Negativzinsen bei Bundesanleihen: Das kleine Brexit-Vorbeben

Blackrock-Chef-Anlagestratege sieht keine Zinswende vor 2021

Negativzinsen bei Bundesanleihen: Das kleine Brexit-Vorbeben

Es ist, als würden die Mäuse die Geldscheine aus dem Sparstrumpf unterm Bett wegfuttern: Die Zinsen auf zehnjährige Staatsanleihen der Bundesrepublik sind am Dienstag unter null Prozent gesunken. Das heißt: Wer Deutschland sein Geld leiht, muss dafür zahlen.

Ein Ereignis mit mehr als Symbolkraft. Langjährige Staatsanleihen gelten seit jeher als der viel gepriesene sichere Hafen, der Sparstrumpf unter den Geldanlagen – wenig Rendite, aber ausfallsicher, quasi das Gegenstück zum hektischen Auf und Ab der Märkte. Ist hier kein Geld mehr zu verdienen, ist das Geschäftsmodell von Versicherern und Pensionsfonds bedroht, die das Geld der bürgerlichen Mitte verwalten.

Dass die Zinsen niedrig und bei kurzfristigen Staatsanleihen auch unter null sind – das Phänomen gibt es seit Längerem. Es hat direkt mit der Abwesenheit einer europäischen Wirtschaftspolitik zu tun. Die Staaten Südeuropas sind auf deutschen Druck hin zum Sparen verdammt, eine Politik, die vor allem die Wirtschaft abwürgt. Als direkte Folge dessen pumpt die Europäische Zentralbank Geld in die Märkte; durch niedrige Zinsen, durch den Aufkauf von Staatsanleihen, neuerdings sogar durch den direkten Kauf von Unternehmensschulden. Die Logik dahinter: Wenn die Staaten kein Geld zum Investieren haben, dann wird die Wirtschaft eben mit einer Geldflut dazu genötigt, einzuspringen.

Diese Politik trifft jetzt auf die Angst vor einem Austritt Großbritanniens aus der EU: Das viele Geld kommt nicht in der harten Wirtschaft an, die Jobs schafft, sondern an den Finanzmärkten, die sich seit Jahren ohne fundamentale Gegenwerte aufblähen – jetzt treibt die Angst vor einem Brexit die Anleger weg vom Risiko, hin zum Kauf von Staatsanleihen. Die niedrigen Zinsen sind Symptom einer extrem nervösen Wirtschaft, die nach Jahren der Instabilität kaum in der Lage sein dürfte, das Chaos zu bewältigen, sollte Großbritannien gegen einen Verbleib in der EU stimmen. Ingo Arzt, taz – die tageszeitung

Negativzins: Investieren – wann, wenn nicht jetzt, Herr Finanzminister?

Erstmals sinkt die Rendite der vielbeachteten zehnjährigen Bundesanleihe unter null Prozent. Dazu erklärt Gerhard Schick, Sprecher für Finanzpolitik:

Die Entwicklung an den Finanzmärkten ist ein Grund zur Sorge, auch wenn es für den Bundeshaushalt erstmal gut ist, keine Zinsen auf die Bundesschuld zahlen zu müssen. Negativzinsen zeigen, dass die Kapitalmärkte nicht mehr funktionieren. Der Transmissionsriemen zwischen Sparen und Investieren ist gestört.

Die zehnjährige Bundesanleihe gilt seit Jahrzehnten als Richtschnur für die langfristigen Kapitalmarktzinsen im Euro-Raum. Heute mussten Anleger erstmals dafür bezahlen, wenn sie dem Bund langfristig Geld leihen wollen. Die Bundesrepublik ist nach Japan das zweite Land aus der Riege der sieben führenden Industrienationen, dessen zehnjährige Staatstitel unter null Prozent rentieren.

Statt gegenzusteuern und die Funktionsstörung am Finanzmarkt anzugehen, lamentiert Finanzminister Schäuble über die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Doch diese folgt mit ihren Maßnahmen ihrem politischen Auftrag, die Preisstabilität in der Eurozone zu erhalten. Die ist definiert als knapp unter zwei Prozent Inflation. Doch auch die Inflation verharrt trotz aller Maßnahmen auf niedrigem Niveau. Die EZB wird deshalb ihren Kurs erst dann ändern können, wenn sich die Marktsituation verbessert, das heißt wenn die Nachfrage nach privaten und staatlichen Investitionen steigt.

Investitionen in Menschen, saubere Infrastruktur und Technologien sorgen für Kapitalnachfrage und Wohlstand. Es läge in der Verantwortung der Bundesregierung, für investitionsfreundliche Rahmenbedingungen zu sorgen und die staatlichen Investitionen zu steigern. Die Voraussetzungen hierfür sind gut, denn es besteht großer Bedarf für Investitionen in Instandsetzung der Infrastruktur, für bessere Bildung, Klimaschutz und die Integration der Flüchtlinge. Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag

Überkapazitäten und schwacher Bankensektor sprechen gegen nachhaltig höhere Zinsen

Der Chef-Anlagestratege des US-Vermögensverwalters Blackrock, Richard Turnill, rechnet mittelfristig nicht mit höheren Zinsen in der Eurozone. Auf Zinsen von zwei oder drei Prozent „könne man noch sehr lange warten. Über die kommenden fünf Jahre rechne ich allenfalls mit einer Normalisierung hin zu leicht positiven Raten“, sagte Turnill im Interview mit dem Wirtschaftsmagazin ‚Capital‘ (Ausgabe 07/2016, EVT 16. Juni). Gegen eine Rückkehr zu höheren Zinsen sprächen auch strukturelle Gründe wie etwa Überkapazitäten und ein schwacher Bankensektor. Blackrock ist mit einem verwalteten Vermögen von umgerechnet über vier Billionen Euro der weltweit größte Vermögensverwalter.

Europäische Aktien „notorisch unterschätzt“

Laut Turnill sei das derzeitige Anlageumfeld davon gekennzeichnet, dass „die Mitte zwischen den Extremen quasi verschwunden ist“. Investoren hätten die Wahl zwischen Cash oder Staatsanleihen, die Null- oder gar Negativ-Renditen abwerfen, und renditestarken, aber volatilen Anlagen wie Aktien. Die Sicherheit vieler Anlageformen sei indes eine Illusion, warnte Turnill. „Viele sichere Anlageformen wie Staatsanleihen bieten eine Quasi-Garantie nichts zu verdienen, bergen aber Liquiditäts- und Kursänderungsrisiken“, so Turnill.

Optimistisch ist Turnill hingegen für europäische Aktien. „Ich halte Europa für notorisch unterschätzt. Wir mögen in einem Umfeld niedrigen Wachstums sein, aber wir erleben keine Stagnation“, so Turnill. Europäische Aktien seien günstig bewertet und böten attraktive Dividenden. „Sie werden für das Abwarten auf bessere Zeiten bei den Gewinnmargen gut belohnt mit Dividenden“, so Turnill, der mit langfristigen Renditen von sechs bis sieben Prozent für europäische Standardwerte rechnet. Christian Kirchner, Redaktion ‚Capital‘

Negative Rendite für Bundesanleihen – economy

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