergeordnete Rolle und schwächen
nicht unbedingt den Euro. Die Märkte vertrauen noch immer auf Draghis
“whatever it takes” vom Sommer 2012 – und so mancher Investor würde
eine Eurozone ohne Griechenland für stabiler halten als eine mit
Griechenland.

Börsen-Zeitung
Redaktion

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