Aus für telefonische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung

Ende der Krankschreibungen per Telefon gefährdet medizinisches Personal und Patienten

Aus für telefonische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung

Ab Montag müssen Patienten mit einer leichten Erkrankung der oberen Atemwege wegen einer Krankschreibung wieder in die Arztpraxis gehen. So hat es der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) entgegen dem einhelligen Votum von Kliniken und Kassenärzten abgestimmt. Die Freie Ärzteschaft (FÄ) kritisiert diese Entscheidung scharf. „Das ist unverantwortlich. Diese Patienten könnten eine harmlose Erkältung haben, aber auch an Covid-19 erkrankt sein und damit Ärzte, Praxispersonal sowie andere Patienten mit teilweise schweren Erkrankungen anstecken“, sagte FÄ-Vorsitzender Wieland Dietrich am Sonntag in Essen. „Es ist empörend, wie der dringend gebotene ärztliche Sachverstand hier missachtet wird.“

Dabei sollte die Ausnahmeregelung der AU-Richtlinie ursprünglich bis zum 23. Juni 2020 gelten. Aus gutem Grund: Das Ansteckungsrisiko in den Arztpraxen sollte verringert werden. Ärzte konnten deshalb bisher eine Arbeitsunfähigkeit (AU) auch telefonisch feststellen. „Vermutlich auf Druck von Wirtschaft und Krankenkassen wird diese Regelung nun zurückgenommen – die dadurch wachsende Gefährdung von nicht-infizierten chronisch Kranken und medizinischem Personal wird offenbar in Kauf genommen“, kritisiert FÄ-Vize Dr. Axel Brunngraber. „Mehr als fünf Prozent der erfassten Infizierten stammen jetzt schon aus den Gesundheitsberufen – das ist wohl noch nicht genug. Covid-19 ist auch für medizinisches Personal eine gefährliche Erkrankung. Wir fordern die Beibehaltung der telefonischen Krankschreibung wie geplant bis zum 23. Juni.“

Besonders widersinnig erscheint die G-BA-Entscheidung vor dem Hintergrund, dass eine Firma unter AU-Schein.de weiter AU-Bescheinigungen online verkaufen darf. „Obwohl dieses Vorgehen in völligem Gegensatz zu den AU-Richtlinien des G-BA steht, wird nichts dagegen unternommen. Hier sollte der G-BA handeln“, fordert Wieland Dietrich.

Zudem hat Bundesarbeitsminister Hubertus Heil inzwischen den Arbeitsschutzstandard COVID-19 klargestellt: „Personen mit erkennbaren Symptomen (auch leichtes Fieber, Erkältungsanzeichen, Atemnot) verlassen den Arbeitsplatz bzw. bleiben zu Hause, bis der Verdacht ärztlicherseits aufgeklärt ist.“ FÄ-Chef Dietrich erläutert: „Die Betroffenen sollen schließlich ihre Kollegen nicht gefährden. Auch das Personal in den Arztpraxen darf nicht gefährdet werden – die Praxisinhaber sind für den Schutz ihrer Mitarbeiter verantwortlich. Am besten aufgehoben sind Patienten mit leichten Atemwegssymptomen daher zu Hause, gegebenenfalls mit Testung, und wer einen AU-Schein benötigt, muss diesen auch weiterhin per Telefon bekommen können.“¹

Die Bayerische Landesärztekammer (BLÄK) äußert Unverständnis über die Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), die telefonische Krankschreibung bei Patienten mit leichten Atemwegsbeschwerden nicht zu verlängern. „Das Ende der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung per Telefon gefährdet medizinisches Personal und Patienten“, ist Dr. Gerald Quitterer, Präsident der BLÄK, überzeugt.

So müssten ab dem heutigen Montag, den 20. April 2020, die Patientinnen und Patienten mit einer leichten Erkrankung der oberen Atemwege wieder in die Arztpraxis gehen, um eine Krankschreibung zu erhalten. Das hat der G-BA entgegen dem einhelligen Votum von Kliniken und Vertragsärzten beschlossen. Quitterer kritisiert diese Entscheidung: „Das ist unverantwortlich.“Man könne zunächst nicht unterscheiden, ob diese Patienten lediglich an einem harmlosen Infekt oder an COVID-19 erkrankt seien. Die Dunkelziffer der Erkrankten sei nicht bekannt.

„Die bayerischen Vertragsärzte benötigen weiterhin die Möglichkeit der telefonischen Feststellung der Arbeitsunfähigkeit bei leichten Atemwegserkrankungen. So verringern wir das Risiko der Virusweitergabe an andere Patienten und Mitarbeiter aller Bereiche im Krankenhaus und Praxen“, betont Quitterer.²

Hintergrund

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der GKV-Spitzenverband haben sich am 9. März verständigt, dass Patienten unter bestimmten Voraussetzungen nach telefonischer Rücksprache mit dem Arzt bis zu sieben Tage krankgeschrieben werden können. Ein Besuch der Arztpraxis ist hierfür nicht notwendig. Die Regelung gilt ab sofort und für Patienten, die an leichten Erkrankungen der oberen Atemwege erkrankt sind sowie keine schwere Symptomatik vorweisen oder Kriterien des Robert-Koch-Instituts (RKI) für einen Verdacht auf eine Infektion mit COVID-19 erfüllen.

Dies gilt ebenfalls für die Ausstellung einer ärztlichen Bescheinigung für den Bezug von Krankengeld bei der Erkrankung eines Kindes. Die Vereinbarung ist zunächst für vier Wochen gültig. Die Krankmeldung wird von Ärzten per Post zugesandt.

Verwendung der elektronischen Gesundheitskarte: Versicherte sollten ihre Gesundheitskarte bei einem Anruf in der Arztpraxis parat haben. Dies ist für einen Abgleich der persönlichen Daten oder für eine Neuerfassung als Patient erforderlich. Sollte ein Patient noch nicht in der Arztpraxis gewesen sein, werden detaillierte Informationen zur Person und auf der elektronischen Gesundheitskarte notwendig sein.

Die IKK Südwest informiert Versicherte über das Verfahren zum Einreichen der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung.

Vorlage bei der Krankenkasse: Versicherte der IKK Südwest können die Krankmeldung einfach in der Online-Geschäftsstelle uploaden unter www.ikk-suedwest.de oder diese per Post senden.

Vorlage bei dem Arbeitgeber: Sofern im Arbeitsvertrag nichts Abweichendes geregelt ist, muss eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bei einer länger als drei Tage andauernden Erkrankung spätestens am darauffolgenden Tag beim Arbeitgeber sein. Der Arbeitgeber kann die Bescheinigung im Original verlangen. Abweichende Vereinbarungen sind individuell zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu treffen.

Alternative Kommunikationswege

Digitale Kommunikation mit dem Arzt: Versicherte der IKK Südwest können sich zudem kostenfrei über das Online-Sprechzimmer in einem gesicherten Chat mit ihrem Arzt austauschen. Welche Ärzte diesen Kommunikationsweg anbieten, ist online zu erfahren: www.ikk-suedwest.de/service/pilotprojekt-online-sprechzimmer/

Bei Fragen zum Coronavirus COVID-19 können Versicherte die kostenfreie IKK Medizin-Hotline 0800/0 133 000 an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr anrufen. Die Hotline bei Fragen zu Lieferengpässen von Arzneimitteln 0800/1 20 22 22 steht montags bis freitags von 8 bis 16 Uhr zur Verfügung.³

¹Freie Ärzteschaft e.V. ²Bayerische Landesärztekammer ³IKK Südwest

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