Patientenschützer fordern Konsequenzen aus dem Fall des Serienmörders Högel

Brysch drängt auf Anlaufstelle für Hinweisgeber und "Kultur des Hinschauens"

Patientenschützer fordern Konsequenzen aus dem Fall des Serienmörders Högel

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz drängt auf weitere Konsequenzen aus der Mordserie des ehemaligen Krankenpflegers Niels Högel, gegen den an diesem Donnerstag in Oldenburg ein weiteres Urteil ergehen soll. Vorstand Eugen Brysch sagte der „Neuen Osnabrücker Zeitung“: „Um mögliche Täter abzuschrecken, muss in Kliniken und Heimen eine Kultur des Hinschauens gelebt werden. Dabei sind alle gefragt, vom Pflegehelfer bis zur Geschäftsleitung. Eine offene Fehlerkultur schafft kein Misstrauen, sondern stärkt das Team.“

Auch Bund und Länder müssten endlich Konsequenzen ziehen, so Brysch weiter. Er forderte länderübergreifende, einheitliche Lösungen für alle 2.000 Krankenhäuser und 14.500 Pflegeheime. „Für alle Einrichtungen braucht es eine unabhängige und externe Anlaufstelle, bei der anonyme Hinweisgeber verdächtige Vorkommnisse melden können.“

Brysch drängte außerdem auf eine lückenlose, standardisierte, elektronische Kontrolle der Medikamentenabgabe. Auch müsse eine amtsärztliche, qualifizierte Leichenschau verbindlich vorgeschrieben werden. Zudem sei es an der Zeit, „dass in allen Ländern endlich Schwerpunktstaatsanwaltschaften und zentrale Ermittlungsgruppen für Delikte in Pflege und Medizin eingerichtet werden. Die Schwächsten in der Gesellschaft müssen geschützt werden“.¹

Krankenpfleger Niels Högel

Die Dimension dieses Kriminalfalls ist beispiellos. Auf 67 Friedhöfen ließ die Staatsanwaltschaft 134 Tote exhumieren, um sie rechtsmedizinisch untersuchen zu lassen. Mindestens 86 dieser Menschen, davon ist die Sonderkommission »Kardio« der Oldenburger Polizei überzeugt, wurden von Krankenpfleger Niels Högel (40) getötet. Für zwei Patientenmorde war Högel bereits 2015 zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Doch die Kripo ermittelte weiter und gab gestern das erschreckende Ergebnis bekannt. Der Fall Högel – er steht nicht nur für den mutmaßlich schlimmsten Serienmörder der deutschen Kriminalgeschichte. Er ist auch ein besonders drastisches Beispiel für das Wegsehen, für tödliches Versagen von Verantwortlichen in Krankenhäusern. Denn mancher ahnte wohl das Unfassbare, aber niemand unternahm etwas – und deshalb konnte Högel, davon ist die Kripo überzeugt, unbehelligt weitertöten.

Das Verdrängen des Unfassbaren, selbst unter Inkaufnahme weiterer Opfer, ist dem Krankenhauswesen nicht fremd. »Sehen, Hören, Schweigen« heißt eines der Bücher von Prof. Karl Beine. Der Psychiater erforscht seit Jahrzehnten Patiententötungen durch Ärzte und Pfleger – wie den Fall von Gütersloh: Schon lange gab es in der dortigen Westfälischen Klinik für Psychiatrie Gerüchte um einen Pfleger, in dessen Schicht auffallend oft Patienten starben. Dann fanden Krankenschwestern im September 1990 nach dem Beinahetod eines Patienten drei leere Ampullen in einem Papierkorb. Sie wandten sich mit ihrem Verdacht an die Klinikleitung, die aber weder die Polizei noch den Krankenhausträger informierte und den Pfleger weitermachen ließ. Bis er Monate später eine weitere Frau totspritzte, aufflog und festgenommen wurde. Bis dahin hatte der Mann zehn Patienten umgebracht. Von seiner Strafe – 15 Jahre wegen Totschlags – saß der Krankenpfleger zehn Jahre ab, 2000 kam er frei. Damals blieb das Nichthandeln der Verantwortlichen ohne juristische Folgen. Zumindest das hat sich inzwischen geändert.

Im Fall Niels Högel kommen demnächst zwei frühere Oberärzte und der Leiter der Intensivstation des Klinikums Delmenhorst vor Gericht – wegen Totschlags durch Unterlassen. Sie sollen Niels Högel aus Angst um den Ruf der Klinik nicht gestoppt haben. Mordserien in Krankenhäusern – sie lassen sich am ehesten aufdecken, wenn es nach jedem Patiententod eine gewissenhafte Leichenschau gibt. Und wenn das Thema Patiententötung nicht tabu ist, sondern die Klinikleitung Mitarbeiter verpflichtet, Unregelmäßigkeiten zu melden – unter Umständen auch anonym. Denn jedem Ärztlichen Direktor, jedem Klinikvorstand sollte bewusst sein, dass es einen Niels Högel auch im eigenen Haus geben kann.²

¹Neue Osnabrücker Zeitung ²Westfalen-Blatt

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