Wir müssen für unsere Freiheit kämpfen

Folgen der Anschläge

In ein paar Tagen wird die Trauer über die schrecklichen Attentate von Paris verblasst sein. Das ist menschlich; nach Charlie Hebdo, nach dem Absturz des russischen Ferienfliegers, nach der Attacke auf das Touristenhotel in Tunesien war das nicht anders. Gefühle sind wichtig, doch sie ändern nichts: Wir müssen Konsequenzen aus den Anschlägen ziehen – und zwar sofort. Denn dass Deutschland und andere Länder Europas wahrscheinlich schon in Kürze in das Fadenkreuz der IS-Terroristen rücken, das ist so gut wie sicher.

Bisher haben wir nur Glück gehabt. Was bedeutet das? Deutschland muss seinen Sicherheitsapparat enorm aufrüsten. Großbritannien macht das gerade vor, Frankreich wird folgen. Mehr Personal ist keine Sicherheitsgarantie, mehr Personal kann aber unser Glück verlängern, also Leben retten. Menschen dürfen nicht länger in unser Land kommen, ohne dass Vertreter des Staates auch nur ein Wort mit ihnen gewechselt haben. Hier ist die Politik gefordert, menschliche Lösungen zu finden.

Deutschland muss zudem die Rolle überdenken, die es bei internationalen Krisen spielt. Reicht die Position des Zuschauers, Geldgebers und Waffenlieferanten aus? Oder sind wir unglaubwürdig, wenn wir – abgesehen von Afghanistan – andere ins Feuer schicken? Das alles wird Geld kosten, und wir müssen davon ausgehen, dass Finanzminister Schäuble seine schwarze Null auch angesichts der enormen Kosten der Flüchtlingsherausforderung vergessen kann. Das alles wird auch eine Diskussion über Werte, über individuelle Rechte und über die Rolle der Bundeswehr auslösen. Wir dürfen unsere Freiheit nicht verlieren, weil wir für sie kämpfen. Die Auseinandersetzung darüber ist enorm wichtig, viel Zeit haben wir nicht. Martin Korte Westfalenpost

Mit der Gefahr leben lernen

Der islamistische Terror trifft in Momenten der Freude und Sorglosigkeit. Die Verunsicherung ist dramatisch. Wenn das überhaupt möglich war, ist dieses Gefühl der Unsicherheit nach der Absage des Länderspiels in Hannover noch gestiegen. Die ungeschickte Nicht-Erklärung der Absage von Innenminister Thomas de Maizière tat ihr übriges. Jetzt geht das mulmige Gefühl bei vielen mit auf dem Weg ins Fußballstadion, in den Konzertsaal oder zum Weihnachtsmarkt.

Zumindest erlaubt es die Phantasie, sich viel auszumalen. In schlaflosen Nächten laufen Szenarien vor dem inneren Auge ab, in welchen Momenten es einen Anschlag geben könnte. Ist es zu gefährlich mit der U-Bahn zu fahren? Sollte man es vermeiden, einen Zug oder ein Flugzeug zu besteigen? Solche Ängste zu haben, ist verständlich. Es wäre sogar unmenschlich, wenn sie nicht aufkämen. Aber ein Stück weit ist die Angst, Attentatsopfer zu werden, auch irrational. Über diese Angst zu sprechen, sie zu analysieren, ist notwendig, um sie in Zukunft zu beherrschen. Denn das werden wir müssen.

Um die Verunsicherung zu überwinden, könnte es helfen, sich an ein Schulfach zu erinnern, dass viele allzu gerne vergessen haben: die Mathematik. Genauer gesagt die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Seit 2001 sind zwei Menschen in Deutschland durch einen islamistischen Terroranschlag ums Leben gekommen. Im selben Zeitraum verunglückten mehr als 6700 Radfahrer tödlich. Zudem: Seit 2001 starben in Deutschland rund 90 000 Menschen bei Unfällen im Haushalt. Die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland durch einen islamistischen Terroranschlag ums Leben zu kommen, ist also im Vergleich extrem gering.

Die logische Schlussfolgerung: Deutschland ist sicher. Ganz so einfach ist es natürlich leider nicht. Allein mit dem Hinweis auf mathematische Faktoren verfliegt die Angst vor dem Terror nicht. Die gefühlte Bedrohung ist schließlich eine ganz andere Sache als die tatsächliche Bedrohung. Aber die Rückkehr zur Sachlichkeit, ist wichtig. In Deutschland ist die Terrorgefahr für die Menschen nichts Vertrautes. Den besonnenen Umgang damit müssen wir uns erst noch antrainieren. Die Absage des Länderspiels ist vielleicht sogar ein richtiger Schritt in diese Richtung. Es hilft in diesen Tagen womöglich auch, sich daran zu erinnern, dass wir eine ähnliche Phase der Verunsicherung ja Anfang dieses Jahres schon einmal erlebt haben. Das war nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt in Paris.

Damals wurden eine Pegida-Demonstration und eine Gegenveranstaltung abgesagt. Genauso wie ein Karnevalsumzug in Braunschweig. Auf ein Radrennen in Oberursel soll ein Bombenanschlag geplant worden sein. Und die Bremer erlebten einen Aufmarsch bewaffneter Polizisten. Alle, die für die Sicherheit in diesem Land verantwortlich sind, sind nun wieder aufs Höchste angespannt. Was vergangene Woche für unmöglich gehalten wurde, wird jetzt für möglich gehalten. Ein Risiko möchte im Moment niemand eingehen. Deshalb ist auch damit zu rechnen, dass es zu Entscheidungen kommt, von denen es im Nachhinein heißt, dass sie übertrieben waren.

Und: Glücklicherweise hat sich der Alarm als falsch herausgestellt. Das gehört dazu. So seltsam es klingt, aber wir müssen eine gewisse Gelassenheit entwickeln und die Möglichkeit eines Terroranschlags als Lebensrisiko hinnehmen. Angst ist keine Weltanschauung. Jedenfalls keine, mit der man leben möchte. Anders gesagt: Es ist ja nicht plötzlich falsch, ein Fußballspiel, ein Konzert oder einen Weihnachtsmarkt zu besuchen. Das bedeutet ja zu leben. Und das ist zu allen Zeiten, das Beste was man tun kann. Christine Straßer Mittelbayerische Zeitung

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