Winterkorn muss gehen

Warum tut er sich das an?

Winterkorn muss gehen

Natürlich gilt für Martin Winterkorn in Sachen Diesel-Betrug bei VW die Unschuldsvermutung, bis das Gegenteil bewiesen hat. Genauso selbstverständlich wäre es aber, wenn Winterkorn alle Ämter im Konzern ruhen ließe. Ein Mann, der im Verdacht steht, am Betrug beteiligt gewesen oder ihn zumindest zugelassen zu haben, kann keine Aufgabe bei VW übernehmen, so lange nicht alles geklärt ist. Alles andere erweckt den Verdacht der Mauschelei in einem Konzern, der doch rückhaltlose Aufklärung verspricht. Winterkorns Rückzug ist überfällig. Konsequent wäre es, wenn er auch sein Amt als Aufsichtsrat des FC Bayern ruhen ließe. Winterkorn sagt, die Aufgabe beim Fußball-Rekordmeister habe nichts mit VW zu tun. Stimmt. Aber: Winterkorn sitzt dort als Vertreter des Aktionärs Audi. Wenn er den Autobauer nicht kontrollieren kann, wie kann er ihn dann repräsentieren? Bleibt er, vermittelt dies den Eindruck, als sei die Aufgabe beim FC Bayern ein bedeutungsloser Nebenjob, den man auch mit schlechtem Leumund machen kann. Das macht Winterkorn unglaubwürdig, und es schadet dem Fußball. Rheinische Post

Warum tut er sich das an?

Weshalb zieht er nicht selbst die Reißleine, ehe er in aller Öffentlichkeit mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt wird? Martin Winterkorn hat großen Verdienst daran, dass sich der Volkswagen-Konzern mit allen seinen Töchtern im Laufe der vergangenen Jahre an die Weltspitze der Autohersteller geschoben hat. Aber »Wiko«, wie er intern nur genannt wurde und vermutlich noch heute wird, hat eben auch einen großen Anteil daran, dass der Konzern jetzt von einem Skandal belastet ist, dessen Auswirkungen noch längst nicht abzusehen sind. Auch wenn er sich seinen Worten zufolge »keines Fehlverhaltens bewusst« ist – er trägt die Verantwortung für das Desaster, ob es ihm nun passt oder nicht.

Genau deshalb muss Winterkorn schnellstens von allen seinen Ämtern im großen Volkswagen-Reich zurücktreten. Der Schritt ist längst überfällig. Schließlich steht er als Vorstandschef der Dachgesellschaft Porsche SE rein formal noch immer über seinem Nachfolger Matthias Müller an der Spitze von VW. Mit jedem Tag, den Winterkorn an seinen Ämtern klebt, wird Müllers Kampf um Glaubwürdigkeit und Vertrauen sowie sein Versprechen auf akribische Aufarbeitung der in der Vergangenheit gemachten Fehler unterwandert. Und das können weder der neue VW-Chef noch die Mitarbeiter, die Zulieferer, Händler und alle weiteren von den Auswirkungen des Skandals wirtschaftlich Betroffenen gebrauchen.

Sie haben genug damit zu tun, die vielen unterschiedlichen Baustellen zu bearbeiten, deren Zahl zudem ständig weiter steigt. Da sind zunächst natürlich die Kunden, die sich zu Recht betrogen fühlen, ihrem Ärger Luft machen und wissen wollen, was mit ihrem Fahrzeug wann passiert. Dass es hier vor allem in den USA – aber eben auch in Europa – zu Sammelklagen kommen wird, liegt in der Natur der Sache und ist absolut legitim. Gleichwohl dürften sich einige Anwälte schon die Hände reiben – denn einerlei wie der Rechtsstreit auch ausgeht, sie verdienen auf alle Fälle gutes Geld. Die komplette Händlerschaft des Konzerns harrt ebenfalls der Dinge, die da kommen werden. Selbst wenn sie dürften, was vom Konzern strikt untersagt wurde, könnten sie nichts sagen.

Neue Software oder technischer Eingriff – alles noch unklar und von Modell zu Modell vermutlich unterschiedlich. Zudem hoffen sie, wie auch alle Zulieferer, dass die Verkäufe nicht einbrechen. Vielen würde das wirtschaftlich das Genick brechen. Dass inzwischen auch die Kreditwürdigkeit von VW aufgrund der Bewertung einer Ratingagentur unter Druck gerät, macht es für Müller und seine neuen Kollegen nicht einfacher, den alten Dreck wegzukarren. Ein Rücktritt Winterkorns von allen Ämtern würde die Arbeit zumindest ein wenig erleichtern – es wäre schlichtweg eine Baustelle weniger. Westfalen-Blatt

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