Ohne Piëch bekommt VW Konzern eine große Chance

Ferdinand Piëch gibt sich geschlagen

Ohne Piëch bekommt VW Konzern eine große Chance

Ohne Piëch hat der Konzern die Chance, hierarchische und autoritäre Strukturen zu überwinden, die ganz auf den Über-Manager Piëch zugeschnitten sind. Vieles ist längst nicht mehr zeitgemäß und dem komplexen Konzern nicht mehr angemessen. Dies hat katastrophale Fehler gezeitigt, so etwa die verfehlte Modellpolitik in den USA. Ein Autokonzern, der heute weltweit erfolgreich sein will, muss dezentral agieren. Berliner Zeitung

VW Volkswagen Ferdinand Piech

Das schier Unglaubliche ist geschehen – Ferdinand Piëch gibt sich geschlagen. Zwar wollte der nun zurückgetretene VW-Aufsichtsratschef nach dem ersten gescheiterten Versuch, seinen einstigen Zögling Martin Winterkorn als Konzernchef abzulösen, hintenherum doch noch das Blatt wenden. Was ihm viele Beobachter zugetraut hätten. Schließlich hat jahrelang vor allem eine Meinung bei Volkswagen gezählt – die von Piëch. Doch der Porsche-Teil des Familienclans, dem die Mehrheit der Anteile gehört, sowie die so wichtigen Arbeitnehmervertreter und das Land Niedersachsen, gegen das nichts bei VW geht, hielten Winterkorn die Treue. Schluss, aus und vorbei also für Piëch.

Wer erlebt hat, wie bei VW-Veranstaltungen Piëch quasi gottgleich hofiert wurde, kann den Einschnitt für den Konzern zumindest erahnen. Aber auch bei Martin Winterkorn dürfte sich der Triumph in Grenzen halten. Zu viel ist nach der Kampfansage Piëchs über Defizite geredet worden, die auf sein Konto gehen: Zu geringe Rendite bei der VW-Kernmarke, ein mieses US-Geschäft, das Fehlen eines Billigautos, ungenügende Antworten auf die Angriffe von Google, Apple & Co auf das traditionelle Autogeschäft. Dabei geriet leicht aus dem Blick, dass es Winterkorn war, der die zwölf Marken zu einem Ganzen fügte, der den Konzern bis kurz vor die Weltspitze führte. Es kann jedenfalls gut sein, dass es doch nichts mit der für 2016 verheißenen Vertragsverlängerung für Winterkorn wird. Zwei Namen potenzieller Nachfolger dürften aber ebenso verbrannt sein – Porsche-Chef Matthias Müller und Skoda-Chef Winfried Vahland waren Piëchs Favoriten, mit denen er Winterkorn vom Chefsessel schubsen wollte. Märkische Oderzeitung

Am Ende hatte sich der Patriarch Ferdinand Piëch gründlich verzockt. Statt den VW-Vorstandschef Martin Winterkorn, den er jahrelang gefördert hatte, endgültig aus dem Sessel zu kippen, wandte sich die Affäre nun vollends gegen ihn. Im Aufsichtsrat war der eigensinnige Porsche plötzlich ziemlich allein. Zuvor hatte er die Chefmanager an der Spitze des zweitgrößten Autokonzerns der Welt kommen und gehen lassen, wie er wollte. Doch nun schlug der Konzern gegen seinen Aufseher und größten Anteilseigner zurück. Das ist eine bemerkenswerte Emanzipation vom einstigen VW-Übervater Piëch, vor allem aber eine notwendige.

Denn der Machtkampf drohte, Volkswagen ernsthaft in die Bredouille zu bringen. Nachdem Ferdinand Piëch den Clinch gegen Martin Winterkorn, hinter den sich die anderen Aufsichtsratsmitglieder geschart hatten, verloren hatte, konnte er der schmählichen Ablösung nur durch den Rücktritt zuvor kommen. Wenigstens dieser Gesichtsverlust ist dem einst genialen Ingenieur und Manager erspart geblieben. Offiziell zumindest. Ob sich der Patriarch nun allerdings mit dieser – selbst heraufbeschworenen – Niederlage wird abfinden können, ist noch nicht sicher. Mit einem riesigen Aktienpaket im Rücken könnte Piëch bereits auf der VW-Hauptversammlung am 5. Mai noch einmal für Unruhe sorgen. Zuzutrauen wäre es ihm. Im Interesse des Konzerns wäre das allerdings nicht zu hoffen. Piëch sollte wissen, wann Schluss ist.

Genug Geld und Ruhm hat er jedenfalls. Letzteren sollte er nun nicht aufs Spiel setzen. Vielleicht ist Ferdinand Piëch, Enkel des legendären Volkswagen-Konstrukteurs Ferdinand Porsche, einer der letzten großen Wirtschaftspatriarchen mit Benzin im Blut. Seine Ingenieurs-Laufbahn begann er mit der Entwicklung eines Formel-1-Motors in den 60er Jahren. Seine großen Erfolge – den Audi quattro mit Allradantrieb zu Beginn oder den Dieseldirekteinspritzer TDI zum Ende der 80er Jahre – waren bahnbrechend, technisch und auch wirtschaftlich. Andere seiner Lieblingsprojekte jedoch, wie der 1001-PS-Bugatti Veyron mit 400 Stundenkilometer Spitze, der 8-Zylinder-Passat oder das VW-Nobelmodell Phaeton, floppten dagegen ziemlich. Der Selbstherrlichkeit Piëchs hat es allerdings auch nichts ausgemacht, dass er als VW-Vorstandschef Fehlentscheidungen zu verantworten hatte. Um Volkswagen aus der Verlustzone herauszufahren, kaufte Piëch Anfang der 90er Jahre den knallharten Sanierer Ignacio Lopez ein.

Dass der Spanier interne Unterlagen vom Konkurrenten General Motors mitbrachte und vor allem die Zulieferer gnadenlos unter Druck setzte, bescherte VW Millionen-Zahlungen an den Konzern in Detroit und ein riesiges Qualitätsproblem. All das ist überwunden und die Wolfsburger sind drauf und dran, dem Branchenprimus Toyota den Rang abzulaufen. Auch Piëch wollte immer und überall die Nr. 1 sein. Allerdings ist diese Rangelei, wer an der Spitze in der Welt sitzt, ziemlich unsinnig. Der bayerische Premiumhersteller BMW zeigt, dass es nicht auf die Masse, sondern auf die Klasse seiner Fahrzeuge ankommt.

Auch ohne den Chefaufseher Piëch bleiben zudem einige Probleme des VW-Konzerns ungelöst. Das Brot-und-Butter-Auto Golf wirft kaum Rendite ab, in den USA ist man absatzschwach, anders als die deutschen Konkurrenten, und für den asiatischen Markt fehlt ein preiswerter Volkswagen. Nach dem – hoffentlich vollständigen – Rückzug von Ferdinand Piëch aus der Konzernspitze muss der gestärkte Vorstandschef Winterkorn diese Herausforderungen angehen. Ein neuer Aufsichtsratschef sollte ihm dabei Impulse geben. Ein Konzern wie Volkswagen ist national wie international zu wichtig, als dass er zum Spielball starrsinniger Patriarchen würde. Von Reinhard Zweigler Mittelbayerische Zeitung

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