Brexit: Autohersteller planen Preiserhöhungen in UK

Mittelstand fordert Sofortmaßnahmen

Brexit: Autohersteller planen Preiserhöhungen in UK

Das RWI-Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung sieht die Wirtschaft in Nordrhein-Westfalen in „unruhigem Fahrwasser“, rechnet aber mit einem moderaten Wachstumsplus von 1,1 Prozent im laufenden Jahr, nachdem die Wirtschaft 2018 voraussichtlich um 1,4 Prozent wuchs. Mit Blick auf die aktuelle Lage sei es höchste Zeit für Standortpflege und höhere Investitionsbereitschaft, fordert NRW-Landesgeschäftsführer Herbert Schulte vom Mittelstandsverband BVMW:

„Unser Wirtschaftsstandort steht vor schwierigen Jahren. Mit dem unklaren Brexit, dem Handelskonflikt mit den USA und der nachlassenden europäischen Konjunktur steht gerade der international aufgestellte Mittelstand in Nordrhein-Westfalen vor der Aufgabe, mit Innovationskraft und dem Mut zur Investition gegenzusteuern. Die spürbare nachlassende Wirtschaftsdynamik ist daher auch ein Menetekel für die Politik, uns zu unterstützen und noch wesentlich stärker an den hardfacts der Standortpolitik zu feilen.

Das bedeutet für uns: Das Aus des Solidaritätszuschlags, ohne Wenn und Aber sowie eine deutliche Senkung der Stromsteuer, um Druck von den Energiekosten zu nehmen. Beide steuerpolitischen Schritte wären Sofortmaßnahmen, die sich günstig auf das Investitionsklima im Mittelstand auswirkten und Wachstum und Beschäftigungsentwicklung stabilisierten. Grundsätzlich fordern wir die Politik auf, den teuren Kurs ausufernder Sozialpolitik zu überdenken und die Wachstumskräfte Deutschlands zu stärken. In wirtschaftlich schwächeren Zeiten wird es schmerzhaft sein, die Kostendynamik unserer Sozialpolitik zu dämpfen.“¹

Am 29. März endet nach heutigem Stand die Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs in der EU. Zahlreiche Branchen bereiten sich auf den schlimmstmöglichen Fall – den sogenannten „harten“ Brexit – vor. Welche Maßnahmen Autohersteller vorbereiten und wie sich das auf die gesamte Branche auswirkt, erklärt Antoine Weill, Automotive-Experte und Partner bei der globalen Strategie- und Marketingberatung Simon-Kucher & Partners.

Weniger als anderthalb Monate vor dem Austrittstermin des Vereinigten Königreichs aus der EU ist immer noch unklar, wie es mit den britisch-europäischen Handelsbeziehungen anschließend weitergeht. Bislang weigert sich das britische Parlament, einem Austrittsabkommen zwischen London und Brüssel zuzustimmen. Was das bedeutet? Bei einem „No-Deal-Brexit“ gelten beim Handel mit der EU nur noch die Minimalstandards der Welthandelsorganisation WTO. Da laut diesen die EU auf Autoimporte aus Drittstaaten, mit denen es keine Freihandelsabkommen gibt, Einfuhrzölle von zehn Prozent erhebt, werden von Großbritannien Zölle in derselben Höhe erwartet. Zehn Prozent höhere Kosten: Das können (oder wollen) die meisten Hersteller nicht einfach so wegstecken. Und bereiten ihre Kunden jetzt schon auf entsprechende Preiserhöhungen vor.

Preiserhöhungen im Vorfeld vertraglich absichern

So müssen etwa Porsche-Käufer in Großbritannien seit dem 18. Januar bei der Bestellung eine Klausel in ihren Verträgen unterzeichnen, dass sie eine Preiserhöhung bei möglichen Importzöllen akzeptieren. Dieser könnte bis zu zehn Prozent betragen. Laut Medienberichten plant Volvo einen Preisanstieg in gleicher Höhe. Und auch weitere Hersteller schließen solche Maßnahmen nicht aus. Die Porsche-Strategie klingt simpel: Tritt der „harte“ Brexit ein, bezahlen Kunden entweder zehn Prozent mehr oder müssen ihren Kauf stornieren. Somit kaufen sie eine Ware, deren Preis bislang nicht feststeht.

Trotz aller Risiken: Damit bietet der Brexit Porsche die perfekte Testumgebung. Wie wirkt sich ein höherer Preis auf das Auftragsvolumen aus? Welche Preiselastizität herrscht im Markt? Und da zudem keine produktbezogen Preiserhöhung sondern eine pauschale Steigerung über zehn Prozent quer durch das gesamte Sortiment vollzogen würde: Um wieviel geht die Nachfrage insgesamt zurück?

Preiselastizität ausloten

Geschäftskritische Erkenntnisse können dabei nicht nur im eigenen Unternehmen, sondern auch im gesamten Branchenumfeld gewonnen werden: Andere Hersteller gehen denselben Schritt, manche inländische Produzenten aber beispielsweise nicht. So können Manager absolute, also auf die eigenen Preisänderungen bezogene, sowie relative, auf den Preisabstand zwischen Wettbewerbern angewendete Preiselastizität noch genauer ergründen.

Porsche kann sich dieser Entwicklung erfahrungsgemäß relativ entspannt stellen: Porschekäufer sind tendenziell wenig preissensitiv; Aufträge gehen bei moderaten Preiserhöhungen nur wenig zurück. Erfahrungen zeigten, dass dem deutschen Hersteller eher Preissenkungen zu schaffen machten. Hier ist die Elastizität höher und Auftragsvolumina änderten sich stark, da Porsche-Modelle plötzlich für Fahrer anderer Marken erschwinglich wurden.

Bei anderen Autohersteller sieht die Situation anders aus. Für weite Teile der Branche gilt: Preisunempfindliche Kunden sind die Ausnahme, nicht die Norm! Unternehmen, deren Produktionsstätten im Vereinigten Königreich liegen und die in die EU exportieren sowie Firmen, bei denen genau die umgekehrte Situation der Fall ist, bereiten sich derzeit auf Preisszenarien mit Erhöhungen von über zehn Prozent vor. Wer hier eher mittel- oder niedrigpreisige Wagen anbietet, sollte die Preiselastizität seiner Kunden genau messen, um fatale Preisentscheidung zu vermeiden. Nötig sind umfangreiche Kenntnisse in Sachen Marketing und Pricing, um sich gut durch diese Marktturbulenzen zu manövrieren.²

¹BVMW – Bundesverband mittelständische Wirtschaft e.V. ²Simon-Kucher & Partners

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