Das Geschäft mit der Gesundheit

Kritik der Kassen an Igel-Leistungen

Bei den sogenannten individuellen Gesundheitsleistungen muss dringend mehr Transparenz her. Es spricht nichts dagegen, dass Ärzte in ihren Praxen solche Angebote machen. Sie müssen aber individuell mit Blick auf das Krankheitsbild, die Krankheitsgeschichte der Familie und die Bedürfnisse des Patienten angeboten werden.

Das Geschäft mit der Gesundheit

Dann handelt es sich auch um individuelle Gesundheitsleistungen. Wenn nur die Arzthelferin einem Patienten einen Zettel zum Unterschreiben in die Hand drückt und murmelt, dies koste 30 Euro, dann fällt das unter die Rubrik Abzocke. Eine Ergänzung im Gesetz, dass einer individuellen Gesundheitsleistung eine persönliche Beratung durch den Arzt vorausgehen muss, wäre sinnvoll. Zugleich muss das System der Bewertung der Igel-Angebote reformiert werden. Die Krankenkassen haben natürlich ein vitales Interesse daran, möglichst viele Igel-Angebote durchfallen zu lassen. Denn was sie selbst als positiv einstufen, müssten sie ja auch zahlen. Ein Team aus unabhängigen, nicht von den Kassen bezahlten Experten wäre hilfreich. Rheinische Post

Kritik der Kassen an Igel-Leistungen

Auch wenn sich immer mehr Ärzte bei den kostenpflichtigen Zusatzleistungen mittlerweile verantwortungsvoll zeigen, fallen noch viele Fachärzte durch einen unbotmäßigen Umgang mit ihren Patienten auf. So verzeichnet das von den Krankenkassen finanzierte Monitoring der so genannten Individuellen Gesundheitsleistungen (Igel) viele Beschwerden über den psychischen Druck, den manche Fachärzte ausüben. Die Schilderungen vieler Patienten zeugen von einem ausgeprägt merkantilem Interessen einiger Praxen. Mitunter unterschreiben die Patienten schon am Empfangstresen Verträge bei den Helfern, bevor sie einen Arzt auch nur gesehen haben. Und der „aggressive Verkaufsdruck“, der laut Monitoring aufgebaut wird, erzeugt Angst bei den Patienten.

Ihnen wird suggeriert, sie lehnten aus Sparsamkeit vielleicht die beste Behandlungsmethode ab – oder versagten gar dem werdenden Nachwuchs die beste medizinische Begleitung ins Leben. Diesem Druck haben Patienten meist nichts entgegenzusetzen. Denn wer verscherzt es sich schon gerne gerade mit dem Menschen, von dem er Hilfe und Unterstützung erwartet, auf dessen Fachkenntnis er oder sie in der schwierigen Frage der persönlichen Gesundheit angewiesen ist? Da sich an dieser Praxis in den vergangenen Jahren zu wenig verändert hat, sind neue Wege gefragt, dem Druck der geschäftstüchtigen Ärzte einen ebenso starken Druck entgegenzusetzen. Hier sind in erster Linie die Berufsverbände der Mediziner gefragt, die klare Regeln im Sinne der Verantwortung des Berufsstandes nicht nur aufstellen, sondern in der eigenen Zunft auch durchsetzen müssen.

Aber auch die öffentliche Nennung von den Praxen, die bei diesem Thema besonders über die Stränge schlagen, könnte womöglich zu einem regelkonformen Umgang mit den Igel-Leistungen führen. Den Patienten bleibt ansonsten nur die Eigenverantwortung. Wer sich gut über die Nutzen und die Risiken von ärztlichen Zusatzleistungen informiert, kann die Angebote prüfen – und gegebenenfalls ablehnen. Die Courage, unnütze Offerten in den Wind zu schreiben, wenn man schon bei Betreten einer Praxis zur Zustimmung zu teuren Extraleistungen gedrängt wird, fällt allerdings vielen schwer. Da ist es vermutlich besser, sich an einen anderen Facharzt zu wenden. Doch gerade in ländlichen Gebieten dürfte es an Alternativen mangeln. Wolfgang Mulke – Neue Westfälische

IGeL-Monitor: Patienten werden über Schaden von IGeL kaum informiert

82 Prozent der Versicherten kennen Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL). Und jeder Zweite (52 Prozent, der die Selbstzahlerleistungen in der Arztpraxis angeboten bekommt, nimmt sie an. Drei Viertel der Patienten fühlen sich aber nicht ausreichend über Schäden informiert; das sind die Ergebnisse der Evaluation des IGeL-Monitors, bei der 2.149 Versicherte repräsentativ befragt worden sind.

„Für manche Facharztgruppe ist das IGeLn zum Volkssport geworden. Der IGeL-Markt boomt. Information und Aufklärung geraten in der Praxis dabei manchmal in den Hintergrund. Aus unserer Sicht sind die Ärzte gefordert, über Nutzen und mögliche Risiken der Selbstzahlerleistungen ausführlich aufzuklären“, sagt Dr. Peter Pick, Geschäftsführer des MDS. Dafür müssten schriftliche Informationen zur Verfügung gestellt werden. Die Patienten sollten zudem ausreichend Bedenkzeit erhalten und nicht unter Druck gesetzt werden.

Der Bedarf der Patienten an fundierten Informationen ist unverändert groß. Das zeigt auch die Resonanz des IGeL-Monitors: An normalen Tagen informieren sich zwischen 1.000 und 3.000 Besucher auf dem Informationsportal unter www.igel-monitor.de, an Spitzentagen sind es bis zu 45.000. „Patienten brauchen wissenschaftlich fundierte Informationen, damit sie sich bewusst für oder gegen eine Selbstzahlerleistung entscheiden können. Anliegen des IGeL-Monitors ist es, das Informationsgefälle zwischen Arzt und Patient zu verringern. Die Patienten sollen als informierte Patienten entscheiden können“, erläutert Pick.

Neu bewertet: Ergänzende Ultraschall-Untersuchungen in der Schwangerschaft „unklar“

Wie wichtig fundierte Informationen für Patienten sind, wird auch bei der jüngsten Bewertung des IGeL-Monitors deutlich. Nutzerinnen berichten sowohl auf IGeL-Monitor als auch auf igel-aerger.de, dem kooperierenden Beschwerdeportal der Verbraucherzentrale NRW, dass sie sich verunsichert fühlen, wenn sie sich für oder gegen IGeL in der Schwangerschaft entscheiden sollen. Die Experten des IGeL-Monitors haben daher mehrere dieser IGeL unter die Lupe genommen – aktuell bewertet haben sie ergänzende Ultraschall-Untersuchungen in der Schwangerschaft. Dazu erklärt Dr. Michaela Eikermann, Leiterin des Bereichs Evidenzbasierte Medizin beim MDS: „Nach Auswertung der wissenschaftlichen Studien können wir sagen: Ergänzende Ultraschalluntersuchungen, die über die üblichen Vorsorgeleistungen der gesetzlichen Krankenversicherung hinausgehen, schaden nicht. Sie nützen aber auch nicht. Daher haben wir diese IGeL mit „unklar“ bewertet. Wenn Eltern die Entwicklung ihres Kindes im sogenannten „Baby-Fernsehen“ mitverfolgen möchten, so ist das unbedenklich. Aber wer diese IGeL nicht in Anspruch nehmen möchte oder kann, der braucht kein schlechtes Gewissen haben.“

Der IGeL-Monitor hat inzwischen 41 IGeL bewertet und beschrieben. Das Spektrum reicht von Akupunktur in der Schwangerschaft über Lichttherapie bei saisonal depressiver Störung bis hin zur Bestimmung des Immunglobin G (IgG) gegen Nahrungsmittel. „Unsere Bewertungen zeigen, dass vieles, was in den Praxen angeboten wird, der wissenschaftlichen Bewertung nicht Stand hält. Beim überwiegenden Teil können wir nicht von Hinweisen für einen Nutzen, sondern eher von Hinweisen für einen Schaden für den Patienten sprechen“, sagt Eikermann.

IGeL-Monitor gleicht Informationsdefizite der Patienten aus

Der IGeL-Monitor unterstützt Patienten, eine informierte Entscheidung zu treffen – dies hat auch die Evaluation bestätigt. „82 Prozent der Befragten geben an, sie würden den IGeL-Monitor erneut besuchen. Drei Viertel der Nutzer sagen, dass sie ihre Entscheidung für oder gegen ein IGeL-Angebot überdenken würden, wenn sie die Informationen vorher gehabt hätten“, erklärt Dr. Christian Weymayr, freier Medizinjournalist und Projektleiter IGeL-Monitor. „Das zeigt auch: Der IGeL-Monitor gleicht Informationsdefizite der Patienten aus. Die Patienten sehen die Informationen als hilfreich, glaubwürdig und entscheidungsrelevant an.“

Hintergrund: Die Bewertungen des IGeL-Monitors basieren auf den Methoden der Evidenzbasierten Medizin (EbM). Das heißt: Für die Bewertung von Nutzen und Schaden einer IGeL-Leistung recherchiert das Team aus Medizinern und Methodikern beim Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS) in medizinischen Datenbanken. Die Wissenschaftler tragen die Informationen nach einer definierten Vorgehensweise zusammen und werten sie systematisch aus. Das IGeL-Team wägt Nutzen und Schaden gegeneinander ab und fasst das Ergebnis in einer Bewertungsaussage zusammen, die von „positiv“, „tendenziell positiv“ und „unklar“ bis zu „tendenziell negativ“ und „negativ“ reicht.

Alle Analyseschritte einer Bewertung sind auf dem IGeL-Monitor dokumentiert. Jede bewertete IGeL wird in mehreren Ebenen dargestellt, die von Stufe zu Stufe ausführlicher und fachlicher werden: von der zusammenfassenden Bewertungsaussage bis hin zu den für ein Fachpublikum hinterlegten Ergebnissen der wissenschaftlichen Recherche und Analyse. Versicherte erfahren außerdem, welche Leistungen von den gesetzlichen Krankenkassen bei den Beschwerden übernommen werden, für die der Arzt ihnen die IGeL-Leistung anbietet. Sie erhalten auch Auskunft über die Preisspanne, zu der eine IGeL angeboten wird. Und schließlich gibt der IGeL-Monitor Tipps, wie sich Versicherte im konkreten Fall verhalten können, wenn ihnen IGeL angeboten werden.

Der MDS berät den GKV-Spitzenverband in allen medizinischen und pflegerischen Fragen, die diesem qua Gesetz zugewiesen sind. Er koordiniert und fördert die Durchführung der Aufgaben und die Zusammenarbeit der Medizinischen Dienste der Krankenversicherung (MDK) auf Landesebene in medizinischen und organisatorischen Fragen. mds-ev.de , MDS, Michaela Gehms

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