Die deutschen Schulen müssen geschlossen werden

Kassenarztchef: Bundesweite Schulschließungen wären "hysterische Überreaktion"

Die deutschen Schulen müssen geschlossen werden

In Deutschland gibt es erste Schulschließungen, der Lehrerverband fordert einen Stopp des Unterrichts für ganz Deutschland. Erste Städte haben bereits angekündigt, alle Schulen zu schließen. In Italien kommt es mit der Schließung von Restaurants und Geschäften zu den bisher massivsten Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Die USA haben ab dem Wochenende ein Einreiseverbot für Europäer verhängt, mit nur wenigen Ausnahmen. Auch andere Länder schließen ihre Grenzen.¹

Italien, Dänemark, Österreich und Irland – Deutschlands europäisches Umland hat die Pforten seiner Schulen und Kitas längst geschlossen. Und hat, glaubt man den Virologen bei deren Beurteilung aller Maßnahmen in Zeiten der großen Krise, den Ernst der Lage verstanden – angesichts der Menschenmassen, die in Schulen in Vielzahl auf engem Raum zusammenfinden.

Im laufenden Schuljahr gab es an den allgemeinbildenden und beruflichen NRW-Schulen rund 2,51 Millionen, bundesweit etwa 10,91 Millionen Schülerinnen und Schüler. Dazu rund 780 000 Lehrerinnen und Lehrer. Imposante Zahlen sind das, die eine Rolle spielen, wenn wir uns seit Wochen darüber unterhalten, wie man Infektionsketten unterbrechen kann, um dem exponentiellen Verlauf einer solchen Ansteckung zu begegnen.

Zahlen, die aber auch davon zeugen, in welcher Dimension wir hier über künftige Kinderbetreuung reden – durch Eltern, die einer Arbeit nachgehen und dem „System“ also fehlen würden, wenn alternative Home-Office-Modelle nicht passen. Österreich hat das geregelt, Deutschland müsste nur zum Nachbarn schauen: Dort ist Kinder-Betreuung in den Schulen in kleiner Zahl für jene Eltern angeboten, die für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung in ihren Berufen tätig sein sollten: Krankenschwestern und Ärzte, Polizisten oder Busfahrer. Und einige mehr. Deutschland muss – zentral gesteuert - nachziehen. Je schneller, desto besser. Kinder, heißt es, sind zwar weniger gefährdet, was Erkrankungen betrifft, gleichzeitig sind sie aber starke Multiplikatoren – und als solche Teil der Risikokette. Zumal in solch großer Zahl im täglichen Aufeinandertreffen.

Es ist also nicht die Zeit, in der wir tagelang in Beraterstäben darüber sinnieren können, ob das noch geht und jenes eher nicht. Es braucht große Lösungen, die wirken, weil sie groß sind. Und nicht kleinteilige Reaktionen wie Schließungen in Niedersachsen ab kommender Woche, Teilschließungen für Oberstufenschüler in Hessen ab sofort oder jene Maßnahmen von Viersen, wo gerade eine Grundschule und einige Kitas geschlossen worden sind. Stets als Reaktion auf Infektionen. Im Polizeijargon würde man sagen: Wir müssen vor die Lage kommen. Jeder verlorene Tag bedeutet einen höheren Ausschlag der Infektionskurve. Was sind all die wirtschaftlichen Begleiterscheinungen, wenn es darum geht, Menschenleben zu retten und Risiken zu minimieren, die wir in ihrer Breite nicht kennen, wohl aber durch die Übermittlungen aus Italien erahnen können. In der Not ist in Eile das zu tun, was als klarer Ablaufplan längst in der Schublade hätte liegen müssen: Katastrophenschutz. Aber darüber sprechen wir später.²

Gassen: Verbot von Großveranstaltungen „nicht zielführend“ – Bevölkerung „wie in Corona-Schockstarre“

Kassenarztchef Andreas Gassen hat scharfe Kritik an wiederholten Rufen nach „Corona-Schulferien“ geübt: „Bei wenigen Hundert Infizierten in Deutschland wären bundesweite Schulschließungen eine hysterische Überreaktion“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (NOZ). In Italien sei die Lage mit 3000 Infizierten und 110 Toten eine ganz andere. „Dort gab es die Notwendigkeit zu reagieren. Ob es die richtige Entscheidung war, wird sich zeigen. Aber mit der Situation in Deutschland und in anderen europäischen Ländern ist das nicht vergleichbar.“

Entschieden stellte sich der KBV-Chef auch gegen Forderungen nach einem Verbot von Großveranstaltungen. „Wir können doch nicht das öffentliche Leben stilllegen, und die Leute sitzen alle zu Hause und verfolgen vor dem Fernseher gebannt den Corona-Liveticker, obwohl es nur sehr wenige Menschen gibt, die sich mit einem relativ milden Virus angesteckt haben!“, sagte der Mediziner der NOZ. „Auch in einem Fußballstadion ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Fan neben mir Corona hat, extrem gering. Gesetzliche Verbote für Großveranstaltungen halte ich nicht für zielführend.“ Er selbst sei vor einer Woche noch auf einem Rockkonzert gewesen.

Extrem beunruhigt zeigte sich Gassen angesichts des Verhaltens der Bevölkerung. „Die Bevölkerung ist wie in einer Corona-Schockstarre, die Leute machen Hamsterkäufe und laufen mit Schutzmasken durch die Gegend. Mit der Realität hat das nichts zu tun, aber es hindert Ärzte daran, sich um echte Patienten zu kümmern“, beklagte der KBV-Chef. „Was wir erleben, grenzt teils an Hysterie. In Berlin stehen hundert Leute in der Schlange, weil sie meinen, getestet werden zu müssen. Auf solche Massen kann keine Praxis eingestellt sein.“ Gleichwohl sei das Gesundheitssystem „extrem leistungsfähig und wird durch das Coronavirus nicht an seine Grenzen stoßen“, betonte Gassen.³

¹Presseservice Das Erste ²Westdeutsche Zeitung ³Neue Osnabrücker Zeitung

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