BDI-Präsident Dieter Kempf zum Referendum in der Türkei: „Ergebnis besorgt mich“

Referendum entfernt Türkei von ihrem wichtigsten Absatzmarkt

Die Türkei ist ein wichtiger Partner für Deutschland und rangiert an der 17. Stelle unserer Handelspartner. Für die Türkei ist Deutschland der wichtigste Absatzmarkt und auch bei den Lieferländern befindet sich Deutschland gleich an zweiter Stelle.

BDI-Präsident Dieter Kempf zum Referendum in der Türkei: „Ergebnis besorgt mich“

„Mit dem Ergebnis des Referendums entfernt sich die Türkei weiter von der EU – ihrem wichtigsten Absatzmarkt. Dies beobachten wir mit großer Sorge, gleichzeitig hoffen wir aber, dass die türkische Regierung nun alles daran setzen wird, einer weiteren Spaltung der Türkei entgegenzuwirken und zu einer sachorientierten Diskussion auch mit der EU zurückzukehren. Hierzu gehören insbesondere auch die Klärung der offenen Fragen zum Wahlprozedere sowie die Sicherstellung von Rechtssicherheit im Land. Denn dies sind Grundvoraussetzungen für die wirtschaftlichen Beziehungen und insbesondere dafür, dass die Unternehmen in der Türkei investieren.“ Dies erklärt Anton F. Börner, Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), heute in Berlin zum Ausgang des türkischen Referendums.

„Bedauerlicherweise haben die Entscheidungen der türkischen Regierung in den letzten Monaten die Beziehungen stark belastet. Es sind viele Unsicherheiten entstanden, die dazu führen, dass ausländische Unternehmen sich mit Investitionen in der Türkei schwer tun und viele Entscheidungen auf Eis gelegt haben. Auch die vielen Wechsel in der Verwaltung haben zu großer Unsicherheit geführt und belasten das Tagesgeschäft. Der Wechselkurs tut sein Übriges. So hat die Lira seit vergangenem Sommer ein Drittel an Wert verloren. Die Türkei leidet an einer zunehmenden Inflation sowie einer ansteigenden Arbeitslosigkeit. Vor diesem Hintergrund muss es im eigenen Interesse der Türkei liegen, zu einer wachstumsfördernden Politik zurückzukehren“, so Börner abschließend. Bundesverband Großhandel, Außenhandel und Dienstleistungen e.V.

„Das Ergebnis des Referendums besorgt mich. Die Türkei entfernt sich damit weiter von europäischen Grundwerten. Deutschland ist der wichtigste Handelspartner der Türkei. Die Türkei ist auf ausländische Direktinvestitionen angewiesen, die im vergangenen Jahr bereits um knapp ein Drittel eingebrochen sind.

Das Land braucht starke Wirtschaftspartner aus Europa, welche die weitere wirtschaftliche Entwicklung des Landes unterstützen. Deswegen muss der türkische Präsident im wirtschaftlichen Interesse seines Landes dafür sorgen, dass die Vertrauensbasis der europäischen Partner nicht weiter erodiert.

Rund 6.800 deutsche Unternehmen sind in der Türkei aktiv. Das bilaterale Handelsvolumen liegt bei 37 Milliarden Euro. Für unsere Ausfuhren rangiert die Türkei unter den Zielländern auf Platz 15. Die Wirtschaft braucht Verlässlichkeit und Berechenbarkeit.“ BDI Bundesverband der Dt. Industrie

Türkei: vbw betont große Bedeutung stabiler politischer Verhältnisse

Brossardt: „Freier Handel unterstützt offene demokratische Strukturen“

Mit Blick auf das Referendum in der Türkei über die Einführung eines Präsidialsystems weist die vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. auf die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Bayern und dem Land am Bosporus hin. „Die bayerischen Exporte in die Türkei stiegen von 2,18 Milliarden Euro im Jahr 2010 auf 3,29 Milliarden im Jahr 2016 – ein Plus von 51 Prozent. Der Anteil der Türkei an den Gesamtexporten Bayerns wuchs von 1,5 auf 1,8 Prozent, wobei der entscheidende Anstieg im Jahr 2011 stattfand. Seitdem ist der Anteil relativ stabil. Die Türkei liegt auf Rang 17 der größten bayerischen Exportmärkte“, erklärt vbw Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt. „Die Importe aus der Türkei machten 1,6 Prozent aller bayerischen Einfuhren aus. Damit liegt das Land auf Platz 18 der wichtigsten Importländer des Freistaats. Gegenüber 2015 nahmen die Importe aus der Türkei um 2,2 Prozent zu.“

Die vbw weist auf die große Bedeutung stabiler politischer Verhältnisse für Handel und Wirtschaft hin. „Die politischen Entwicklungen in der Türkei machen sich inzwischen im Außenhandel mit Bayern klar bemerkbar. Seit Oktober 2016 gehen die bayerischen Exporte in die Türkei zurück. Im Januar und Februar 2017 waren es sogar -24,8 beziehungsweise -23,1 Prozent“, sagt Brossardt.

„Wir hoffen, dass die Türkei weiter auf offene demokratische Strukturen setzt. Freier Handel und wirtschaftlicher Austausch unterstützen dies – und sie sorgen für wirtschaftlichen Aufschwung“, so der vbw Hauptgeschäftsführer. Kontakt: Dirk Strittmatter – vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V.

Deutsch-türkische Wirtschaftsbeziehungen: Gesprächsfaden nicht abreißen lassen

Mit Interesse und Sorge blickte die deutsche Wirtschaft auf das Türkei-Referendum am 16. April 2017 zur Einführung eines Präsidialsystems. Laut der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer (AHK Türkei) zeigen deutsche Unternehmen derzeit eine abwartende Haltung und prüfen mögliche Auswirkungen des Referendums auf ihre Geschäftsentwicklungen vor Ort.

Türkische Zentralbank muss Lira stabilisieren

Der Putschversuch im vergangenen Jahr und die darauffolgenden Aktionen der türkischen Behörden, insbesondere die vielen Entlassungen, haben ihre Spuren in den deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen hinterlassen. Schon 2016 wurden die Anfang des Jahres prognostizierten deutschen Exportzuwächse deutlich verfehlt: Statt der erwarteten fünfprozentigen Steigerung gab es einen Rückgang um zwei Prozent. Während in den ersten sechs Monaten die deutschen Ausfuhren noch um 1,3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zulegten, brach der Exportumsatz im zweiten Halbjahr 2016 um 5,7 Prozent ein. Hauptursache hierfür war die starke Abwertung der türkischen Lira – eine Folge der politischen Turbulenzen. Für den deutschen Export in die Türkei ist es daher hilfreich, dass die türkische Zentralbank dieser Entwicklung mithilfe geeigneter finanzpolitischer Maßnahmen gegensteuert.

Beratungsangebote zur Abschätzung von Risiken nutzen

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag geht für 2017 von einem weiteren Rückgang der deutschen Exporte um fünf Prozent (minus 1,6 Milliarden Euro) aus. Auch für die türkische Wirtschaft insgesamt ist die Prognose eher ernüchternd. Ihre beachtlichen BIP-Wachstumsraten von 2010 (9 Prozent) und 2011 (8 Prozent) konnte die türkische Wirtschaft zwar schon in den vergangenen Jahren nicht mehr wiederholen, die Aussichten für 2017 sind laut der internationalen Ratingagentur Fitch mit 2,4 Prozent BIP-Wachstum aber noch einmal um einiges verhaltener. Für deutsche Unternehmen birgt die schwächelnde türkische Wirtschaft große Unsicherheiten. Deshalb sollten Betriebe verstärkt Beratungsangebote, beispielsweise die der AHK Türkei, zur Risikoabwägung bei Investitionsentscheidungen nutzen. Bei Schwierigkeiten in Hinblick auf Handelsabwicklungen oder bei der Beantragung von Arbeitserlaubnissen und Aufenthaltsberechtigungen konnte die AHK Türkei in jüngster Zeit bereits erfolgreich Unterstützung leisten.

An der Türkei als Wirtschaftspartner festhalten

Mit mehr als 6.800 auf dem türkischen Markt aktiven deutschen Unternehmen und einem durch Deutschland aufgebauten Kapitalstock von mehr als zehn Milliarden Euro hat die deutsche Wirtschaft große Hoffnungen in den türkischen Markt gesetzt. Die momentane Investitionszurückhaltung – insbesondere bei kleinen und mittelständischen Unternehmen – ist zweifelsohne nachvollziehbar. Dennoch sollte die deutsche Wirtschaft insgesamt an der Türkei als Wirtschaftspartner festhalten – nicht zuletzt aufgrund des Potenzials, das sich aus der demografischen Entwicklung und dem damit zusammenhängenden starken Binnenkonsum in der Türkei ergibt. Auch die zahlreichen gigantischen Infrastrukturprojekte, an denen die Türkei trotz schwächelnder Wirtschaft festhält, könnten deutschen Unternehmen in Zukunft interessante Aufträge einbringen. Dazu zählen Bauvorhaben wie der dritte Flughafen in Istanbul, die längste Hängebrücke der Welt über die Meerenge der Dardanellen oder die „Marmara-Autobahn“ zur nördlichen Umgehung Istanbuls. DIHK Deutscher Industrie- und Handelskammertag e.V.

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