Krupp-Nachfahre Friedrich von Bohlen und Halbach in Sorge um Thyssenkrupp

Industrie-Imperium Thyssenkrupp zerfällt

Krupp-Nachfahre Friedrich von Bohlen und Halbach in Sorge um Thyssenkrupp

Dieser Tag markiert einen Sieg für die aktivistischen Investoren bei Thyssenkrupp. Lange hatten sie darauf hingearbeitet, dass der Mischkonzern zerlegt wird und seine lukrativen Geschäftsteile veräußert werden. Diesem Ziel sind sie nun zum Greifen nah. Ex-Konzernchef Heinrich Hiesinger hatte sich dagegen gestemmt und am Ende entnervt hingeworfen, sein Nachfolger Guido Kerkhoff hatte versucht, den Ausverkauf mit der Aufspaltung noch abzuwenden. Die hätte aber allenfalls bei Zustandekommen des umstrittenen Stahl-Joint-Ventures mit Tata Steel funktioniert.

Ein riskantes Spiel. Denn dass die selbstbewusste EU-Kommissarin Margrethe Vestager vor unpopulären Entscheidungen nicht zurückschreckt, hatte sie in der Vergangenheit mit ihren Strafen gegen die großen US-Tech-Konzerne und der Ablehnung der Zugfusion von Alstom und Siemens bewiesen. Vestagers Nein bescherte Kerkhoff eine krachende Niederlage. Wer monatelang durch die Lande tingelt und verkündet, die Teilung sei alternativlos, büßt bei einer derart radikalen Kehrtwende zwangsläufig Glaubwürdigkeit ein. Eine schlechte Ausgangsposition für jemanden, der nun den endgültigen Ausverkauf eines Industrie-Imperiums abwehren soll.¹

Thyssenkrupp-Chef Kerkhoff bereitet Konzern auf Einschnitte vor

Angesichts des radikalen Kurswechsels hat sich der Krupp-Nachfahre Friedrich von Bohlen und Halbach besorgt um die Zukunft des Essener Traditionskonzerns gezeigt. „Das Unternehmen erscheint orientierungslos“, sagte der Enkel der einstigen Firmeneigentümerin Bertha Krupp im Gespräch mit der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ, Dienstagausgabe). „Wesentliche Akteure wirken getrieben. Das Hin und Her der Aussagen ist atemberaubend.“

Vor wenigen Tagen hatte Thyssenkrupp-Chef Guido Kerkhoff nach dem Scheitern der geplanten europäischen Stahlfusion auch die angestrebte Zweiteilung von Thyssenkrupp in einen Industrie- und einen Werkstoffkonzern begraben. Es entstehe der „Eindruck von Aktionismus“, sagte Friedrich von Bohlen und Halbach, der Mitglied im Familienrat der rund 85 Krupp-Nachfahren ist. „Vor wenigen Tagen sollte der Stahl noch ausgegliedert werden, jetzt steht er im Mittelpunkt. Die Aufzugsparte galt als Pfeiler der Zweiteilung, nun wird offen über Details eines Verkaufs gesprochen. Kurzum: Innerhalb weniger Stunden wurde die sogenannte Strategie des Konzerns atomisiert.“

„Das ganze letzte Jahr ist ein verlorenes Jahr gewesen“, sagte Friedrich von Bohlen und Halbach. „Die Firma steht wieder da, wo sie damals stand. In der heutigen, schnelllebigen Zeit ist das gefährlich. Und das Unternehmen ist in einer finanziell schwierigen Situation.“ Umso wichtiger sei es, dass Thyssenkrupp nun in die Offensive komme. „Es ist keine Strategie, 6000 Stellen zu streichen und die Aufzugsparte zu Geld zu machen. Es stellt sich immer wieder dieselbe Frage: Wofür steht Thyssenkrupp heute und in Zukunft?“

Thyssenkrupp-Chef Guido Kerkhoff schwört die Beschäftigten des Essener Traditionskonzerns auf massive Veränderungen ein. „Unsere wirtschaftliche Lage ist heute schlechter, als wir es vor einem Jahr erwarten konnten“, sagte Kerkhoff. Der Konzern gebe derzeit mehr Geld aus, als er einnehme. „Das kann so nicht bleiben.“

Dass die seit dreieinhalb Jahren geplante Stahlfusion mit dem indischen Hersteller Tata in Europa am Widerstand der EU-Wettbewerbshüter gescheitert sei, wirke sich negativ aus, sagte Kerkhoff. „Die aus dem Zusammenschluss erhofften positiven Effekte wird es nun nicht geben. Darauf müssen wir reagieren.“ Sein Ziel sei es nun, gemeinsam mit den Arbeitnehmervertretern einen neuen Plan für das Stahlgeschäft zu entwickeln. Von der Entscheidung der EU-Kommission zeigte sich Kerkhoff zutiefst enttäuscht. „Im Werkstoff- und Stahlgeschäft ging und geht es darum, überlebensfähig zu bleiben. Und ganz sicher nicht darum, mit Größe Kunden über den Tisch zu ziehen.“

Mit einem Börsengang der Aufzugsparte soll möglichst bald Geld in die Konzernkasse kommen. Ziel ist auch eine Holding-Struktur mit einer kleineren Konzernzentrale und unabhängigeren Geschäften rund um Autoteile, U-Boote und Industrieanlagen. Dies sei nicht gleichzusetzen mit einer Zerschlagung, beteuerte Kerkhoff. „Es steht jetzt nicht alles auf der Verkaufsliste.“ Thyssenkrupp sei aber offen, bei möglichen Kooperationen mit anderen Unternehmen die Mehrheit an Geschäftsbereichen abzugeben. Für den Stahl könne er sich nach wie vor Fusionen vorstellen, betonte Kerkhoff. Mit Blick auf ein mögliches Zusammengehen mit dem niedersächsischen Stahlkonzern Salzgitter und die Schaffung einer „Deutschen Stahl AG“ sagte er: „Wir sind offen für Konsolidierungen, die Sinn ergeben.“²

¹Rheinische Post ²Westdeutsche Allgemeine Zeitung

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