Krankenversicherung: In der Beitragsfalle

PKV Beitragsanpassungen 2017: Private Krankenversicherung Wechsel sinnvoll?

Krankenversicherung: In der Beitragsfalle

Und nun treffen die Auswirkungen der Schrumpfrenditen auch noch Millionen Menschen mit einer privaten Krankenversicherung (PKV). Die niedrigen Zinsen setzen die Anbieter so unter Druck, dass sie die Zusagen für die Verzinsung der Altersreserven nicht mehr erwirtschaften können. Die Rechnung bekommen die Versicherten. Sie werden letztlich dafür zur Kasse gebeten, dass sich Staaten im Euroraum billig verschulden können. Doppelt bitter wirkt sich diese groteske Entwicklung für Leute aus, die bereits seit Jahren mit regelmäßigen und teilweise zweistelligen Erhöhungen konfrontiert sind. Es ist in der privaten Krankenversicherung keine Seltenheit, dass sich die Beiträge während des Arbeitslebens verdreifachen. Und zwar nicht wegen der EZB, sondern weil die Gesundheitskosten stetig steigen.

Und weil die Versicherer die Jungen mit Billigtarifen locken, die sie dann über höhere Beiträge bei den Älteren quer subventionieren. Wer mit 35 Jahren bei 600 Euro monatlich startet, liegt dann mit 65 kurz vor Renteneintritt bei 1800 Euro – Monat für Monat. Wohl dem, der bis dahin ein sechsstelliges Vermögen ansparen konnte. Oder dem, der durch einen Tarifwechsel bei seinem Versicherer eine deutliche Beitragssenkung durchsetzen kann – ohne Leistungskürzungen, die ihn in die Holzklasse des Gesundheitssystems katapultieren. Eines ist unbestreitbar: Privatpatienten sitzen in der ersten Reihe. Chefarztbehandlung im Krankenhaus, volle Erstattung beim Zahnersatz, keine Einschränkungen bei Medikamenten, deutlich kürzere Wartezeiten beim Facharzt – die Privaten genießen im Vergleich zu den Kassenpatienten eine Deluxe-Behandlung. Sie sind die Privilegierten in unserem Zwei-Klassen-Gesundheitssystem. Und in den Praxen sind sie gern gesehen, weil die Ärzte deutlich mehr abrechnen können als bei den gesetzlich Versicherten. Manche Mediziner zeigen ihre Wertschätzung sogar in Form eigener Wartezimmer, wo die Privaten im Expresstempo an der Warteschlange vorbeigeschleust werden. Sie besitzen ein Ticket für die erste Klasse.

Doch die Vollkasko hat zwangsläufig einen höheren Preis, der im Falle der PKV mit dem Alter immer mehr steigt. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet jetzt eine neue Debatte über eine Bürgerversicherung entbrennt. Befeuert wurde sie von den Befürwortern des bisherigen zweigeteilten Systems mit der Warnung vor dem Verlust Zehntausender Arbeitsplätze für den Fall, dass eine „Volksversicherung“ kommt. Man will schon einmal Pflöcke einrammen für den nahenden Bundestagswahlkampf, wenn die Anhänger der Bürgerversicherung versuchen, mit dem Gerechtigkeitsthema zu punkten. Denn bei kaum einem anderen Bereich reagieren die Deutschen so sensibel wie bei der Zwei-Klassen-Medizin, wo es nicht nur um Luxus, sondern letztlich um Leib und Leben geht. Die Bürgerversicherung klingt außerdem verlockend, weil sich die Beitragsbasis für eine Einheitskrankenkasse um Millionen Einzahler verbreitern ließe. Damit könnte man die Beiträge zumindest für den Zeitraum einer Legislaturperiode senken oder wenigstens stabilisieren. Eines ist jedoch auch klar: Eine Abschaffung der PKV wäre ein Verlust der Wahlfreiheit für viele Bürger – und ein Mehr an staatlicher Bevormundung statt Vielfalt. Bei jeder Medizin empfiehlt sich der Blick auf die Packungsbeilage und die Nebenwirkungen. Wer die Bürgerversicherung als Heilmittel anpreist, muss der Ehrlichkeit halber darauf hinweisen, dass sie ein Kernproblem des Gesundheitssystems vielleicht vorübergehend lindert, aber nicht löst: den stetigen Anstieg der Kosten bedingt durch den demografischen Wandel sowie durch neue und teure Therapien.

Die Wahrheit ist, dass die Beiträge in Zukunft weiter klettern werden, wenn man das Behandlungsniveau nicht antasten will – egal ob gesetzlich-, privat- oder bürgerversichert. Nicht jedem dürfte bewusst sein, wie viel Fantasie der Gesetzgeber schon jetzt beweist, um die Leute hinterrücks abzukassieren. So langen die gesetzlichen Krankenkassen mit dem vollen Beitrag zu, wenn einem Versicherten bei Renteneintritt eine betriebliche Lebensversicherung ausgezahlt wird. Auf einen Schlag werden dann fünfstellige Summen fällig. Privatpatienten dagegen bleibt diese böse Überraschung erspart. Diese Extragebühr wird exklusiv in der medizinischen Holzklasse fällig. Stefan Stark – Mittelbayerische Zeitung

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