BRICS: Der gebremste Aufstieg

Rohstoff- und Ölpreise erhöhen Insolvenzgefahr in NAFTA-Ländern und Brasilien

BRICS: Der gebremste Aufstieg

Andreas Tesch, Chief Market Officer von Atradius, kommentiert: „Der Insolvenzausblick hat sich für die meisten Industrieländer, einschließlich USA und Kanada, verschlechtert. Unabhängig von den jeweiligen Ursachen sind die Unternehmen durch die Herausforderungen eines schwierigen Insolvenzumfelds gezwungen, auf fundierte Strategien im Forderungsmanagement zurückzugreifen, die ihnen ein weiterhin sicheres Wachstum erlauben.“

Rohstoff- und Ölpreise erhöhen Insolvenzgefahr in NAFTA-Ländern und Brasilien

Atradius geht vor dem Hintergrund der niedrigen Rohstoffpreise derzeit von einem Insolvenzanstieg von 3 % in den USA und 4 % in Kanada im Jahr 2016 aus. Auch bei Firmen in Mexiko und Brasilien nimmt die Insolvenzgefahr zu, unter anderem aufgrund des geringen Ölpreises, des verlangsamten Wirtschaftswachstums in den USA, des langsameren Produktivitätszuwachses in Mexiko und der Rezession Brasiliens.

„Das globale Wachstum, das laut Prognosen in diesem Jahr um 2,4 % betragen soll, wird weiterhin durch niedrige Rohstoffpreise, eine unzureichende Konsumentennachfrage in den entwickelten Märkten, die chinesische Neuausrichtung der Wirtschaft, die Unsicherheit in der globalen Währungspolitik und geopolitische Risiken belastet“, sagt Atradius Chief Market Officer Andreas Tesch. „Zusammengenommen nimmt die Besorgnis über die wachsenden Schulden und die sich verschlechternde Kreditwürdigkeit zu. Beide Faktoren führen voraussichtlich zu mehr Unternehmenskonkursen in vielen Schwellenmärkten, insbesondere solchen, die vom Handel mit China und/oder dem Warenhandel abhängen.“

Die durchschnittliche Forderungslaufzeit (Days Sales Outstanding, DSO) wird sich nach Angabe der befragten Unternehmen innerhalb der nächsten zwölf Monate vor allem in Brasilien erhöhen: Hier erwartet 47 % der an der „Americas“-Studie teilnehmenden Firmen einen Anstieg. Bereits für die zurückliegenden zwölf Monate meldeten 93 % der für das Zahlungsmoralbarometer befragten Unternehmen in den USA, Kanada, Mexiko und Brasilien verspätete Forderungseingänge. Der Gesamtwert der Rechnungen, die bei den Lieferanten am Fälligkeitstermin noch nicht bezahlt waren, lag bei fast 50 % – 2013 betrug dieser Wert noch weniger als 30 %. Die schwächelnde Zahlungsmoral hatte häufig einen Domino-Effekt in der Lieferkette zur Folge: So waren zwei von fünf Unternehmen aufgrund des Zahlungsverzugs ihrer Firmenkunden gezwungen, die Zahlungen an ihre eigenen Lieferanten ebenfalls zu verzögern. Atradius Kreditversicherung

BDI: Neue Wachstumschancen in Brasiliendurch Reformkurs

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) setzt hohe Erwartungen in die neue brasilianische Regierung unter Staatspräsident Michel Temer. „Wir sehen gute Chancen, dass der wirtschaftspolitische Kurswechsel Brasilien zurück auf Wachstumskurs bringt“, sagte BDI-Hauptgeschäftsführer Markus Kerber am Sonntag in Weimar zum Auftakt der 34. Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstage. „Zentral ist, die jüngst angekündigten umfassenden Reformen im Steuer- und Arbeitsrecht rasch umzusetzen. Das ist die Voraussetzung für mehr und nachhaltige Investitionen aus Deutschland und Europa in der größten Volkswirtschaft Südamerikas.“

Nach einer langen Phase der Instabilität warte die Wirtschaft auf Reformsignale, die das Vertrauen in den Standort wiederherstellten: „Brasilien muss seine öffentlichen Finanzen sanieren und seine Wettbewerbsfähigkeit stärken“, forderte Kerber. „Es wäre ein Trauerspiel, wenn die Volkswirtschaft weiter in der Rezession und unter ihren Möglichkeiten bliebe.“

Besondere Impulse für die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen verspricht sich der BDI vom Abschluss eines EU-Mercosur-Freihandelsabkommens. Die Zölle für Industrieprodukte liegen im Mercosur mit teilweise über 20 Prozent noch immer sehr hoch. Kerber: „Mit mehr Einsatz für ein modernes und ehrgeiziges Freihandelsabkommen schafft Brasilien die Voraussetzung für engere Handelsbeziehungen. Vor allem mit dem Austausch von Waren lassen sich dringend notwendige Wachstumskräfte aktivieren.“

Für den BDI biete das Land mit mehr als 200 Millionen Einwohnern und einer konsumfreudigen, überwiegend jungen Mittelschicht enorme Potenziale für mehr wirtschaftliche Kooperation. Das im vergangenen Monat von der Regierung vorgestellte Infrastrukturprogramm mit 34 Großprojekten biete Ansatzpunkte für eine konkrete Zusammenarbeit, sagte Kerber. Beispiele sind laut BDI die Flughäfen und Häfen des Landes, zudem Eisenbahn, Energie und Digitalisierung.

Die jährlich vom BDI und seinem brasilianischen Partnerverband CNI organisierten Deutsch-Brasilianischen Wirtschaftstage (DBWT) versammeln mehrere 100 Vertreter aus Wirtschaft und Politik beider Länder. Die Konferenz wird abwechselnd in Deutschland und Brasilien durchgeführt. In diesem Jahr finden die DBWT in Weimar statt, unterstützt durch das Thüringische Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und digitale Gesellschaft.

Brasilien ist Deutschlands wichtigster Wirtschaftspartner in Lateinamerika. Rund 1400 deutsche Unternehmen sind vor Ort aktiv und haben 24 Milliarden US-Dollar im Land investiert. Der deutsche Export lag im vergangenen Jahr bei rund zehn Milliarden Euro. Die brasilianische Wirtschaft schrumpft in diesem Jahr voraussichtlich um mehr als drei Prozent; ab 2017 wird wieder ein leichtes Wachstum erwartet. BDI Bundesverband der Dt. Industrie

BRICS-Expertin Dr. Miriam Prys-Hansen

Brasilien steckt im Rezessions- und Korruptionssumpf, Indien kann die Lage der Ärmsten trotz Wachstum nicht bessern, Russland kämpft angesichts drohender Sanktionen gegen niedrige Ölpreise, China schwächelt, Südafrika lebt auf Pump. Vor diesem Hintergrund konnte der BRICS-Gipfel im indischen Goa keinen neuen Glanz verbreiten, analysiert Dr. Miriam Prys-Hansen vom Hamburger GIGA-Institut. „In diesem Club passt nicht viel zusammen. Angst muss der Westen nicht haben.“

Hat der Club der aufsteigenden Mächte in Goa etwas vom schon verblassten Glanz aufpoliert?

Dr. Miriam Prys-Hansen: Das liegt im Auge des Betrachters. In den internationalen Medien, insbesondere in den BRICS-Staaten selbst, wird zwar gelobt, wie viel die fünf BRICS-Staaten erreicht haben. Einerseits gibt es in der Tat neue Felder der Kooperation: So wurde der Bekämpfung des Terrorismus breiter Raum gegeben und eine verstärkte landwirtschaftliche Forschung verabredet. Im Detail betrachtet hat sich für mich aber eher bestätigt, dass dies ein Club ist, in dem nicht viel zusammenpasst. In der Abschlusserklärung von Goa stehen sehr viele Allgemeinplätze, die aus den letzten Gipfelerklärungen rauskopiert scheinen. Bezeichnend für die BRICS ist, dass die bilateralen Beziehungen im Vordergrund bleiben, etwa bei den gigantischen Rüstungsabkommen zwischen Indien und Russland. Als Gruppe ist die BRICS schwächer, als in der Vergangenheit befürchtet wurde. Stark macht die Gruppe, dass dort mit Russland, Indien und China drei Schwergewichte in einem auf Kooperation angelegten Forum zusammenkommen.

Wirtschaftlich erlebt der Club eine Schwächephase. Bringt das auch seine politischen Sollbruchstellen zum Vorschein?

Dr. Prys-Hansen: Das gilt eher nicht für die beiden kleineren Staaten, Südafrika und Brasilien. Für sie erhöht sich die Bedeutung der BRICS im Abschwung sogar, garantiert sie ihnen doch in einer schwierigeren Phase den Zugang zum asiatischen Markt. Folgerichtig ging es etwa in den bilateralen Treffen zwischen Brasilien und Indien fast ausschließlich um wirtschaftliche Kooperation. China schlägt gleichzeitig nun mehr Skepsis entgegen, weil die anderen vier befürchten, dass sie angesichts des Schwächelns des chinesischen Wirtschaftsraumes lediglich als Absatzmärkte für die chinesische Überschussproduktion herhalten sollen. Deshalb schaffte es der vor Goa lancierte Vorschlag aus Peking, zwischen den fünf Staaten eine Freihandelszone zu schaffen, noch nicht einmal auf die Agenda des Gipfels.

Den Anspruch, internationale Konflikte lösen zu wollen, können die BRICS-Staaten gemeinschaftlich kaum erfüllen. Sind sie eher Rivalen als Partner?

Dr. Prys-Hansen: Rivalität besteht vor allem zwischen den großen Drei, vor allem aber zwischen China und Indien. Insbesondere die Nibelungentreue Pekings zu Pakistan ist schon immer ein wunder Punkt in den Beziehungen zwischen Indien und China. Neu Delhi wurde auf dem Gipfel massiv dafür kritisiert, seinen Konflikt mit dem verfeindeten Nachbarn Pakistan als Thema in den Vordergrund und damit die wirtschaftliche Entwicklung in den Hintergrund gerückt zu haben. Als Schutzpatron Pakistans sieht sich China. So verhinderte Peking, dass Indien seine Erklärungen gegen grenzüberschreitenden Terrorismus – die ebenfalls auf Islamabad zielte – in das Abschlussdokument drücken konnte.

Sind die umfangreichen Rüstungsgeschäfte zwischen Neu Delhi und Moskau genau deshalb auch als Signal an Peking gedacht?

Dr. Prys-Hansen: Das kann man so sehen. Aber das war ein Signal in zwei Richtungen. Denn Russland hat vor dem Gipfel auch mit Pakistan Rüstungsgeschäfte und Militärübungen vereinbart. Da schrillten in Neu Del-hi natürlich die Alarmglocken und die Bereitschaft wuchs, die traditionell guten Beziehungen zum Kreml wieder zu pflegen.

Als die BRICS aus der Taufe gehoben wurden, herrschte in der Finanzwelt Euphorie. Goldman Sachs legte einen entsprechenden Fonds auf, der mittlerweile wieder geschlossen wurde. Sind die wirtschaftlichen Blütenträume verwelkt?

Dr. Prys-Hansen: Tatsächlich war Goldman Sachs sogar Taufpate, denn ihr Chefökonom Jim O’Neill prägte das Akronym BRICS bereits 2001 für ihren Fonds. Dann wurde daraus ein politischer Selbstläufer: Die Außenminister trafen sich erstmals 2006 und das erste Gipfeltreffen der Staatsoberhäupter war 2009. Es ist sehr bemerkenswert, wie sich hier eine Investmentmöglichkeit politisierte. Mittlerweile ist die Euphorie über das Wirtschaftswunder der BRICS insbesondere in den USA etwas abgeflacht. Die Frage ist, ob es sich um einen vorübergehenden Dämpfer handelt oder um eine bleibende Schwäche – und der Westen steht ebenfalls nicht glänzend da. Auch hier hilft es, zwischen den einzelne BRICS-Staaten zu differenzieren. Während Brasilien, Russland und Südafrika zumindest noch dieses Jahr (die Prognosen sind nicht mehr ganz so negativ) tatsächlich sich in einer recht schwierigen wirtschaftlichen Lage befinden, wächst China immerhin noch mit über 6% und Indien ist sozusagen der alleinige ökonomische BRICS-Stern mit Strahlkraft bei einem Wachstum von 7,6 Prozent.

China betrieb 2015 mehr Handel mit den USA als mit seinen BRICS-Partnern. Was ist stärker: Profitorientierte Fliehkräfte oder „Bruderliebe“?

Dr. Prys-Hansen: Zugespitzt lässt sich schon sagen, dass die Profiterwartung über allem thront. Der Handel zwischen den BRICS-Staaten ist einfach sehr schwach, erreichte 2015 nur ein Volumen von 12 Prozent vom gesamten Handel dieser Staaten. In den Gipfelerklärungen wird das verklärt mit der Formulierung, es gebe sehr viel Potenzial. Jubelmeldungen über den in den vergangenen Tagen um 70 Prozent gewachsenen Handel zwischen Indien und Brasilien haben ebenfalls nur einen überschaubaren Wert, berücksichtigt man dessen geringes Ausgangsniveau.

Ist China mit seinen Seidenstraßen-Wirtschaftsraum-Plänen und Mauern zur See überhaupt bereit, die anderen Staaten als annähernd gleichwertig zu akzeptieren?

Dr. Prys-Hansen: Aus Sicht Chinas war BRICS schon immer ein Mittel, um zu zeigen, dass Peking imstande ist, eine derartige Koalition von Staaten anzuführen. Hier manifestiert sich ein global wachsender Führungsanspruch. Aber: Es ist nur eines von vielen Projekten der chinesischen Strategie. Etwa die AIIB, die Asiatische Investment- und Infrastrukturbank. Das Seidenstraßen-Projekt ist das Flaggschiff der chinesischen Diplomatie. BRICS wurde sogar als bloßer Steigbügelhalter für den Seidenstraßen-Wirtschaftsraum, der Zentralasien, Westasien, den Kaukasus und die Schwarzmeerregion umfassen soll, bezeichnet. Dabei birgt die Seidenstraße für BRICS durchaus Sprengkraft, ist doch dessen konkretestes Projekt der China-Pakistan-Korridor. Der geht durch Gebiete, die Indien für sich beansprucht, aber Pakistan besetzt hat. Indien kann sich der Seidenstraßeninitiative nicht anschließen, denn das würde bedeuten, Pakistans Anspruch auf diese Gebiete zu tolerieren.

Ist BRICS für China eine Fingerübung, die auf die künftige Rolle als Weltmacht vorbereiten soll?

Dr. Prys-Hansen: Mit BRICS verfolgt Peking eine zweigleisige Strategie: Einerseits sammelt China Erfahrungen im Schmieden von Allianzen, andererseits soll die Gruppe international Ängste vor einem immer stärker werdenden China nehmen, indem gezeigt wird, dass China nur im Kollektiv Änderungen der Machtarchitektur, etwa eine Reform der Weltbank, einfordert. Peking kann sich hinter BRICS auch verstecken, beziehungsweise mehr Legitimität behaupten.

Trotz bröckelnden Lacks nach acht Jahren: Sind wir unweigerlich auf dem Weg zur multipolaren Welt?

Dr. Prys-Hansen: Man muss unterscheiden zwischen BRICS als Verbund und BRICS als Gruppe von Einzelstaaten. So ist unvermeidlich, dass die Einzelstaaten mächtiger und eine neue Rolle einfordern werden. Entscheidend ist, dass sie das auch können ohne die BRICS als Institution. Indien und China sind in der Zukunft global player in allen zentralen Politikfeldern. Die BRICS, die weder über einen Präsidenten noch über ein Sekretariat verfügt, wird sich dagegen oft auf Symbolpolitik beschränken müssen. Wir gehen also unvermeidlich auf eine multipolare Welt zu, mit China und Indien als neue asiatische Machtzentren, die 35 Prozent der Weltbevölkerung repräsentieren. Der Westen tut gut daran, sich darauf einzustellen. Aber BRICS wird kein Ansprechpartner sein, verfügt nicht mal über eine Telefonnummer. Angst muss der Westen also vor diesem Verbund nicht haben, sollte dessen Kooperation eher mit Wohlwollen begleiten, da sich dort diese potenziellen Weltmächte in einem auf Kooperation ausgelegten Forum mit ihren diversen politischen und wirtschaftlichen Konflikten auseinandersetzen. Landeszeitung Lüneburg

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