Michgipfel: Mehr Milchgeld für glückliche Milchbauer

Milchpreis: Agro-Wahn

Michgipfel: Mehr Milchgeld für glückliche Milchbauer

Es war bereits der dritte Milchgipfel, den ein Landwirtschaftsminister einberufen musste. Jedes Mal waren die Schlagzeilen ähnlich. Die zu niedrigen Preise für das wichtige Nahrungsmittel brachten deren Erzeuger in existenzielle Nöte. So ist es auch in diesen Tagen. Doch schon die vergangenen Spitzentreffen von Milchindustrie, Handel, Molkereien und Bauernvertretern haben außer hehren Versprechen nichts eingebracht. Am Ende siegt immer wieder der wirtschaftliche Eigennutz, der Stärkere über den Schwächeren. Letztere sind und bleiben die Landwirte.

Keine Lösung in Sicht

Das wird auch diesmal kaum anders sein. Es soll nach Stabilisierungsmechanismen für den Milchmarkt gesucht werden, doch am Kernproblem wird sich nichts ändern. Es gibt zurzeit zu viel Milch auf den Märkten. Da der freie Markt nicht eingeschränkt werden soll, wird sich daran nichts ändern. Die Aussichten für die in Existenznot geratenen Betriebe sind also nur wenig besser geworden. Das Wenige resultiert zudem allein aus den staatlichen Liquiditätshilfen. Es gibt Vorschläge der Mengensteuerung. Es könnte eine Prämie für die Stilllegung von Milchbetrieben geben. Der Handel könnte den Wettbewerb untereinander verändern und über qualitativ hochwertige Milchprodukte und regionale Erzeugnisse führen, statt nur über den Preis.

In diese Richtung denken dessen Vertreter derzeit auch nach. Schließlich haben Edeka, Rewe & Co ein Interesse an der Zulieferung hochwertiger Produkte aus deutscher Produktion. Ob der Verbraucher dabei mitspielt, ist jedoch unklar. Zu groß ist der Reiz, doch lieber zum günstigsten Karton zu greifen. All diese national noch denkbaren Strategien haben eine gewaltigen Haken. Der Milchmarkt ist international. Wird hierzulande die Milch zu teuer im Vergleich zu anderen Lieferantenländern, steigt der Reiz des Handels, sich dann eben dort zu bedienen, wo es billiger ist und sich so eine bessere Position im Wettbewerb der Konzerne zu verschaffen. Wenn überhaupt, müsste eine gesamteuropäische Mengensteuerung einsetzen.

Doch damit wäre die Landwirtschaft fast schon wieder bei der Quotenregelung, die gerade erst abgeschafft wurde. Wer eine versorgungssichere Quotenregelung ablehnt, wird sich mit dem Sterben vieler noch verbliebener Milchhöfe abfinden müssen. Denn unter gegebenen Umständen ist eine für alle tragfähige Lösung des Problems nicht in Sicht. Wolfgang Mulke, Neue Westfälische

Milchgipfel: Vage Erklärungen

Ein Betrag von „100 Millionen Euro plus X“ soll die größte Not der Milchbauern lindern – ein Tropfen auf den heißen Stein. Die vonseiten des Landwirtschaftsministeriums erhofften Zusagen vom Handel und den Molkereien zur Stabilisierung des Milchpreises – Fehlanzeige.

Immerhin: Die Beteiligten sind sich inzwischen einig, dass die tiefe Krise der Milchwirtschaft und die Existenznöte der Landwirte vor allem durch eine Reduzierung der Mengen überwunden werden muss. In einem europäischen Binnenmarkt kann das aber keine Aufgabe eines einzelnen Mitgliedsstaates sein. Nationale Alleingänge würden ins Leere laufen, die aufgerissenen Angebotslücken vom Ausland schnell gestopft. Nein, hier wäre das koordinierte Vorgehen der EU gefordert.

Den rechtlichen Rahmen dafür gibt es. Seit 2013 sind im Fall ernster Marktstörungen zeitlich befristete Mengenabsprachen möglich. Ob Artikel 222 der Gemeinsamen Marktordnung, der das erlaubt, aktiviert wird, ist jedoch offen. Deutschland sträubt sich dagegen und setzt stattdessen auf eine bessere Abstimmung zwischen Landwirten und Molkereien hinsichtlich Mengen und Preisen.

Das kann funktionieren. Doch dazu müssen die zum Teil archaischen Lieferbeziehungen reformiert werden. Heute tappen die Molkereien bei den angelieferten Mengen und die Landwirte bei den Preisen im Dunkeln. Die Verantwortung für Milchpreis und Milchmengen sollte stattdessen von beiden Parteien gemeinsam wahrgenommen werden. Die Praxis zeigt, dass dies möglich ist. Sei es im hohen Norden bei Friesland-Campina, die – zeitlich befristet – eine Nichtanlieferungsprämie zahlten, oder im Südwesten bei Omira, die preisliche Sicherheit für eine vereinbarte Milchmenge gewährleisten. Schwäbische Zeitung

Milchgipfel und dem Preisverfall bei Milch

Verglichen mit der Bankenrettung wirkt die Summe von „100 Millionen Euro plus x“ für die deutschen Milchbauern beinahe wie eine vernachlässigbare Kleinigkeit. Doch weit gefehlt: Tatsächlich geht es um erhebliche Mehrausgaben, die zur gigantischen Umverteilung, die in der Landwirtschaft längst betrieben wird, hinzukommen. Allein in Thüringen ist das ein dreistelliger Millionenbetrag, der aus Steuermitteln jedes Jahr an Landwirte ausgeschüttet wird.

In Zeiten der Milchquote haben etliche Großbetriebe und Bauernfunktionäre darauf spekuliert, nach der Mengenfreigabe kräftig exportieren zu können. Der Weltmarkt allerdings ist ein heikles Feld. Hier gibt es politische Unwägbarkeiten wie den russischen Einfuhrstopp – und Milchbetriebe können nicht wie ein fitter mittelständischer Automobilzulieferer mit einzigartigen Produkten punkten. Kühe können auch in China auf der Weide stehen.

Mit dem Konflikt in der Ukraine haben sich Russland und die EU verkracht – und die Russen erzeugen ihre Milch wieder stärker selbst. In Deutschland gibt es also zu viel Milch. Daran ändern staatliche Hilfen nichts. Dass deshalb Milchviehhalter aufgeben, ist bedauerlich, passiert jedoch in anderen Branchen auch. Mittelfristig führt das Firmensterben dazu, dass durch dann wieder steigende Preise die übrigen Betriebe dazu in der Lage sind, ihre Kosten zu erwirtschaften.

Wem diese Betrachtung nicht recht ist, der muss sich klar dazu bekennen, dass man sich eine halbwegs kleinteilige Landwirtschaft bewahren will. Die zu erhalten wird Geld kosten – das darf es aber nur gegen Mengenbegrenzung geben. Florian Girwert, Thüringische Landeszeitung

Nicht mehr Milchgeld – Subventionen gibt es für Landwirte genug

Wer ein Anschauungsobjekt sucht um zu zeigen, dass etwas nicht funktioniert, dann nehme er den Agrarmarkt. Dort läuft schief, was nur schieflaufen kann. Leider besteht die berechtigte Erwartung, dass das so weitergehen wird. Derzeit säuft der Milchmarkt ab – und mit ihm jegliche Vernunft. Mal wieder fällt der EU und dem Bundesagrarminister nichts Besseres ein, als den bösen Handel und die knausernden Verbraucher zu beschimpfen. Zur Beruhigung schütten sie den Bauern Millionen vor die Füße mit der Begründung, aktuell würde der Markt nicht funktionieren. Das lindert zwar die aktuelle Not von Betroffenen. Aber es ändert nichts auf Dauer.

Dieser Markt war selten gesund. Allein die Idee, unsere Landwirtschaft noch effizienter durchzuindustrialisieren, um bei dem dabei entstehenden ständigen Überangebot mit niedrigen Preisen plus Subventionen über Exportbeihilfen andere Märkte überfluten zu können – das ist empörend und ethisch fragwürdig. Dieses Wirtschaften zerstört die Umwelt, setzt die Landwirte unter Rationalisierungsdruck und zerstört bäuerliche Existenzen sowohl im Inland als auch auf den Exportmärkten. Landwirtschaft muss anders funktionieren als Industrie. Bernhard Fleischmann, Mittelbayerische Zeitung

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