Helden wider Willen: Regierung mit Pflegeproblem überfordert

Helden wider Willen: Regierung mit Pflegeproblem überfordert

Die Anerkennung, die Wertschätzung, welche die Kanzlerin einfordert, es gibt sie schon. Wo sie bisher fehlte, ist vor allem bei der Bezahlung.Deshalb kann es nur ein Anfang sein, die Ausbildung kostenlos zu gestalten und auch zu vergüten. Und wenn es stimmt, dass Kanzlerin Merkel vor diesem Montag noch nie ein Altenheim besucht hat, wie sie selbst sagt, dann sollte dieser Besuch auch nur der erste von vielen sein.

So eine Videobotschaft ist für die Kanzlerin eine angenehme Art der Öffentlichkeitsarbeit: beruhigende Antworten auf unkritische Fragen. In dieser Woche sprach sie zum Thema Pflege. Angela Merkel (CDU) berichtet, wie ihre Minister – Hubertus Heil (Arbeit), Franziska Giffey (Familie, beide SPD) und Jens Spahn (Gesundheit, CDU) – einen Aktionsplan ausgearbeitet haben. Es werden ad hoc 13.000 neue Stellen geschaffen, die häusliche Pflege wird überarbeitet und vor allem: die Anerkennung für den Beruf solle wachsen. Sie nannte die Pflegekräfte gleich „Helden des Alltags“. Das Video der Kanzlerin wurde vielfach im Internet kommentiert. Ein Kritiker schreibt: „Als ich vor 40 Jahren mein Examen machte, sagte man mir, es gebe einen Pflegenotstand, aber die Politik wird sich darum kümmern.“

Die Versprechen seien die gleichen, schreibt er. Und: „Die Not ist es auch.“ Es gehört in vielen Berufen dazu, über den Arbeitsalltag zu schimpfen, und richtig, viele von den 1,1 Millionen Pflegerinnen und Pfleger in Deutschland erzählen von Zeitmangel und Überstunden, von Lücken in Dienstplänen und vor allem: über ihren Frust um die geringe Bezahlung. Pfleger in Altenheimen bekommen in Westdeutschland rund 2600 Euro brutto im Monat, im Osten Deutschlands zum Teil nur 2000 Euro. Außerdem arbeiten 60 Prozent der Angestellten in Teilzeit. Tarifverträge gibt es nur vereinzelt und die vielen privaten Heim-Betreiber, rund die Hälfte, lehnen das ohnehin komplett ab. Nein, durch das Etikett „Held des Alltags“ wird sich für die Mitarbeiter in dieser Branche nur wenig ändern. Helden, das sind Feuerwehrleute und Polizisten – oder der Mann, der hilft, wenn eine Frau sich bedrängt fühlt oder die Frau, die einen Antisemiten in der U-Bahn zurechtweist. Für die Anstecknadel „Held des Alltags“ kann sich eine gute Altenpflegerin aber nichts kaufen. Die Kanzlerin sagt im Video, sie werde am Montag ein Wahlversprechen einlösen – und ein Altenheim besuchen.

Ja, wenn sich alle Wahlversprechen so einfach lösen ließen. Es bleibt zu hoffen, sie hört in Paderborn genau hin, was der Pfleger Ferdi Cebi, der sie einst in der Kanzlerarena eingeladen hat, ihr zu erzählen hat. Er wird ihr nicht nur von der harten Arbeit, den Gerüchen und den Überstunden erzählen. Er gehört nicht zu denen, die nur schimpfen. Schließlich bekommt er auf zwischenmenschlicher Ebene viel zurück. Denn die Pflege ist eine Arbeit, der auch viel Dankbarkeit entgegengebracht wird. Die „Helden“ müssen davon erzählen, nicht nur der Kanzlerin, sondern allen. Zum Beispiel von der älteren Dame, die einen Brief mit schnörkeliger Schrift an ihren Pfleger gab: „Sie pflegen mich seit fünf Jahren und sind immer freundlich. 1000 Dank.“ Daran klebte ein Kinogutschein für zwei. Oder wie es Ferdi Cebi selbst erzählte: Er bekommt von seinen Schützlingen auch Dating-Tipps. Der Pflegeberuf muss nicht „cool“ werden, wie es Ministerin Giffey es gern hätte.

Die Pfleger müssen auch nicht zu „Helden“ werden. Der Beruf könnte von sich aus strahlen, wenn die Geschichten, die er erzählt, solche sind, die man selbst gern erleben möchte. Die Anerkennung, die Wertschätzung, welche die Kanzlerin einfordert, es gibt sie schon. Wo sie bisher fehlte, ist vor allem bei der Bezahlung. Deshalb kann es nur ein Anfang sein, die Ausbildung kostenlos zu gestalten und auch zu vergüten. Und wenn es stimmt, dass Kanzlerin Merkel vor diesem Montag noch nie ein Altenheim besucht hat, wie sie selbst sagt, dann sollte dieser Besuch auch nur der erste von vielen sein. Sören Kittel – Berliner Morgenpost

Kanzlerin Merkel: „Pflegende sind Helden unseres Alltags“

Eine gute und verlässliche Pflege ist für unsere Gesellschaft von besonderer Bedeutung, sagt Bundeskanzlerin Merkel in ihrem neuen Podcast. Deshalb lege die Bundesregierung einen Schwerpunkt ihrer Arbeit darauf, die Bedingungen für die professionelle und die häusliche Pflege zu verbessern.

Pflegende Angehörige müssten „viele Dinge unter einen Hut bringen: berufliche Arbeit, vielleicht Erziehung von Kindern und auch noch die Pflege“, so die Kanzlerin. Es gehe darum, die Bedingungen für die häusliche Pflege so gut wie möglich auszugestalten und die gesellschaftliche Anerkennung zu verbessern. Pflegende seien „wirklich Helden unseres Alltags“.

Der Pflegeberuf müsse attraktiver werden, sagt die Kanzlerin und weist darauf hin, dass die kostenlose Ausbildung mit Vergütung eingeführt werde. Sie freue sich, dass die Zahl der Bewerber an den Ausbildungsstätten steigt.

In einem Sofortprogramm will die Bundesregierung zunächst 13.000 neue Stellen für Pflegeeinrichtungen schaffen, um dem Personalmangel zu begegnen. Pflegeeinrichtungen sollen auch bei der Digitalisierung finanziell unterstützt werden. „Denn wir wollen, dass sich die Pflegekräfte auf die Arbeit mit den Menschen konzentrieren können“, so die Kanzlerin.

Kanzlerin Merkel wird in der kommenden Woche eine Pflegeeinrichtung in Paderborn besuchen. Sie kommt damit der Einladung des Altenpflegers Ferdi Cebi nach. In einer Fernsehsendung hatte die Bundeskanzlerin zugesagt, ihn am Arbeitsplatz zu besuchen, um einen Einblick in den Alltag des Pflegeberufs zu bekommen. Sie freue sich auf diesen Besuch und wolle damit auch ihre Wertschätzung für die Pflegeberufe deutlich machen, sagt Merkel.

Bundesgesundheitsminister Spahn hat zusammen mit Familienministerin Giffey und Arbeitsminister Heil die „Aktion Pflege“ ins Leben gerufen – für mehr Wertschätzung, bessere Arbeitsbedingungen und gerechte Bezahlung. Deutsche Bundesregierung

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