Bertelsmann Studie zur Neuordnung der Krankenhaus-Landschaft: „Unfaire Kampagne gegen Krankenhäuser“

Krankenhausschließungen: Zu kurz gedacht

Bertelsmann Studie zur Neuordnung der Krankenhaus-Landschaft: „Unfaire Kampagne gegen Krankenhäuser“

Der Eindruck, den „normale“ Kassenpatienten – also fast 90 Prozent der Deutschen – von der Gesundheitsversorgung im Lande haben, ist zunehmend verheerend. In vielen Arztpraxen werden die Wartezeiten lang und länger, und trotz des neuen „Gesetzes für schnellere Termine“ kann es vor allem bei Fachärzten viele Wochen dauern, bis man drankommt. Jetzt wird offenbar auch darüber nachgedacht, die Krankenhauslandschaft kräftig auszudünnen – die Studie der Bertelsmann-Stiftung bereitet den Weg dafür. Vom drohenden Kahlschlag sprechen Patientenschützer. Dabei sind viele Kliniken bereits geschlossen worden. Oder aus ländlichen Krankenhäusern wurden Fachkliniken, etwa für Geriatrie (Altersheilkunde).

Für Angehörige werden die Wege ans Krankenbett oft allzu lang, und weil es an Pflegepersonal mangelt, fühlt sich mancher Patient alleingelassen. Ist die Krankheit nicht lebensbedrohlich, wird eine Operation auch gern einmal verschoben, weil die OP-Kapazitäten fehlen. Mangelverwaltung überall, vor allem gesetzlich Versicherte fühlen sich benachteiligt. Doch es wäre ungerecht, nur zu jammern: Viele Kranke erleben den medizinischen Fortschritt als beeindruckend. Wem eine minimalchirurgische Tumoroperation geholfen hat, wer nach einem Oberschenkelhalsbruch ein künstliches Hüftgelenk erhielt oder wen eine Stroke Unit vor dem Schlaganfall bewahrte, der weiß die ärztliche Kunst zu schätzen. Weil dieser Fortschritt erstens Spezialwissen erfordert und zweitens hohe Kosten verursacht, suchen Politiker, Mediziner und Krankenkassen nach Wegen der Rationalisierung. Klar ist, dass erfahrene Fachleute bessere Arbeit leisten können, und ebenso einleuchtend ist, dass eine gewisse Konzentration der Behandlung (also: „Massenabfertigung“) dabei hilft, die Kosten je Einzelfall zu senken. Die pauschale Forderung nach Klinik-Schließungen ist aber zu kurz gedacht.

Zu prüfen ist zunächst, ob die vorhandenen Häuser sich sinnvoll die Arbeit teilen können. Und selbstverständlich sind Vorgaben zu ändern, wenn sie Kliniken dazu verführen könnten, sich mit unnötigen Operationen die Kassen zu füllen. Das von Experten für die Konzentration auf weniger Krankenhäuser vorgebrachte Argument, dass es an erfahrenem Fachpersonal mangele, wirkt zum Teil nur vorgeschoben: So wäre es ein Leichtes, mehr Ärzte auszubilden. Dafür müssten Ausbildungskapazitäten erweitert und Zulassungsbeschränkungen gesenkt werden. Am Ende geht es also ums Geld: Wie viel sind Gesundheit und Fortschritt uns wert?¹

Verband der Leitenden Krankenhausärzte Deutschlands e.V. (VLK) wehrt sich

Fast alle im Gesundheitswesen haben in letzter Zeit signalisiert, dass sie bereit sind, gemeinsam konstruktiv eine bedarfsgerechte Krankenhauslandschaft zu gestalten. Dabei wird man auch über die Schließung oder Umwidmung des ein oder anderen Standortes nachdenken müssen, um einen gesunden Mix an Kliniken zu realisieren, der einerseits einer wohnortnahen Versorgung einer älter werdenden Bevölkerung gerecht wird und andererseits komplexe Eingriffe den Maximal- und Schwerpunktversorgern vorbehält.

Mit diesem Angebot war die Hoffnung verbunden, dass die pauschale Verunglimpfung kleinerer und mittlerer Krankenhäuser – ohne jeden Bezug zur Qualität ihrer Arbeit – eingestellt wird.

Warum jetzt dieser erneute Aufschrei nach einem Kahlschlag der Strukturen? Ist man an einem konstruktiven Dialog nicht interessiert?

Wenn man die von der Bertelsmann Stiftung ausgewählten Experten sieht, verwundert es nicht, denn sie vertreten diese Thesen gemeinsam mit den Krankenkassen seit geraumer Zeit. Nach dem Prinzip Aussagen regelmäßig zu wiederholen, bis die Illusion der Glaubwürdigkeit entsteht, hat man hier erneut medienwirksam Botschaften lanciert, die der Fachmann schwer und der Laie gar nicht durchschaut. An Hand von komplexen Diagnosen wie Operation eines Pankreaskarzinoms, Herzinfarktbehandlung oder Hüft-Reoperationen, für die kleinere Krankenhäuser natürlich nicht geeignet sind, wird deren gesamte Existenzberechtigung hinterfragt. Verschwiegen wird, dass diese ganz andere Versorgungsaufgaben wie die Behandlung älterer multimorbider Patienten mit Herzinsuffizienz, Pneumonie oder anderen Erkrankungen haben, die sie qualitativ hochwertig und wohnortnah erfüllen. Diese machen aber einen großen Teil unseres Versorgungsbedarfes aus. Dabei haben sie den großen Vorteil, dass ihre Besetzung mit Pflegekräften in aller Regel deutlich besser und stabiler ist als die an großen Zentren. Das kommt den Patienten sehr zu gute.

Es ist ein Irrglaube, dass die Pflegekräfte dieser Häuser, so man sie schließt, an die großen Zentren wechseln. Sie werden eher ihrem Beruf aber nicht ihrer Region den Rücken kehren. Dann stehen wir ohne Versorgungsmöglichkeit da. Die großen Kliniken haben dafür dann erst recht keinen Platz mehr. Sie sind schon jetzt häufig abgemeldet und nicht willens solche Patienten aufzunehmen.

Die Diskussion über die Herzinfarktsterblichkeit zeigt, wie unlauter die Kampagne geführt wird. Akute Herzinfarkte primär in Kliniken mit einer 24h/7d Herzkatheterbereitschaft einzuliefern, macht Sinn und rettet Menschenleben. Daraus die Schlussfolgerung zu ziehen, dass man die anderen ohne Herzkatheter deswegen schließen sollte, ist Nonsens. Man beruft sich auf die OECD Daten zur Herzinfarktsterblichkeit, in denen Deutschland einen hinteren Platz einnimmt, obwohl unsere Kliniken mit Herzkatheterbereitschaft einen internationalen Spitzenplatz belegen.

Der Grund liegt auch in der unterschiedlichen Eintragung der Todesursache in den Sterblichkeitsregistern der OECD Länder. Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen. Im Gegensatz dazu belegen die Zahlen des Deutschen Herzberichtes 2017 eine Halbierung der Herzinfarktsterblichkeit in deutschen Kliniken seit 1990 ähnlich wie in Dänemark in den vergangenen Jahren. Hier wird ein Problem hochstilisiert, dass so gar nicht existiert! Zusätzlich gibt es enorme Unterschiede in der Sterblichkeit zwischen den einzelnen Bundesländern, am ehesten durch sozioökonomische Unterschiede getriggert. Die Situation ist also äußert komplex und schwer zu interpretieren und es ist unseriös alle diese Faktoren zu verschweigen und monokausal darzustellen.

Wir brauchen eine seriöse Diskussion, die den enormen Versorgungsauftrag kleinerer Häuser anerkennt und honoriert, dass in Zeiten einer immer kritischer werdenden ambulanten Versorgung auf dem Land nur diese Kliniken ihn noch sicherstellen können. Strukturreform ja, aber mit Augenmaß. Versorgung der komplexen Eingriffe in Zentren ja unbedingt, aber der übrigen Fälle wohnortnah und wenn möglich integrierend sektorenübergreifend. Was wir nicht brauchen ist eine Kampagne.²

¹Martin Krause – Neue Westfälische ²Verband der leitenden Krankenhausärzte Deutschlands e.V.

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