Obama in Deutschland: Man schätzt sich

Freundschaften besser pflegen

Obama in Deutschland: Man schätzt sich

Zwar mahnt Obama die Europäer ihr Militär aufzurüsten, kämpfen beide Seiten bei den Verhandlungen über ein transatlantisches Freihandelsabkommen mit vielen Differenzen und zu wenig Zeit. Auch liegen die mannigfaltigen Krisen dieser Welt bei jedem Gespräch mit auf dem Tisch. Man schätzt sich und man vertraut sich. Thomas Hauser, Badische Zeitung

Es ist kein Zufall, dass mit US-Präsident Barack Obama zum ersten Mal ein amerikanischer Präsident die Hannover-Messe eröffnet. Vielleicht ist es sogar ein Symbol. Leider. Die europäisch-amerikanischen Handelsbeziehungen – VW-Skandal hin oder Furcht vor der Kolonisierung durch Google, Facebook und Co. her – laufen wie geschmiert. Vor allem die deutsch-amerikanischen Wirtschaftsbeziehungen bilden den Anker: 2015 sind die USA zum ersten Mal Deutschlands Handelspartner Nummer eins.

Deutsche Unternehmen durchkämmen das Silicon Valley auf der Suche nach Innovationen und Kapital. Und Obama setzt bei der Reindustrialisierung Amerikas zum Beispiel bei der Berufsausbildung auf das Modell Deutschland. Gut so! Eine bittere Ironie: Während Deutschland vom US-Handel profitiert wie kaum jemand sonst und Deutschland zu Amerikas wirtschaftlichem Vorbild gereift ist, sind nirgendwo in Europa Verdacht, Abscheu und Entsetzen über das geplante Freihandelsabkommen TTIP größer als bei den Deutschen. Stuttgarter Nachrichten

Transatlantisches Engagement

Merkel und Obama treffen sich in Niedersachsen. Gerade eben war er noch in Saudi-Arabien, und sie hat Flüchtlinge an der türkisch-syrischen Grenze besucht. Die beiden werden sich in Hannover einiges zu erzählen haben von den Krisen, insbesondere jenen im Nahen Osten. Doch der strahlende Obama und eine heitere Kanzlerin im Park von Schloss Herrenhausen demonstrieren nur Harmonie fürs Fotoalbum. Die Küsschen mit Obama können die inhaltlichen Differenzen kaum verdecken. In Washington schon länger, in Berlin immer mehr herrscht Ernüchterung über das transatlantische Verhältnis.

Europa war lange an US-Präsidenten gewohnt, die väterlich-wohlwollend, ein bisschen herablassend auf diesen Kontinent schauten. Obama hat in den acht Jahren seiner Präsidentschaft solches Interesse an Europa nicht gezeigt. Er ist ein Transpazifiker, er schaut zuvorderst nach Japan und China. Umgekehrt wird die Bundeskanzlerin mit diesem Amerika nicht richtig warm, ganz anders als der Bundespräsident, auch er ein Ostdeutscher, der erst im fortgeschrittenen Alter nach Amerika kam. Merkel mag die Frage nicht, ob sie auch Transatlantikerin sein könne. Schließlich sei ihr die Presiden-tial Freedom Medal, die höchste amerikanische Auszeichnung, im Weißen Haus verliehen worden.

Aber auch das Verhältnis vieler Deutscher zu den USA hat sich abgekühlt. Mit dem Zulauf zu Parteien der extremen Linken und der Rechten nimmt plumper Antiamerikanismus in Deutschland zu. Und in der politischen Mitte ist nach den NSA-Abhörskandalen Ernüchterung eingekehrt. Deutschland spielt in der amerikanischen Sicht auf die Welt keine Sonderrolle mehr.

Obama wünscht sich eine deutsche Emanzipation. Deutschland soll nicht nur beim Freihandelsabkommen vermitteln. Berlin soll auch bei der Abschreckung gegenüber den Russen im Baltikum eine zentrale Rolle spielen. Die Forderung nach deutscher Verantwortung wird das Verhältnis der Zukunft bestimmen. Und Merkel wird transatlantisches Engagement zeigen müssen. Schwäbische Zeitung

Freundschaften besser pflegen

Es wird wohl auch ein wenig Wehmut beim Deutschlandbesuch von Barack Obama dabei sein, dem fünften und voraussichtlich letzten in seiner Zeit als US-Präsident. Kanzlerin Angela Merkel hat mit keinem verbündeten Staats- oder Regierungschef länger zusammengearbeitet als mit ihm. Aus einer anfangs eher frostigen Beziehung hat sich im Laufe der Jahre eine entwickelt, die vielleicht nicht herzlich ist, aber von gegenseitigem, ehrlichem Respekt gekennzeichnet. Deutschland ist für die USA unter Obama zum wichtigsten Partner in Europa geworden, die Briten werden vor dem Hintergrund der Brexit-Debatte in Washington zunehmend kritisch gesehen, die Franzosen gelten als führungslos.

Die USA brauchen die EU, nicht nur als Handelspartnerin, sondern auch als Bollwerk gegen das Russland Putins; Angela Merkel gilt ihnen als diejenige, die die Union in zunehmend schwierigen Zeiten zusammenhält und als Mittlerin zu Moskau. Nicht zuletzt wird Deutschlands Rolle beim Zustandekommen des Atomdeals mit dem Iran in Washington sehr positiv bewertet. Während aber in den vergangenen Jahren Kanzlerin und Präsident zueinander gefunden haben, hat sich das ohnehin von einer gewissen Hassliebe geprägte Verhältnis der Deutschen zu Amerika weiter abgekühlt. Obama hat nicht die großen, nahzu romantischen Erwartungen erfüllen können, die einst in ihn gesetzt wurden, die skrupellose Ausspähung durch US-Geheimdienste hat viel Wut ausgelöst, gegen das geplante und geheimniskrämerische Handelsabkommen TTIP wird der Protest immer größer und breiter.

Der Pragmatismus, mit dem die USA Freunde aussuchen und behandeln, macht es zunehmend schwierig, das wertebasierte Fundament der transatlantischen Beziehung zu vermitteln. Der Eindruck vieler Bürger verfestigt sich, dass es dabei doch nur primär um geopolitische und wirtschaftliche Interessen geht, die wie im Falle von TTIP nur einigen wenigen zu dienen scheinen. Freundschaften zwischen Völkern werden nicht nur durch die Beziehungen zwischen ihren Eliten getragen – sondern vor allem durch die Einstellung der Bürgerinnen und Bürger zueinander. Die Freundschaft mit den USA muss besser gepflegt und rücksichtsvoller erklärt, der gemeinsame Wertekanon deutlicher herausgearbeitet werden.

Denn so viel berechtigte Kritik es auch am robusten Gebahren der USA geben mag, so wäre es doch fatal, wenn sich die Deutschen aus Trotz und enttäuschter Liebe emotional autokratisch regierten Ländern wie Russland zuwenden würden, wie es jetzt schon an den linken und rechten Rändern der Gesellschaft geschieht. Jan Jessen, Neue Ruhr Zeitung / Neue Rhein Zeitung

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