AOK-Atlas: Jeder zwölfte Rheinländer hat Diabetes

Höchste Zeit für Ampel und Zuckersteuer

AOK-Atlas: Jeder zwölfte Rheinländer hat Diabetes

Knuspermüsli und ein Frucht-Joghurt zum Frühstück. Das klingt gesund, ist es aber nicht. Kaum jemand weiß, dass in Joghurt oder Müsli bis zu elf Würfel Zucker stecken, pro Portion. Weltweit wächst die Zahl der Menschen, die an Übergewicht und Diabetes leiden, darunter sind viele Kinder. Mit Süßstoff lassen sich prima Geschäfte machen, deshalb sieht die Lebensmittel- und Getränkeindustrie keinen Grund, darauf zu verzichten. Zucker ist ein billiger Inhaltsstoff und wichtiger Geschmacksverstärker. Aber Zucker ist eben auch ein Gesundheitsrisiko.

Wenn der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte eine Zuckersteuer fordert, liegt er also richtig. In vielen Ländern hat sich dieses Mittel bereits bewährt, die Lust auf Süßes lässt sich über den Preis erheblich mindern. Beim Rauchen oder den Schnapsmischgetränken sind die Erfahrungen auch hierzulande positiv: Der Konsum von Zigaretten oder Alkopops ist auch deshalb massiv gesunken, weil der Staat mit Hilfe höherer Steuern eingegriffen hat. Warum sollte das beim Zucker nicht funktionieren? Anders als fragwürdige wissenschaftliche Studien glauben machen möchten, ist der Süßstoff nämlich alles andere als harmlos.

Gefordert ist Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU). Bei der Kennzeichnung von Fertigprodukten hat sie sich als lernfähig erwiesen und die Tür für Nutri-Score geöffnet. Bald wird es auf vielen Verpackungen eine gut sichtbare Ampel geben, die den Verbrauchern hilft, Lebensmittel zu bewerten. Das schafft Transparenz. Gerade in Fertigprodukten ist der Anteil versteckter Süßmacher oft sehr hoch – auch dort, wo Konsumenten ihn nicht vermuten würden, etwa in Tütensuppen, Pizza oder Soßen. Leider ist die Kennzeichnung freiwillig, aber erste Produkte sind schon im Regal und üben damit Druck auf die Konkurrenz aus. Eine Zuckersteuer wäre ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einer gesünderen Ernährung.¹

Zuckerkrankheit bleibt ein Volksleiden: 8,2 Prozent der Einwohner in der Region der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein leiden an Diabetes Typ 2. Das geht aus dem ersten Gesundheitsatlas der AOK zum Thema hervor, der der Düsseldorfer „Rheinischen Post“ vorliegt. „Jeder zwölfte Einwohner bei uns im Rheinland hat Typ-2-Diabetes. Das ist zu viel“, sagt Günter Wältermann, Chef der AOK Rheinland/Hamburg, der Zeitung. „Die Erkrankung ist oftmals vermeidbar. Wir brauchen eine gesamtgesellschaftliche Strategie, ein Gesamtpaket mit klarem Fokus auf Prävention.“

In NRW liegt die Diabetes-Häufigkeit (Typ 2) bei 8,4 Prozent, bundesweit bei 8,6 Prozent. Dabei sind die regionalen Unterschiede groß: Am besten sieht es NRW-weit in Münster aus mit einer Diabetes-Häufigkeit von 5,9 Prozent und in Bonn mit 6,1 Prozent, so der AOK-Atlas. Am schlechtesten schneiden Bottrop (11,1 Prozent) und Oberhausen (9,8 Prozent) ab. Ähnlich groß sind die Unterschiede im Länder-Vergleich: In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen liegt die Diabetes-Häufigkeit bei mehr als 11,5 Prozent, in Hamburg und Schleswig-Holstein dagegen unter 7,5 Prozent.

Dabei spielt die Alters- und Sozialstruktur der Regionen eine Rolle, mit zunehmendem Alter steigt das Erkrankungsrisiko. In Nordrhein leiden laut AOK 30 Prozent der Menschen zwischen 80 und 90 Jahren an Diabetes mellitus Typ 2.

Zucker, die neue Zigarette

Die Zahlen, die die AOK zum Thema Diabetes ermittelt hat, sind erschütternd: Jeder zwölfte Rheinländer leidet an Diabetes vom Typ 2. Bei den 80- bis 90-Jährigen sind sogar 30 Prozent betroffen. Dabei ist Diabetes kein lästiges Übel, das zum Altwerden gehört wie graue Haare. Diabetes ist ein Leiden, mit dem wegen der drohenden Folgeerkrankungen nicht zu spaßen ist. Zwar machen moderne Blutzuckermess- und Spritzsysteme den Alltag leichter. Doch es drohen Nierenschäden, diabetischer Fuß bis hin zur Amputation, Erblindung und Infarkt. Das bedeutet großes Leid für die Betroffenen und kostet die Versichertengemeinschaft Milliarden. Dabei ist Diabetes vom Typ 2 oft vermeidbar. Denn neben genetischen Faktoren spielt auch schlechter Lebensstil eine Rolle: Übergewicht, Bewegungsmangel, Rauchen und ungesunde Ernährung erhöhen die Wahrscheinlichkeit, zu erkranken.

Zu Recht legen AOK und andere Krankenkassen deshalb so viel Wert auf Aufklärung und Prävention. Doch sie haben in der Nahrungsmittel- und vor allem der Zuckerindustrie mächtige Gegenspieler. Deutschland hätte längst eine aussagekräftige Ernährungsampel haben können, die Verbrauchern anzeigt, wie süß, fettig oder salzig das Produkt ist, das sie sich da gerade in den Einkaufskorb legen. Jetzt soll es 2020 endlich so weit sein. In Richtung der Jugendlichen, die den zuckersüßen Softdrinks verfallen sind, mag eine solche auf Aufklärung setzende Ampel wirkungslos blinken. Hier wäre es wirksamer, eine Zuckersteuer einzuführen, wie sie auch andere Länder haben. Wenn die klebrige Cola plötzlich doppelt so teuer ist, dürfte das heilsame und lenkende Wirkung haben. Frankreich und Großbritannien haben es vorgemacht. Die Diabetes-Quote liegt in beiden Ländern deutlich unter der in Deutschland.²

¹Rolf Eckers – Westdeutsche Zeitung ²Antje Höning – Rheinische Post

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