Erbitterte Brexit-Debatte

Brexit/Ermordung von Jo Cox

Erbitterte Brexit-Debatte

Literaturnobelpreisträger Vargas Llosa: „Brexit wäre eine Katastrophe für die EU und Großbritannien und käme einer Zeitenwende gleich“

Vargas Llosa, der in den 90er Jahren selbst in seiner Heimat als Präsidentschaftskandidat politisch aktiv gewesen war, sagte weiter: „Großbritannien würde wahrscheinlich aufhören zu existieren, wie es heute ist. Weil wahrscheinlich die Schotten, die Iren und vielleicht sogar die Waliser Großbritannien verlassen würden – weil sie ja gerne EU-Mitglied bleiben würden. Und es würde ein großes Vakuum entstehen, weil Großbritannien für viele Ideale Europas steht, die dort gelebt werden. Wir würden vermutlich alle wieder in eine Art Stammeskultur zurückfallen, vor der der Philosoph Kar Popper immer gewarnt hatte. Das würde eine Zeitenwende für uns alle in Europa bedeuten.“ Rhein-Neckar-Zeitung

Noch bevor die Briten überhaupt für oder gegen den Austritt aus der EU gestimmt haben, steht eines fest: Die erbittert geführte Brexit-Diskussion hat zu einem nur schwer zu schließenden Riss quer durch das Königreich geführt. Es sind schon längst nicht mehr rationale Argumente wie die Folgen für die britische Wirtschaft, die in der Debatte bestimmend sind. Vielmehr stehen die Emotionen im Vordergrund und haben den Briten damit einen derart schrillen Wahlkampf beschert, dass kaum vorstellbar ist, wie die verfeindeten Lager nach dem Votum am Donnerstag wieder zusammenfinden sollen.

Der Ton war so verroht, dass er den Mord an der jungen Politikerin und Brexit-Gegnerin Jo Cox zumindest befördert haben dürfte. Nach knapp drei Tagen der Trauer ist die Wahlkampfmaschine gestern wieder angelaufen. Es ist nun eine Frage des Anstandes, dass sich beide Lager zumindest auf den letzten Metern verbal mäßigen. Auch die Brexit-Gegner sollten nicht der Versuchung erliegen, Cox‘ Tod zu instrumentalisieren. Ein solch erwartbares Vorgehen würde den Riss nur auf Dauer zementieren. Maximilian Plück – Rheinische Post

Vor der Entscheidung – Bei einem Brexit würden alle verlieren

Mit dem tragischen Mord an der Labour-Abgeordneten Jo Cox könnte sich im wieder aufgenommenen Brexit-Wahlkampf die Waage in letzter Minute zugunsten der EU-Befürworter neigen. Das wäre bei allem Entsetzen über die feige Tat eine dann im Ergebnis positive Entwicklung. Vielleicht haben einige der mit Schaum vor dem Mund und wenigen rationalen Argumenten kämpfenden Brexit-Befürworter einmal kurz inne gehalten und nachgedacht. So könnte ihnen bewusst geworden sein, dass die Nachteile bei einem Brexit die Vorteile, die sie sich ausgerechnet hatten, möglicherweise überwiegen.

Vermutlich würde ein Brexit die Briten letztlich härter treffen als die Bürger der EU. Denn es muss auch dem verbohrtesten EU-Gegner klar sein, dass ein Austritt nicht zwangsläufig der Anfang vom Ende der EU wäre. Die Europäische Union wäre einen ständigen Quertreiber los, der unentwegt Extrawürste für sich einforderte, ohne dazu eine wirkliche Begründung liefern zu können. Man kann eine solche Verhaltensweise auch Erpressung nennen. Andererseits wäre es aber eben auch ein großer Verlust, weil mit Großbritannien auch jene Kraft aus der Gemeinschaft verschwände, die Brüssel immer wieder die Notwendigkeit von Reformen verdeutlicht hatte. Die Briten verlören international an Gewicht, die EU ebenso.

Sollte man auf der Insel am 23. Juni für den Austritt aus der EU stimmen, muss dort klar sein, dass dies den Charakter einer Scheidung hat, nach der nichts mehr so ist wie zuvor. Alle Segnungen, die Europa zweifelsohne auch bereit hält, wären dann Makulatur. Einfach alles wäre dann neu zu verhandeln. Axel Zacharias – Thüringische Landeszeitung

Situation in Großbritannien kurz vor der Brexit-Abstimmung

Am deutlichsten illustriert eine Umfrage des Instituts „Survation“ die Trendwende der vergangenen Tage bei den britischen Wählern: Am Donnerstag lag das Brexit-Lager mit 45 Prozent gegenüber 42 Prozent in Führung, wie Survation ermittelt hatte. Am Sonntag war es genau umgekehrt und das „Remain“-Lager der EU-Befürworter führte mit drei Prozentpunkten. Die Experten sind sich darüber uneins, ob die Ermordung der Labour-Abgeordneten Jo Cox beim Stimmungsumschwung die entscheidende Rolle gespielt hat. Dafür wäre es zu früh, meint das Meinungsforschungsinstitut YouGov.

Die Wende habe mehr mit den wachsenden Sorgen über die wirtschaftlichen Folgen eines Brexit zu tun. Man verweist darauf, dass jetzt 33 Prozent der Befragten denken, dass ihre persönliche finanzielle Situation schlechter werden könnte – ein Sprung von zehn Prozent gegenüber der Situation vor zwei Wochen. Doch der Faktor Cox wird in den nächsten Tagen bis zur Volksabstimmung noch eine Rolle spielen. Heute tritt das Unterhaus in einer Sondersitzung zusammen, um der ermordeten Volksvertreterin zu gedenken. Die Tribute, die man dann hören wird, für eine junge und leidenschaftliche Politikerin, die sich für Flüchtlinge und für die Europäische Union engagiert hat, dürften auch im Brexit-Wahlkampf Resonanz finden. Der mutmaßliche Täter hatte rechtsradikale Neigungen und unterstützte extreme Gruppen, die auch für den Brexit eintreten.

Besonders innerhalb der Gruppe der unentschiedenen Wähler, so hoffen jetzt Europafreunde, werden sich viele nicht gemein machen wollen mit einer Haltung, die auf Ablehnung und Hass beruht. Bis zu 15 Prozent beträgt das Lager der Unentschlossenen – Meinungsforscher gehen davon aus, dass zwei Drittel von ihnen sich gegen das Risiko eines Austritts entscheiden werden. Jochen Wittmann – Mittelbayerische Zeitung

Brexit-Wahlkampf: Umfragen sehen Austrittsgegner wieder vorn

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