Zuversicht an den Börsen schwindet

Die Tragik der Börse

Zuversicht an den Börsen schwindet

Vieles spricht dafür, dass der aktuelle Einbruch an den Aktienmärkten weniger das Ergebnis von rationalen Erwägungen ist als von psychologisch bedingten Übertreibungen: Fallende Kurse führen zu Verkäufen, was weiter fallende Kurse zur Folge hat. Gut möglich, dass der Trend noch eine Weile andauert. Doch Einbrüche wie 2003 und 2009, als die Kurse um fast drei Viertel beziehungsweise gut die Hälfte einbrachen, sind kaum zu erwarten. Mitteldeutsche Zeitung

Der jüngste Ausverkauf am Aktienmarkt ist wie immer übertrieben. Anleger sind Herdentiere: Geht es erstmal abwärts, werfen alle ihre Papiere aus dem Depot. Der Computerhandel verstärkt den Trend noch. Dennoch enthält der Dax-Sturz unter 9000 Punkte Botschaften, die über die Tagespanik hinausreichen. An zu vielen Stellen der Weltwirtschaft braut sich was zusammen – und oft trägt die Politik Schuld daran. Würde der Ölmarkt funktionieren, hätten die Anbieter längst die Förderung gedrosselt. Das Opec-Kartell aber will die US-Konkurrenz ruinieren und sitzt den Ölpreisverfall einfach aus. Wäre China eine Marktwirtschaft, hätte seine Wirtschaft schon früher zum Sinkflug angesetzt. Nun treibt die Sorge vor einer harten Landung die Welt um. Hätten die Euro-Krisenstaaten ihre Hausaufgaben gemacht, würde die Euro-Krise nicht zurückkehren. Die Scherben des Politikversagens sollen einmal mehr Fed und EZB aufsammeln: Doch dass die Notenbanken mit ihrer dauerhaften Nullzinspolitik den Keim für einen langfristigen Crash legen, macht die Lage erst recht tragisch. Rheinische Post

Wohl dem, der zum Jahreswechsel gegen den Strom geschwommen ist und stärker auf Staatsanleihen als auf die hoch favorisierten Aktien gesetzt hat. Denn gemessen an den in den meisten Investmentausblicken auf das laufende Jahr getroffenen Aussagen über die relative Attraktivität von Aktien und Anleihen haben die Märkte in den ersten fünf Wochen für eine faustdicke Überraschung gesorgt.

Wird der entsprechende GRex-Anleihenindex zugrunde gelegt, konnten Investoren mit zehnjährigen Bundestiteln einen Ertrag von 3,2% einfahren. Ähnlich gut sind die Ergebnisse, die mit anderen vermeintlich sicheren Anlagen wie Gold, das in US-Währung um 8,8% gestiegen ist, gearbeitet haben. Sogar der Yen profitierte mit einer Aufwertung zum Dollar um 2,7% von der Flucht in Sicherheit, und das, obwohl die japanische Zentralbank die Einführung von Negativzinsen angekündigt hat.

Dagegen haben Risiko-Assets wie Credits, Rohstoffe wie insbesondere Öl und Industriemetalle sowie nicht zuletzt Aktien bislang das Nachsehen. Einen negativen Ertrag von 13,6% haben Anleger mit dem Dax, der am Freitag bei 9286 schloss, seit Jahresbeginn erwirtschaftet. Zuletzt sorgte hier die Befestigung des Euro für zusätzlichen Druck. Ferner haben in den zurückliegenden Tagen zunehmende Befürchtungen über eine deutliche Abkühlung der Weltwirtschaft belastet. Schon seit längerem grassiert die Sorge, dass die US-Wirtschaft, deren Konjunkturzyklus sich in einem sehr fortgeschrittenen Stadium befindet, auf eine Rezession zusteuern könnte. Enttäuschende Daten wie deutlich fallende Auftragseingänge haben diese Ängste zuletzt zusätzlich geschürt. Der amerikanische Arbeitsmarktbericht vom Januar hat in dieser Hinsicht am Freitag keine neuen Erkenntnisse gebracht, sondern bot ein gemischtes Bild.

Die Zahl der neu geschaffenen Stellen blieb hinter den Erwartungen zurück; hinzu kam eine Abwärtsrevision der Dezember-Zahl. Andererseits ist die Arbeitslosenrate auf 4,9% gesunken, anstatt wie erwartet bei 5% zu verharren, und die Löhne sind deutlich stärker gestiegen als zuvor angenommen.

Unterdessen schwindet bei den Bankenstrategen zunehmend die Zuversicht für die Aktienmärkte. Am Freitag erklärte die Commerzbank, dass sie ihr Ultimo-Ziel für den Dax von 12.600 auf 11.200 Punkte gesenkt hat. „Seit unserem Dax-Ausblick Anfang Dezember haben sich einige Faktoren ungünstiger entwickelt als damals erwartet“, so das Institut. So setze der Einbruch des Ölpreises den US-Markt für Hochzinsanleihen und den globalen Bankensektor unter Druck. Zudem belaste die Aufwertung des Euro insbesondere gegenüber dem britischen Pfund, dem Renminbi und anderen Emerging-Markets-Währungen die Dax-Exportunternehmen.

Und auch das Wachstum in den USA, ein wichtiger Exportmarkt für die Dax-Werte, habe sich abgeschwächt. Das neue Indexziel ergibt sich aus einer Senkung der Prognose für die Dax-Unternehmensgewinne für dieses Jahr um 5% und einer Reduktion der KGV-Prognose (Kurs-Gewinn-Verhältnis). Sie wurde unter Hinweis auf das schwächere weltweite Wachstum von 14 auf 13 gesenkt. „Kurzfristig könnte der Dax in einem turbulenten ersten Quartal zwischen 8.800 und 10.000 schwanken. Doch mittelfristig halten wir ein negatives Dax-Szenario wie im Jahr 2008 für unwahrscheinlich, da einige Faktoren weiter positiv sind“, so das Institut unter Hinweis auf ein starkes Wachstum der Geldmenge M1 und niedrige Energiepreise. „Im aktuellen Niedrigzinsumfeld erwarten wir wieder einen steigenden Dax, sobald sichtbar wird, dass sich der Ölpreis stabilisiert und es in China keinen Crash der Wirtschaft gibt.“

Auch die BayernLB äußerte sich skeptischer. Alles in allem könnten die Konjunkturdaten derzeit nicht den nötigen Katalysator für eine nachhaltigere Erholung liefern. Unterstützende Einflüsse auf die Aktienmärkte seien am ehesten von den Notenbanken zu erwarten. Zudem hätten sich die Bewertungen wieder normalisiert, und Investoren seien nicht mehr so offensiv positioniert wie zuvor. „Entwickelt sich die Weltwirtschaft weiter stabil, was unserem Basisszenario entspricht, eröffnet dies auf Jahressicht Erholungspotenzial. Auf Sicht der nächsten Wochen bleiben wir vor dem Hintergrund der noch rückläufigen Entwicklung der konjunkturellen Frühindikatoren jedoch noch defensiv positioniert. Aufgrund der zahlreichen bestehenden Risikofaktoren sehen wir auch die Risiken für unsere Aktienmarktprognosen derzeit nach unten gerichtet.“ Noch erwartet das Institut den Index in sechs Monaten bei 10.800 und in zwölf Monaten bei 11.600 Punkten. Christopher Kalbhenn Börsen-Zeitung

Es gibt sie noch, die unerschütterlichen Börsenoptimisten. Also diejenigen Experten, die weiter glauben, dass der Dax bis zum Jahresende sehr deutlich über 10 000 Punkten landen wird. Dass wir im Moment vielleicht nervöse Ausschläge nach unten erleben, der deutsche Aktienmarkt in den kommenden Monaten aber Boden gut machen wird. Diese Prognose wird dann meist mit dem Hinweis unterfüttert, dass der momentane Ausverkauf nicht viel mit der Realwirtschaft und umso mehr mit Stimmungen zu tun hat. Dass Investoren gerade stark zu Übertreibungen neigen. Letzteres stimmt sicher. Doch hinter den Panikreaktionen vieler Anleger steckt die Angst vor einem weltweiten Flächenbrand – und die ist berechtigt. Vor allem der rasant gefallene Ölpreis belastet die Finanzmärkte enorm. Viele Schwellenländer, die stark vom Rohstoffexport abhängen, haben enorme Schulden, die in Dollar notiert sind. Das billige Öl lenkt globale Zahlungsströme in einem Ausmaß um, dass die Folgen für die Weltwirtschaft kaum absehbar sind. Es spricht einiges dafür, dass es mit dem Dax weiter bergab gehen wird. Philipp Jaklin Weser-Kurier

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