Tiroler Tageszeitung, Ausgabe vom 1. März 2015; Leitartikel von Alois Vahrner: "Russlands Kurs weg von Europa"

Innsbruck Utl: Noch ist unklar, wer den scharfen Putin-Kritiker Boris Nemzow ermordet hat. Sicher ist, dass Russland für kritische Geister ein oft auch lebensgefährliches Pflaster ist.

Nicht einmal drei Stunden vor seiner Ermordung nahe des Kreml hatte der russische Oppositionspolitiker und frühere Vizeregierungschef Boris Nemzow in einem Radio-Interview ein letztes Mal den politischen Kurs von Russlands Präsident Wladimir Putin scharf kritisiert. Dann wurde Nemzow durch vier Schüsse in den Rücken regelrecht hingerichtet.
Der 55-jährige Nemzow galt als einer der schillerndsten Politiker Russlands. Der Oppositionsführer, der heute bei einer Demonstration von Regierungsgegnern gegen den Krieg in der Ukraine auftreten sollte, hatte gehofft, dass der prowestliche Funke wie nach dem Umsturz in Kiew auch nach Moskau überspringen sollte.
Alles deute auf einen Auftragsmord hin, sagte Putin, der seinen erbitterten Widersacher posthum für seine Verdienste würdigte und zusicherte, die “Täter dieses hässlichen und zynischen Mordes ihrer verdienten Strafe zuzuführen”. Die Täter, ließ der Kreml verlauten, könnten das Ziel gehabt haben, die Lage in Russland zu destabilisieren. Und prompt wurden als mögliche Verdächtige wieder einmal islamistische Extremisten oder auch Ukrainer genannt. Dabei war Nemzow doch sehr Ukraine-freundlich.
Klar ist, die jetzt weiter geschwächte Opposition in Russland hat nicht nur unter Repressalien zu leiden, sie lebt auch sehr gefährlich. Mehrere Kreml-Gegner wurden in den letzten Jahren erschossen, vergiftet oder kamen unter fragwürdigen
Begleit erscheinungen ums Leben, mehrere Oppositionelle sitzen wegen angeblicher Verfehlungen in Haft. Glasnost und Perestroika hieß es einst nach vielen dunklen Jahrzehnten kommunistischer Diktatur, leider bewegt sich Russland heute immer weiter weg von westlichen demokratischen Regeln.

ots.at

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