Ärztemangel: Das System heilt nicht – Zur Belastung von Ärzten

Ärztepräsident: 5000 offene Stellen für Ärzte in Krankenhäusern

Ärztemangel: Das System heilt nicht – Zur Belastung von Ärzten

Die politisch Verantwortlichen denken oft nur noch bis zur nächsten Wahl. Schlechte Zeiten für Investitionen, die sich erst in fünf, zehn oder 20 Jahren auszahlen. Sehr anschaulich lassen sich die Konsequenzen am Ärztemangel festmachen. Einerseits fehlt es an Medizinern. Schon jetzt müssen sich Hausärzte auf dem Land gut überlegen, ob sie in Urlaub gehen – weil sie ihren Kollegen so noch Vertretungspatienten in die ohnehin vollen Wartezimmer schicken. Auch in den Kliniken klagen die Verantwortlichen über Personalnot. Andererseits gibt es in der Medizin einen so strengen Numerus Clausus wie in wenigen anderen Fächern. Auf Deutsch: Junge Menschen wollen in den Mangelberuf, aber wir lassen sie nicht. Der Grund ist banal. Ein Medizinstudienplatz ist für den Staat deutlich teurer als zum Beispiel einer in Theaterwissenschaft oder in Sinologie.

Auf 32 000 beziehungsweise 5000 Euro beziffert das Statistische Bundesamt die jährlichen Kosten. Wer als Politiker kurzfristig eine steigende Zahl an Studienplätzen melden will, der schafft dann lieber Plätze für Geisteswissenschaftler. Da Ruhestands-Wellen anstehen und immer mehr junge Mediziner weniger arbeiten wollen als ihre Vorgänger, wird sich der Ärztemangel in den kommenden Jahren verschlimmern. Wer dann auf dem Land einen Leistenbruch hat, kann sich an einen Theaterwissenschaftler wenden. Davon haben wir genug. Es ist im Übrigen zu einfach, die Schuld daran auf die Politik abzuwälzen. Es liegt an den Wählern, auf die zu setzen, die in die Zukunft investieren und nicht in schnelle Erfolge.¹

Einen Vorteil haben die Mediziner ja: Sie sind – theoretisch – in der Lage, die eigenen gesundheitlichen Probleme frühzeitig zu erkennen und dann die geeigneten Gegenmaßnahmen selbst einzuleiten. Aber selbstverständlich sind auch Ärzte nicht immun gegen Leistungsdruck. Unser auf Effizienz getrimmtes Gesundheitswesen hat negative Konsequenzen für alle Beteiligten. Nicht nur die Ärzte, sondern auch die Pfleger und die Patienten leiden unter Personalmangel und Kostendruck. Die Folgen sind Desillusionierung, Stress, Krankheit. Vier bis fünf Prozent aller Mediziner gelter als alkoholabhängig; das entspricht dem Bevölkerungsdurschnitt.

Aber zwölf Prozent der Ärzte nehmen Studien zufolge Psychopharmaka. Mediziner sind auch nur Menschen. Sie sind Teile einer rastlosen Immer-Mehr-Gesellschaft, die einerseits von einer nötigen Work-Life-Balance schwadroniert, andererseits die ständige Erreichbarkeit predigt. Auf systemische Heilungskräfte zu setzen ist naiv. Letztlich muss jeder Einzelne für sich entscheiden, ob er sich diesem Druck beugen möchte. Allerdings: Wenn Ärzte Fehler machen, kann das tödlich enden.²

Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery hat eine bessere Personalausstattung von Kliniken mit Ärzten gefordert. Ähnlich wie für Pflegekräfte soll es in Kliniken nach Ansicht von Montgomery auch eine Personaluntergrenze für Ärzte geben. „Ich verstehe nicht, warum in der Frage der Personaluntergrenze Pflegepersonal und Ärzte unterschiedlich behandelt werden“, sagte Montgomery der Düsseldorfer „Rheinischen Post“ (Online). Der Ärztepräsident verwies darauf, dass in den Krankenhäusern bundesweit rund 5000 Stellen für Ärzte unbesetzt seien.

„Die Arbeitsbelastung ist sowohl für die Pflegekräfte wie auch für die Ärzte im Krankenhaus ausgesprochen hoch.“ In beiden Berufsgruppen gebe es hohe Burnout-Quoten. „Die Arbeitsverdichtung in den Krankenhäusern kann nur durch mehr Personal kompensiert werden.“ Montgomery wiederholte auch seine Forderung nach mehr Medizinstudienplätzen: „Wir brauchen rund 1000 zusätzliche Studienplätze pro Jahrgang. Diesen Bedarf gibt es schon länger. Es ist ein Grundübel, dass die Länder ihren Finanzierungsverpflichtungen nicht ausreichend nachkommen.“

Über eine Aufstockung der Medizin-Studienplätze wird seit Jahren diskutiert. Grundsätzlich müssen die Länder die Finanzierung dafür zur Verfügung stellen. Eine wachsende Zahl an Ärzten gilt nicht nur aufgrund der alternden Gesellschaft als notwendig. Es gibt auch immer mehr Ärztinnen, die häufiger als ihre männlichen Kollegen in Teilzeit arbeiten. Der Mangel an Medizinern macht sich auch in den Praxen bemerkbar. Insbesondere auf dem Land haben Ärzte, die aus Altersgründen ausscheiden, Schwierigkeiten, einen Nachfolger für ihre Praxis zu finden.³

¹Mario Thurnes – Allgemeine Zeitung Mainz ²Westfalenpost ³Rheinische Post

DasParlament

Ihre Meinung ist wichtig!

Ihre Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.