Wirtschaft warnt vor Alarmstimmung wegen Brexit

IHKN-Präsident Stuke hält Sorge vor Lohnkürzungen für überzogen

Wirtschaft warnt vor Alarmstimmung wegen Brexit

Die Europäer müssen auf der Hut sein, damit sie sich nicht auch noch die englische Seuche einfangen. Die politische Klasse des Vereinigten Königreichs hat das Land in eine schwere Verfassungskrise gestürzt. Sollte Brüssel dem Wunsch aus London entsprechen und den Brexit bis zum 30. Juni verschieben, besteht größte Ansteckungsgefahr. Wenn die Briten es bis dahin nicht hinbekämen, eine Mehrheit für den Ausstiegsvertrag zu organisieren, müsste das Land ungeordnet austreten. Oder: Die inzwischen ohne die Briten abgehaltene Europawahl wäre dann ungültig.

Konsequenzen des Brexits für Brüssel

Sollte Brüssel dem Wunsch aus London entsprechen und den Brexit bis zum 30. Juni verschieben, besteht größte Ansteckungsgefahr. Wenn die Briten es bis dahin nicht hinbekämen, eine Mehrheit für den Ausstiegsvertrag zu organisieren, würde es sehr schwierig. Entweder müsste das Land ungeordnet austreten – oder die inzwischen ohne die Briten abgehaltene Europawahl wäre ungültig. Dies hieße, dass das EU-Parlament, einer von zwei Gesetzgebern, nicht handlungsfähig wäre. Die nächste EU-Kommission, die im Herbst ihre Arbeit aufnehmen soll, könnte nicht verpflichtet werden, dringend notwendige Reformen würden nicht angegangen.¹

Niedersachsens Wirtschaft warnt vor Alarmstimmung wegen des bevorstehenden Brexits. „Klar ist: Niedersachsen wird alleine schon wegen der großen geographischen Nähe und auch wegen unserer Häfen den Brexit etwas unmittelbarer erleben als andere, entferntere Regionen“, sagte Gert Stuke, Präsident der Industrie- und Handelskammern in Niedersachsen (IHKN), der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. „Zum jetzigen Zeitpunkt aber von Lohnkürzungen oder gar Entlassungen zu sprechen, halte ich für überzogen.“

Stuke bezog sich auf eine Studie der Bertelsmann-Stiftung, wonach Deutschland bei einem ungeordneten Brexit Einkommensverluste von insgesamt fast 10 Milliarden Euro drohen. Großbritannien werde auch nach dem Brexit ein wichtiger Markt für Niedersachsens Unternehmen bleiben, auch wenn die Abwicklung der Geschäfte etwas aufwändiger als bisher werde, ergänzte der IHKN-Präsident.²

Institut der deutschen Wirtschaft legt Abschlussbericht zur Brexit-Studie vor

Ein geregelter Ausstieg des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union bietet für Nordrhein-Westfalen nicht nur Risiken, sondern auch Chancen. Dies ist das zentrale Ergebnis eines Studienprojekts des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag des Wirtschaftsministeriums, dessen Abschlussbericht Minister Prof. Dr. Andreas Pinkwart und IW-Direktor Prof. Dr. Michael Hüther heute vorgestellt haben. Darüber hinaus macht die Studie deutlich, dass die Unternehmen im Land sich von den Entwicklungen in Großbritannien bislang nicht verunsichern lassen. Das IW schlägt zudem vor, das nordrhein-westfälische Standortmarketing im Vereinigten Königreich in Zukunft regionaler zu gestalten.

Minister Pinkwart: „Der Brexit bleibt eine bedauernswerte Entscheidung unserer britischen Freunde, die wir uns so nicht gewünscht haben. Wir hoffen weiterhin, dass die Verantwortlichen in Brüssel und London einen harten Brexit vermeiden. Gleichzeitig sind wir entschlossen, auch die wirtschaftlichen Chancen zu nutzen, die sich für Nordrhein-Westfalen ergeben können. Dies ist auch die Haltung vieler Unternehmen, die sich frühzeitig auf die Situation eingestellt haben. Seit dem Referendum haben sich fast 100 britische Unternehmen bei uns angesiedelt. Und der Trend hält an. Auf Basis der IW-Studie wollen wir beim Standortmarketing mehr mit den regionalen Stärken Nordrhein-Westfalens arbeiten und die britischen Regionen stärker in den Blick nehmen.“

Michael Hüther, Direktor des IW: „Unsere Studie hat gezeigt, dass drei von vier NRW-Unternehmen aufgrund der intensiven Handelsverflechtungen bereits heute erste Brexit-Auswirkungen spüren. Nur sind diese – anders als mancher erwarten mag – mehrheitlich positiver Natur. Auch auf die Zeit danach haben sich viele bereits intensiv vorbereitet. Unsere Experteninterviews belegen eindrucksvoll, dass wichtige Weichenstellungen bereits kurz nach dem Referendum vorgenommen wurden.“

Die wichtigsten Ergebnisse der Studie im Überblick:

  • Britische Unternehmen, die ihre Geschäftstätigkeit verlagern wollen, finden in Nordrhein-Westfalen einen vergleichbaren Wirtschaftsraum mit vielen Standortvorteilen vor. Das gilt vor allem für die im Vergleich höhere Arbeitsproduktivität und die geringeren Lohnstückkosten.
  • Ein Vergleich der nordrhein-westfälischen und britischen Regionen zeigt, dass vor allem im Norden Englands ähnliche Wirtschaftsstrukturen zu finden sind. Hier bieten sich daher besonders gute Perspektiven für ein zielgerichtetes Standortmarketing. Die größten Unterschiede zeigen sich dagegen in Nordirland, Schottland und London.
  • Insbesondere ein weicher Brexit kann auch zu positiven Effekten für die NRW-Wirtschaft führen, etwa durch neue Zulieferverträge mit europäischen Unternehmen, die bisher mit britischen Firmen zusammengearbeitet haben. Gleiches gilt für Fachkräfte aus dem Vereinigten Königreich, die in Zukunft in Nordrhein-Westfalen arbeiten könnten.
  • Mehr als zwei Drittel der NRW-Unternehmen haben Maßnahmen zur Vorbereitung auf den Brexit getroffen. Einzelinterviews zeigen, dass diese häufig bereits weit im Vorfeld – oftmals in zeitlicher Nähe zum Brexit-Referendum 2016 – eingeleitet wurden.

Die Expertise besteht aus aufeinander aufbauenden Modulen, von denen eines – die von IHK NRW begleitete Befragung nordrhein-westfälischer Unternehmen – bereits im Januar durch das Wirtschaftsministerium veröffentlicht wurde.³

¹Stuttgarter Nachrichten ²Neue Osnabrücker Zeitung ³Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen

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