Politisierter Stahl: Anbahnender Handelsstreit zwischen Europa und den USA

Röttgen zum Handelsstreit mit den USA: EU soll verhandeln, nicht drohen

Politisierter Stahl: Anbahnender Handelsstreit zwischen Europa und den USA

Als Reaktion auf US-Präsident Donald Trumps Drohung mit Strafzöllen gegen BMW und Mercedes fordert der CDU-Politiker Norbert Röttgen eine Deeskalation. Die EU solle nicht umgekehrt Strafzölle auf US-Waren erheben, sondern Verhandlungen über ein Fair-Handel-Abkommen mit den USA aufnehmen, sagte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag dem „Tagesspiegel“.

Wir sind mit schuld am Streit um Schutzzölle

Jetzt also Erdnussbutter. Nach Harley-Davidson und Whiskey bedroht die EU nun US-amerikanische Erdnussbutter mit Strafzöllen. Mit unbeschwerter Distanz könnte man sich lustig machen über die Drohungen und Gegendrohungen. Experten sagen, dass amerikanische Lebensmittel in Dosen in den USA teurer werden, wenn Präsident Trump den Aluminium-Importen zu Leibe rückt. Die EU bestraft Erdnussbutter und Alkohol, die USA verteuern Dosengetränke und -essen – klingt so, als würde jeder seine Bevölkerung vor ungesunden Nahrungsmitteln bewahren wollen. Nur stimmt das in diesem Zusammenhang nicht und ist auch nicht lustig.

Trump versucht, mit roher Gewalt seine Wähler zu beeindrucken, indem er traditionelle US-Produkte vor vermeintlich unfairem Wettbewerb schützt. Ob er wider besseres Wissen oder mit nur sehr begrenztem Wissen agiert, wissen wir nicht. Allerdings sollten wir in Deutschland das Zollgetöse zum Anlass nehmen, über unsere Handelspraktiken nachzudenken. Unsere turmhohen Handelsüberschüsse sind ein weltweites Ärgernis. Wir können uns nicht damit herausreden, unsere Produkte seien eben so gut, dass alle Welt sie haben will und sich dafür bei uns verschuldet. Jeder hat im Welthandel Tricks parat.

Auch wir handeln nicht nur fair. Wenn unsere Behörden die Autoindustrie so wohlwollend behandeln und nachlässig kontrollieren, dass diese die Abgasgrenzwerte nicht ernst nehmen muss, dann ist das im Ergebnis eine Subvention. Die großzügigen Steuerabschreibungen auch für Luxusautos gehören ebenso zur Kategorie staatliche Beihilfe. Auch wir tragen unseren Anteil am Handelsstreit, nicht nur der Wüterich von Washington. Mittelbayerische Zeitung

Schon rüstet sich die EU-Kommission für einen Handelskrieg mit den USA und erwägt Strafzölle auf Harleys und Whiskey. Das scheint ein wenig übertrieben. Geht es doch bei den Drohungen der USA mit Importbeschränkungen auf Stahl um ein nicht gerade handelskriegsentscheidendes Produkt. Der Kostenanteil von Stahl in Autos liegt bei 4 bis 5% vom Umsatz.

Natürlich würde ein Teil der 35 Mill. Tonnen Stahl, die die USA derzeit jährlich importieren, in andere Märkte umgeleitet – voraussichtlich vor allem nach Europa. Denn die EU hat im weltweiten Vergleich geringe Überkapazitäten, und der Markt ist vergleichsweise offen. Europäische Stahlhersteller wie Thyssenkrupp, Voestalpine oder Salzgitter, die in den USA nur geringfügig vertreten sind, würden in Europa unter geringeren Margen und sinkenden Preisen leiden. Direkt betroffen wären aber eher die Länder, die den größten Anteil des in die USA importierten Stahls liefern. Das sind Kanada, Brasilien und Südkorea. Aus Deutschland kommen nur 4% der US-Stahlimporte. Umgekehrt sind die USA mit 5% Anteil nur der siebtgrößte Abnehmer für deutsche Stahlexporte.

Lohnt es sich, deshalb einen Handelskrieg zu führen – auch wenn US-Präsident Trump ihn angezettelt haben sollte? Eher nicht. Auch dann nicht, wenn die beschriebenen indirekten Effekte die hiesigen Stahlhersteller negativ betreffen würden.

Das Thema Stahl ist auf seltsame Art politisiert. Europa ist nicht besser als die USA: Die EU erhebt seit 2016 auf Grobbleche aus China Strafzölle von 74%. Bei warm gewalztem Stahl aus China sind es 36%. Das hat Herstellern wie Thyssenkrupp und Voestalpine eine Atempause verschafft – aber nur vorübergehend: Der billige Stahl aus Asien, den EU und USA draußen halten, findet seinen Weg in andere Märkte und erhöht dort den Druck: Billigstahl aus Iran, Brasilien und Russland kommt weiter ungehindert nach Europa.

Doch hätte der US-Vorstoß in der Stahlindustrie – als erste größere protektionistische Maßnahme Trumps – negative Signalwirkung: US-Handelsminister Ross prüft ähnliche Schutzmaßnahmen auch für die Chip-Branche, den Schiffsbau und die Aluminiumhersteller. Auch in diesen Branchen könne eine Abhängigkeit von Einfuhren die nationale Sicherheit beeinträchtigen. Natürlich ist das ein Vorwand: Bekämpft werden soll in Wahrheit das 500 Mrd. Dollar große Handelsdefizit der USA gegenüber Ländern wie Deutschland, China oder Japan. Stahlzölle sind – ob in der EU oder in den USA – das falsche Mittel. Bessere und billigere eigene Produkte wären das richtige. Christoph Ruhkamp – Börsen-Zeitung

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