VW-Konflikt: Der Preis der Abhängigkeit

Streit zwischen VW und Zulieferern

VW-Konflikt: Der Preis der Abhängigkeit

Die Eskalation des Streits zwischen Volkswagen und zwei Zulieferbetrieben zeigt, wie weit die Abhängigkeiten in der Automobilindustrie inzwischen gediehen sind. Alles läuft „just in time“, Autohersteller unterhalten keine großen Lager mehr. Der Zulieferer schickt die Teile und Komponenten im besten Fall passgenau zum richtigen Zeitpunkt bis ans Band. Der Zulieferer wiederum sieht sich dabei der geballten Marktmacht der Autobauer gegenüber, die in alljährlichen Preisrunden mit schöner Regelmäßigkeit auf satte Rabatte, aber bis ins Detail vorgegebene Qualitäten drängen. Gerade VW wird dabei nachgesagt, nicht gerade zimperlich mit seinen Lieferanten umzugehen.

Die oftmals mittelständisch geprägten Unternehmen können es sich meist schlicht nicht leisten, einen so großen Kunden wie VW zu verlieren – und spielen in der Regel mit. Dass sich jetzt ausgerechnet der VW-Betriebsratschef über das „miese Spiel“ des Lieferanten echauffiert, ist schon befremdlich. Denn zwei Zulieferer haben den Spieß einfach mal umgedreht und VW in eine ungewohnte Rolle gedrängt. Über die Gründe will offiziell niemand so recht reden. Es zeichnet sich aber ab, dass VW unter dem Schock der Dieselaffäre die Kosten weiter drücken will – und dieses Mal den Bogen überspannt haben könnte.

Denn die beiden Zulieferer, die den Aufstand proben, haben viel zu verlieren: Sie können rechtlich gezwungen werden, die Teile zu liefern. Ihr Ruf dürfte massiv leiden in einer Branche, die bei der Produktion auf Zuverlässigkeit angewiesen ist. Das sieht fast nach einer Verzweiflungstat aus. Die Affäre offenbart in erster Linie massive Schwächen bei der Einkaufspolitik von VW. Heute setzt kaum noch ein großer Autobauer bei wichtigen Teilen nur auf einen Zulieferer, um sich nicht erpressbar zu machen. Der Weltkonzern VW – innerhalb eines Jahres entlarvt als Lügner und vorgeführt von zwei Lieferanten. Ein Armutszeugnis. Westdeutsche Zeitung

Vom ehrbaren Kaufmann

Der sich so zuspitzende Streit zwischen VW und Prevent zeigt exemplarisch, wie sehr die Unternehmen der Automobilindustrie voneinander abhängen. Hersteller wie der Wolfsburger Weltkonzern fertigen im Schnitt nur 25Prozent eines Autos selbst, drei Viertel der Wertschöpfung kommen von Zulieferern. Weil die Unternehmen bemüht sind, die Lagerkosten zu senken, sind in den Fabriken nie genug Teile vorhanden, um beim Ausbleiben von Nachlieferungen die Produktion längere Zeit aufrechtzuerhalten. Da genügt schon der fehlende Getriebedeckel eines Mittelständlers, um die Fließbänder eines Weltkonzerns zu stoppen.

Kritiker werfen VW nun vor, wie fahrlässig und riskant es war, sich bei entscheidenden Bauteilen auf nur einen Lieferanten verlassen zu haben. Die Kritik greift zu kurz: Denn auch wenn Beschaffungsvorstand Francisco Javier Garcia Sanz bei den Getriebedeckeln mehrere Lieferanten gehabt hätte, hätte keines dieser Unternehmen seine Produktion so rasant ausweiten können, wie es nötig gewesen wäre. Kein noch so treuer Lieferant kann für den Fall Kapazitäten vorhalten, dass sich VW mit einer anderen Firma zerstreitet. Nein, die nach der Abgas-Affäre für VW so gefährliche Krise lässt nur einen Schluss zu: Der zweitgrößte Autobauer der Welt muss auch mit seinen Zuliefererfirmen fair umgehen. Der Konzern ist auf die Unternehmen, die ihm 75Prozent der Teile für Golf, Passat, Tiguan und Touran liefern, angewiesen.

Das Verhältnis zwischen den Autobauern und ihren Zulieferern muss sich wieder auf das Leitbild vom ehrbaren Kaufmann gründen – darauf dass immer beide Seiten von einem Geschäft profitieren müssen. In Sonntagsreden beschwören Topmanager das Prinzip immer wieder. Die Realität sieht anders aus: Am längeren Hebel sitzen die Chefs der Autobauer, die ihre Macht ausnutzen und ihre Zulieferer gnadenlos auspressen. Wenn die Autobranche, die wie keine zweite so eng vernetzt ist, den Umgang miteinander nicht ändert, wird sie Herausforderungen wie Elektromobilität und Autonomes Fahren niemals bewältigen können. Schwäbische Zeitung

VW kann Zulieferer laut Gericht zur Herausgabe von Teilen zwingen – corporate

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