Klöckners sogenannte Reduktionsstrategie – ein Geschenk an die Lebensmittelkonzerne

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Klöckners sogenannte Reduktionsstrategie – ein Geschenk an die Lebensmittelkonzerne

Das Bundeskabinett hat die „Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie für Zucker, Fette und Salz in Fertigprodukten“ von Bundesernährungsministerin Julia Klöckner auf den Weg gebracht. Erklärtes Ziel der Strategie ist es, „eine gesunde Lebensweise zu fördern“ und „den Anteil der Übergewichtigen und Adipösen in der Bevölkerung zu senken“.

Dazu erklärt Martin Rücker, Geschäftsführer der Verbraucherorganisation foodwatch:

„Jetzt ist es also amtlich: Diese Ministerin ist gesundheitsgefährdend. Julia Klöckner hat es mit einem massiven Gesundheitsproblem zu tun und unterlässt es zu handeln – sie belässt es dabei, bei der Lebensmittelindustrie lieb ‚Bittebitte‘ zu sagen. Die Zuckerlobby, Nestlé oder Coca-Cola dürften ihr Glück kaum fassen, dass die Ministerin die Verantwortlichen für ein krankmachendes Nahrungsmittelangebot so billig davonkommen lässt. Jeder weiß, dass freiwillige Selbstverpflichtungen scheitern – gerade erst ist die freiwillige Reduktionsstrategie in den Niederlanden gefloppt. Frau Klöckner nimmt grassierendes Übergewicht, Diabeteserkrankungen und frühzeitige Todesfälle billigend in Kauf. Sie ignoriert die Stimmen von Medizinern und Ernährungsexperten und trägt damit eine wesentliche Mitverantwortung für die Misere.

Seit Jahren fordern Ärzte, Fachgesellschaften und die Weltgesundheitsorganisation wirksame Maßnahmen im Kampf gegen Fehlernährung und Fettleibigkeit: Eine leicht verständliche Ampelkennzeichnung für Zucker, Fett und Salz, eine Limo-Steuer und eine Reduktion der Mehrwertsteuer für Obst und Gemüse, ein Verbot der an Kinder gerichteten Werbung für unausgewogene Produkte. Andere Länder machen Ernst im Kampf gegen Fettleibigkeit: Frankreich und Spanien führen eine Lebensmittelampel ein, Chile beschränkt die Werbung an Kinder und Großbritannien besteuert überzuckerte Limonaden. Deutschland, das Land der Zuckerrübenbauern, bleibt hoffnungslos rückständig.

Was soll eigentlich das Gefasel von Innovationen? Es geht darum, dass scheinbar gesunde Frühstücksflocken für Kinder gerne mal 35 Prozent Zucker enthalten. Um das Problem zu lösen, bedarf es keiner Innovationen. Frau Klöckner betreibt knallharte Interessenpolitik für Zuckerrübenbauern und Lebensmittelindustrie.

Selbst die jetzt nur freiwillig gesetzten Ziele sind viel zu lasch. Überzuckerte Frühstücksflocken mit 20 Prozent weniger Zucker bleiben immer noch überzuckerte Frühstücksflocken. Die Fanta enthält bei uns etwa doppelt so viel Zucker wie in Großbritannien, nachdem dort eine Limo-Steuer eingeführt wurde. Selbst mit der jetzt versprochenen Reduktion würde Fanta in Deutschland immer noch viel mehr Zucker als nötig enthalten – und immer noch viel mehr als in England. Frau Klöckner aber redet lieber über Innovationen. Mit ihrer Strategie, bei der es nur vorgeblich um ein gesünderes Lebensmittelangebot geht, macht die Ministerin der Lebensmittellobby ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk.“

Hintergrund:

Das als „Strategie“ bezeichnete Papier von Bundesernährungsministerin Julia Klöckner bleibt meilenweit hinter den Forderungen und Empfehlungen der medizinischen Fachwelt zur Bekämpfung von Übergewicht und Adipositas zurück. Schon seit Jahren fordern medizinische Fachgesellschaften oder auch die Weltgesundheitsorganisation wirksame politische Maßnahmen ein. Im Mai dieses Jahres hatte ein breites Bündnis aus Fachorganisationen und mehr als 2.000 Ärztinnen und Ärzten in einem Offenen Brief von der Bundesregierung politische Maßnahmen gefordert:

  • eine Lebensmittelampel
  • Beschränkungen der an Kinder gerichteten Werbung
  • eine „Limo-Steuer“

All dies findet sich in Frau Klöckners Papier nicht wieder. Stattdessen setzt das Ministerium nur auf eine freiwillige Selbstverpflichtung der Ernährungsbranche.

Das Beispiel Großbritannien zeigt, dass eine Limo-Steuer wirkt: Dort hat ein Großteil der Hersteller den Zuckergehalt seiner Getränke reduziert. Der britische Marktführer Coca-Cola zum Beispiel hat den Zuckergehalt seiner Getränke Fanta und Sprite seitdem unter die 5-Gramm-Marke gesenkt (Fanta von 6,9 auf 4,6 Gramm und Sprite von 6,6 Gramm auf 3,3 Gramm). In Deutschland hingegen enthalten Fanta und Sprite fast doppelt so viel Zucker: aktuell mehr als 9 Gramm.¹

Zu der von Bundesministerin Julia Klöckner heute im Kabinett verabschiedeten nationalen Reduktions- und Innovationsstrategie für Zucker, Fette und Salz in Fertigprodukten erklärt Renate Künast, Sprecherin für Ernährungspolitik:

Das heute verabschiedete Papier ist ein Geschenk der Bundesministerin an die Lebensmittelkonzerne, denn sie kommen wieder mal billig davon. Dabei wäre es Aufgabe der Ministerin, die Kinder zu schützen. Die Reduktionsstrategie basiert fast ausschließlich auf freiwilligen Selbstverpflichtungen der Wirtschaft für kleine Schritte, die erst bis zum Jahr 2025 umgesetzt werden sollen. Sie ist gänzlich unverbindlich, ihre Umsetzung liegt in weiter Ferne und für Kinder ist fast nichts erreicht.

Bei stark zuckerhaltigen Produkten wie Limonaden etc. soll die Wirtschaft den Zucker im „deutlich“ zweistelligen prozentualen Bereich reduzieren. Wie viel genau sie darunter versteht, bleibt ihr damit selbst überlassen. Richtig wäre eine verbindliche Reduzierung nicht um 10 bis 15 %, sondern um die Hälfte, also 50 %. Und gerade bei sogenannten Kinderlebensmitteln fehlen ausreichende Zielvorgaben zur Zuckerreduktion.

Das Resultat ist eine Reduktionsstrategie voller Wortklaubereien und Absichtserklärungen, die die Wirtschaft nun ganz zu ihrem eigenen Wohle deuten und umsetzen kann. Die Lebensmittelindustrie kann nun die Schritte tun, die sie auf Druck der Zivilgesellschaft und der Kinderärzte sowieso bereits angekündigt hat. Nur das Frau Klöckner daraus jetzt noch eine PR-Aktion macht. Die Bundesministerin hat sich damit als gute Freundin der Interessen der Lebensmittelindustrie empfohlen. Aber das Wohl und die Gesundheit der Verbraucherinnen und Verbraucher, insbesondere der Kinder, bleiben auf der Stecke.²

¹foodwatch e.V. ²Bündnis 90/Die Grünen

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