Hauptziel der Streiks bei Amazon bleibt ein Tarifvertrag

Nur noch 46 Prozent der Beschäftigten arbeiten in tarifgebundenen Betrieben

Hauptziel der Streiks bei Amazon bleibt ein Tarifvertrag

Am 14. Mai 2013 traten an den Amazon-Standorten Bad Hersfeld und Leipzig Beschäftigte zum ersten Mal in einen Tagesstreik. Sechs Jahre nach den ersten ganztägigen Streiks bei Amazon in Deutschland ziehen Beteiligte eine positive Bilanz der Protestaktionen, die bis heute regelmäßig den Betrieb des weltgrößten Online-Händlers stören. Der frühere Amazon-Betriebsrat im nordrhein-westfälischen Rheinberg und heutige ver.di-Sekretär Tim Schmidt verweist gegenüber der in berlin erscheinenden Tageszeitung „neues deutschland“ auf regelmäßige Lohnerhöhungen, „vernünftige“ Kantinen, verbesserte Klimatik in den Lagerhallen, Weihnachtsgeld und besseren Gesundheitsschutz. Zudem hätten die Streiks die Kolleginnen und Kollegen selbst gestärkt. „In den Anfangstagen waren viele verschüchtert und ängstlich. Heute haben sie keine Angst mehr, mit einem Manager in die Diskussion zu treten oder für Streiks aus dem laufenden Betrieb herauszugehen“, so der 49-jährige Gewerkschafter. Zudem finde eine zunehmende Vernetzung der Standorte über Ländergrenzen hinweg statt.

Hauptziel der Streiks bleibt ein Tarifvertrag, denn er setzt verbindliche Standards und Mindestbedingungen. „Bislang gehen den Kolleginnen und Kollegen noch ein paar tausend Euro im Jahr verloren“, so Schmidt. Von der Politik wünscht er sich daher mehr Unterstützung. „Politiker müssten deutlich sagen: Wir stehen an der Seite der Beschäftigten und von Amazon fordern, wenigstens mit den Gewerkschaften zu reden.“ Eine konkrete Maßnahme wäre, die Tarifverträge leichter allgemeinverbindlich zu erklären. „Dann dann würde der Einzelhandelstarifvertrag branchenweit gelten, also auch für Amazon.“

Bleibt Amazon weiter stur, werden die Proteste und Streiks auch in den nächsten Jahren weiter gehen. „Von Anfang an war klar: Dieser Kampf wird nicht in fünf Jahren beendet sein“, sagt Schmidt. Er will „den Kessel am Kochen halten und den Organisationsgrad weiter erhöhen.“ Die Verantwortlichen bei Amazon müssten morgens aufwachen und denken: Boa, gehen die mir auf die Nerven, ich red besser mal mit denen.“¹

Die Zahl der Beschäftigten in Deutschland, die in tarifgebundenen Unternehmen arbeiten, ist in den vergangenen zehn Jahren um sechs Prozentpunkte auf nur noch 46 Prozent im Jahr 2018 zurückgegangen. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine schriftliche Frage der Grünen-Abgeordneten Beate Müller-Gemmeke hervor, die der Düsseldorfer „Rheinischen Post“ (Dienstag) vorliegt. Demnach profitieren heute deutlich weniger als die Hälfte der Beschäftigten von einem Branchentarifvertrag, der in der Regel ein höheres durchschnittliches Lohnniveau verspricht.

„Wenn in manchen Branchen die Tarifpartnerschaft nicht mehr funktioniert, dann muss das Tarifvertragssystem politisch gestützt und gestärkt werden. Deshalb darf Bundesarbeitsminister Heil dieser Entwicklung nicht weiter tatenlos zuschauen“, sagte Müller-Gemmeke. Der Regierungsantwort zufolge ist auch die Zahl der Beschäftigten gesunken, die in Firmen mit Betriebsrat arbeiten. 2018 waren es nur noch 41 Prozent, 2009 dagegen noch 44 Prozent der Beschäftigten, wie aus der Antwort hervorgeht. „Die weißen Flecken bei der betrieblichen Mitbestimmung werden immer größer“, beklagte Müller-Gemmeke. Die Mitbestimmung sei ein hohes Gut, das man verteidigen müsse. Deshalb müsse auch die Mitbestimmung gestärkt werden. „Denn wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Demokratie in den Betrieben“, sagte sie.²

¹neues deutschland ²Rheinische Post

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