Diesel-Schatten der Vergangenheit

Abgastests der Autoindustrie

Diesel-Schatten der Vergangenheit

Das sollte wohl die Möglichkeit eröffnen, von erwarteter Kritik abzulenken, anstatt die Motoren konsequent zu verbessern und – insbesondere bei VW – auf illegale Manipulationen zu verzichten. Nicht viel besser sind die Versuche am Aachener Klinikum mit Menschen: Da ging es scheinbar nur um die Emissionen am Arbeitsplatz, doch in Wahrheit stammen diese oft von Dieselmotoren. Und was es bringen soll, die Folgen einer dreistündigen Dieselabgas-Belastung zu testen, bleibt der Fantasie der Wissenschaftler überlassen – realistisch ist eine solche kurzfristige Belastung nicht. Was muss die Politik tun? Die nächste Bundesregierung muss in den Städten den Wechsel zur Elektromobilität deutlich stärker unterstützen als bisher. Fahrrad-Schnellwege brauchen Vorrang. Fahrverbote sind nicht ausgeschlossen – wenn auch nicht wünschenswert im Interesse der Autoinhaber. Reinhard Kowalewsky – Rheinische Post

Abgastest einer deutschen Universität

An einer deutschen Universität – an einer der renommiertesten und international am meisten beachteten noch dazu – sperrt man Menschen für drei Stunden in eine Kammer. Dann lässt man Gas in diese Kammer. Grenzwerte für Menschen werden nicht überschritten. Gesundheitliche Effekte gibt es nicht. Immerhin. Eine Ethikkommission hielt das für vertretbar. Welche Ethik-Kommission kann oder sollte das gewesen sein? Ethik ist die Lehre von den Sitten. Von den guten Sitten. Eine Ethik-Kommission, die an ihren Schreibtischen berät und einen Versuch für vertretbar hält, in dem an Menschen in einer Kammer mit Gas experimentiert wird, müsste eigentlich bereits geschlossen zurückgetreten sein. Der zuständige Institutsleiter der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen widerspricht der Schlussfolgerung, dass es bei den Versuchen mit Gas an Menschen in einer Kammer um den Dieselskandal gegangen sei. Ein Institutsleiter, der sich an seinem Schreibtisch vor allem bemüßigt fühlt, den Zusammenhang zum Dieselskandal zu relativieren, müsste eigentlich bereits darüber nachdenken, ob er diesen Schreibtisch nicht verlassen sollte oder muss.

Die Autokonzerne VW, Daimler, BMW und Bosch gründen eine „Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor“, die die Versuche an Menschen mit Gas in der Kammer fördert. Die Konzernverantwortlichen distanzieren sich von diesem inzwischen aufgelösten Institut und kündigen an, sie würden Verantwortliche zur Rechenschaft ziehen. Die sollen in Rechtsabteilungen sitzen. So wie die Ingenieure zum Beispiel von VW die Verantwortung für den Dieselskandal tragen sollen. Konzernchefs und ihre Aufsichtsräte indes, die sich an ihren Schreibtischen zum wiederholten Mal hinter ihren Mitarbeitern gleich welcher Abteilung verstecken, müssten sich schon mal nach ihrer persönlichen Verantwortung fragen lassen.

Vor allem aber erwartet man von ihnen, dass sie die Mentalität an den Schreibtischen in ihren Konzernen ändern. Das haben sie offensichtlich nicht getan, also versagt. Es gibt keine erkennbaren Schäden, sagt das Institut. Doch, die gibt es. Allen Beteiligten fehlte nicht nur historisches Bewusstsein, fehlte nicht nur moralische Integrität, sondern auch ein Gefühl für Unrecht. Moralisches, juristisches, historisches Unrecht. Ethik – damit umschreiben wir alle sittlichen Normen, auf denen verantwortungsbewusstes Handeln fußt. Dies hat es an diesen Schreibtischen nicht gegeben. Thomas Seim – Neue Westfälische

Nix kapiert

Analog zum bekannten Werbeslogan eines deutschen Herstellers in den 90er Jahren müsste es heute, bezogen auf die führenden deutschen Autokonzerne VW, Daimler und BMW, heißen: „Wir haben nix kapiert.“ Berichte über Stickstoffdioxid-Versuche mit Affen in den USA, nun der ungeheuerliche Verdacht, in Deutschland ähnliche Experimente mit Menschen initiiert und finanziert zu haben – der Dieselskandal ist noch lange nicht abgeklungen und schon wieder fällt man von einer Ohnmacht in die andere. Das alles lässt nur einen Schluss zu: Im Bestreben, den Diesel um jeden Preis zu retten, haben die Unternehmen komplett die ethische Bodenhaftung verloren. Jeder halbwegs gebildete Deutsche, der von solchen Versuchsanordnungen hört, wird sofort von schrecklichen Bildern bestürmt – warum die Manager in Stuttgart, Wolfsburg und München nicht?

Dafür gibt es zur Zeit keine vernünftige Erklärung, eine Entschuldigung schon gar nicht. Den Chefetagen fällt nichts weiter ein als die übliche Formel: Es handelt sich um Verfehlungen Einzelner, wir wussten von nichts. Ein Rechtfertigungsmuster, an dem auch führende Politiker bislang bereitwillig mitstricken. Weil: Die Autoindustrie ist ja systemrelevant für die deutsche Wirtschaft, also „too big to fail“. Ein Totschlagsargument? Ja, aber in einem suizidalen Sinn. In Wahrheit sind es die Konzerne selbst, die, offenbar ohne es zu merken, ihr eigenes Grab schaufeln – mit skandalösen Geschäftsmethoden, ignoranten Unternehmensstrategien und einem Krisenmanagement, das zwischen Impertinenz und Stümperhaftigkeit changiert. Frank Schmidt-Wyk – Allgemeine Zeitung Mainz

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