Drastischer Rückgang von Facharztbesuchen seit März bringt Risikopatienten in Gefahr

Aufschwung für digitale Medizin: Nutzerzahlen von Gesundheits-Apps wachsen in der Coronakrise um 16%

Drastischer Rückgang von Facharztbesuchen seit März bringt Risikopatienten in Gefahr

In der Hochphase der Corona-Pandemie in Deutschland ist die Zahl der Facharztbesuche massiv zurückgegangen. In einer bundesweiten Umfrage des NDR äußerten Vertreter von Berufsverbänden, Kassenärztlichen und Kassenzahnärztlichen Vereinigungen die Sorge, der Ausfall von Terminen könne zu teils lebensbedrohlichen Verschlechterungen der Gesundheit der Patienten geführt haben. Kardiologen und Onkologen melden für ihre Patienten, die in der Regel zu einer Risikogruppe gehören, Rückgänge der Termine zwischen 30 und 50 Prozent. Zahnärzte verzeichnen sogar ein Minus von bis zu 80 Prozent. Bei vielen Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen nahmen die Anfragen laut der NDR Umfrage um bis zu 50 Prozent ab. Besonders stark war der Rückgang Mitte März bis Anfang Mai, als viele den Gang zum Arzt aus Sorge über eine Corona-Infektion mieden. Alle Vereinigungen wiesen darauf hin, dass es sich bei den Zahlen nur um Schätzungen handele, bis das laufende Quartal abgerechnet sei.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) befürchtet, dass sich Krankheiten durch den Ausfall von Terminen verschlimmert haben könnten. „Patienten suchten möglicherweise nicht den Hausarzt auf oder erhielten zwar eine Überweisung des Hausarztes zum Onkologen, nahmen diese aber nicht wahr“, sagte der KBV-Vorstandsvorsitzende Andreas Gassen dem NDR. „Patienten, die in der Hochphase der Krise ihre Termine abgesagt haben, werden jetzt als Notfälle angemeldet“, so Heribert Brück vom Bundesverband Niedergelassener Kardiologen (BNK). Der Berufsverband der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen (BNHO) sieht einige Krankheitsbilder, die keinen Aufschub in Diagnostik und Therapie erlaubten. Dies betreffe insbesondere akut verlaufende Erkrankungen wie spezielle Leukämien oder Tumoren, die zu erheblichen Schäden führen könnten, erklärte der BNHO-Vorsitzende Wolfgang Knauf. „Nicht zu vergessen: ein auffälliger Tastbefund in der Brust, der unbedingt rasch abgeklärt werden muss. Im Falle eines Brustkrebses würde bei einer zeitlichen Verschleppung möglicherweise die Chance auf Heilung verspielt.“

Die Kassenärztlichen Vereinigungen und Berufsverbände rufen dazu auf, Facharztbesuche jetzt unbedingt wieder wahrzunehmen – trotz Terminstaus in manchen Praxen. Denn nach den Lockerungen der Beschränkungen füllen sich die Terminkalender der Ärzte inzwischen wieder und viele Patienten holen versäumte Untersuchungen nach. Die Praxen der Kardiologen arbeiten laut ihrem Verband bereits am Limit. Deshalb müssten jetzt vor allem Hausärzte eine Vorauswahl von Patienten nach Dringlichkeit treffen, so der BNK. Hämatologen und Onkologen sehen dagegen keine Engpässe. Die Kassenärztlichen Vereinigungen in Bund und Ländern empfehlen, Termine beizeiten zu vereinbaren, sehen derzeit aber außer etwa bei Psychotherapeuten keine größeren Kapazitätsengpässe. Auch die Kassenzahnärzte äußerten sich in der NDR-Umfrage zuversichtlich, die steigende Nachfrage bewältigen zu können.¹

80% der Digital-Healthcare-Start-ups berichten von höherer Nutzungsfrequenz ihrer Anwendungen

Während deutsche Start-ups branchenübergreifend mit den wirtschaftlichen Auswirkungen von COVID-19 zu kämpfen haben, erkennen Gründer und Investoren aus dem Bereich Digital Healthcare Wachstumspotentiale. Sowohl die hohe öffentliche Aufmerksamkeit für Gesundheitsthemen als auch der Boom digitaler Anwendungen in Zeiten des Social Distancings könnte die Branche rund um Gesundheits-Apps und Telemedizin beflügeln. Eine Umfrage unter deutschen Digital-Healthcare-Start-ups und -Investoren sowie eine Datenanalyse von Strategy&, der Strategieberatung von PwC, zeigt: Die monatlichen Nutzerzahlen von Health- und Fitnessanwendungen sind seit Mitte März in Deutschland um 16% angestiegen. Die Zahl der Digital-Health- und Fitness-App-User erreicht in Deutschland mit 20,4 Mio. einen neuen Höchststand (im Vergleich zu 17,6 Mio. im Vorjahreszeitraum). 80% der Digital-Healthcare-Start-ups berichten zudem, dass ihre Kunden die Apps immer häufiger nutzen. Entsprechend sehen 82% der Befragten die Krise als Chance und 72% rechnen mit höheren Investments in die eigene Sparte im Vergleich zum Vorjahr.

82% der Gründer und Investoren sehen neue Geschäftschancen

„COVID-19 beschleunigt die Digitalisierung in der Medizin in einem enormen Ausmaß. Patienten und Ärzte nutzen aktuell vermehrt virtuelle Behandlungsmöglichkeiten und erkennen deren Vorteile. Daher könnten sich digitale Lösungen auch mittel- und langfristig als Ergänzung traditioneller Methoden etablieren. Ihre Resilienz haben Digital-Healthcare-Start-ups schon während der Finanzkrise mit geringen Finanzierungsrückgängen unter Beweis gestellt. Das aktuelle Stimmungsbild der deutschen Gründerszene bestätigt uns in der Prognose, dass die Ausgaben für digitale Gesundheitslösungen bis 2030 allein in Deutschland ein Marktvolumen von rund 40 Mrd. US-Dollar erreichen werden“, erläutert Dr. Thomas Solbach, Studienautor und Partner bei Strategy&.

Kontaktbeschränkungen und belastetes Gesundheitssystem fördern bei Ärzten und Patienten das Bewusstsein für digitale Angebote

Als größte mittelfristige Wachstumschance betrachten 88% der Interviewten das krisenbedingt deutlich gestiegene Bewusstsein für digitale Angebote in der Bevölkerung, die durch die aktuell hohe Auslastung des Systems verstärkt einen eigenen neuen Zugang zu Gesundheitslösungen finden muss. Solche neuen Wege wie Gesundheits-Apps eröffnen aus der Sicht von 12% der Befragten neue COVID-19-spezifische Geschäftsfelder. Gleichzeitig blicken deutsche Digital-Healthcare-Start-ups realistisch auf die einschränkenden Faktoren der Krise, die sie bewältigen müssen, um die Marktpotentiale voll ausschöpfen zu können. 58% machen sich Sorgen, dass Investoren Venture Capital aus Risikoprojekten zurückziehen. Außerdem befürchtet die Hälfte der Befragten, dass die Kostenträger in der Folge der Krise noch preissensibler agieren.

Im Bereich Marketing und Sales werden kontaktlose Alternativen zu Messen und persönlichen Treffen noch länger eine zentrale Rolle spielen. So berichten 62% der Befragten von COVID-19-bedingten Veränderungen in diesem Bereich. Neue Möglichkeiten bieten Social-Media-Kanäle wie LinkedIn oder auch die digitale Kontaktaufnahme zu Ärzten, die ihre Patienten aktuell nur begrenzt persönlich betreuen können. Die steigenden Nutzerzahlen bei Gesundheits-Apps sollten die Start-ups zudem zeitnah in detaillierte Datenanalysen einfließen lassen, um den medizinischen Mehrwert ihrer Anwendungen zu dokumentieren.

„Für Digital-Healthcare-Start-ups könnte sich die COVID-19-Pandemie als entscheidende Wegmarke in der eigenen Entwicklung erweisen. Um Zertifizierungsprozesse und somit die Einführung innovativer Produkte weiter zu beschleunigen, sind Kooperationen etablierter Gesundheitsunternehmen, wie etwa Pharmafirmen, mit Start-ups denkbar, um langjährige Erfahrung mit innovativen Geschäftsideen zu vereinen. So könnte es gelingen, bürokratische Hürden im Dialog mit den Regulatoren schrittweise abzubauen. Der Weg hin zu einer patientenzentrierten digitalen Medizin mit dem Fokus auf Prävention ist angesichts des aktuellen Digital-Booms selten so klar vorgezeichnet wie heute“, schließt Thomas Solbach.

Methodik

Für die Studie wurden mit Unterstützung des Spitzenverbands Digitale Gesundheitsversorgung e.V. 27 deutsche Digital-Health-Gründer und -Investoren im April 2020 befragt.²

¹Norddeutscher Rundfunk ²Annabelle Kliesing (Senior PR Lead) – PwC Strategy& (Germany) GmbH

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