Spahn beauftragt Selbstverwaltung mit Psychotherapie-Reform

Gesundheitsminister zieht eigenen Gesetzentwurf zurück: "Ärzte und Kassen sind jetzt am Zuge" - Lauterbach kündigt eigenen Vorschlag an

Spahn beauftragt Selbstverwaltung mit Psychotherapie-Reform

Nach seinem gescheiterten Versuch, den Zugang zu Psychotherapien neu zu regeln, hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die medizinische Selbstverwaltung mit der Reform beauftragt. Der Gemeinsame Bundesausschuss solle Vorschläge ausarbeiten, um „die Behandlung besser zu strukturieren und zu koordinieren“ sagte Spahn im Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“: „Die Selbstverwaltung der Ärzte, Krankenkassen und Kliniken ist jetzt am Zuge.“

Der Auftrag wurde in den Gesetzentwurf zur Reform der Psychotherapeutenausbildung aufgenommen, der an diesem Mittwoch (27.2.) ins Kabinett geht. „Der Gesetzgebungsprozess startet“, sagte Spahn. „Psychisch kranke Menschen dürfen nicht durchs System irren, bevor sie Hilfe bekommen“, begründete er seinen neuen Anlauf und gab das Ziel vor: „Ihre ersten Anlaufstellen, ob Hausarzt, Psychotherapeut, Suchtberatungsstelle oder Familiendienst, müssen besser zusammen arbeiten.“

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach begrüßte, dass Spahn seinen eigenen Gesetzentwurf, der angeblich neue Hürden für Psychotherapien vorsah, zurückgezogen hat: „Es ist gut, dass der Vorschlag des Gesundheitsministers jetzt vom Tisch ist“, sagte Lauterbach der „NOZ“. Allerdings werde er nicht akzeptieren, dass Ärzte, Kassen und Kliniken die Reform übernehmen sollen. „Die Versorgung schwer psychisch Kranker zu verbessern ist eine politische Aufgabe. Die dürfen wir nicht an die Selbstverwaltung abschieben, weil wir uns nicht einigen können“, sagte Lauterbach. Das Problem habe sich über Jahrzehnte aufgebaut und dürfe nicht mehr auf die lange Bank geschoben werden.

Auch die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) zeigte sich erleichtert über das Aus für Spahns eigenen Gesetzentwurf. „Wer eine psychotherapeutische Behandlung braucht, wartet in Deutschland in ländlichen Regionen fünf bis sechs Monate. Dieses Problem lässt sich nicht durch zusätzliche Hürden beim Zugang zur psychotherapeutischen Behandlung lösen“, sagte BPtK-Präsident Dietrich Munz der „NOZ“. „Wir sind sehr froh, dass Herr Spahn diesen Ansatz fallen lässt.“

Die BPtK fordert deutliche Verbesserungen für Menschen mit schweren psychischen Leiden. „Für Patienten, die nicht nur Psychotherapie und Pharmakotherapie brauchen, sondern darüber hinaus soziotherapeutische Unterstützung, psychiatrische Krankenpflege, Ergotherapie und die Angebote der Gemeindepsychiatrie, gibt es im ambulanten Bereich keine koordinierten Behandlungsangebote“, kritisierte Munz. Bisher fehlten dafür alle Voraussetzungen – von der Beschreibung der dafür notwendigen Leistungen bis zu deren Vergütung. „Wenn Herr Spahn dieses Problem aufgreift, wäre das gut“, sagte der BPtK-Präsident der „NOZ“.¹

Spahn rüttelt an medizinischen Grundfesten

Gesetzentwurf untergräbt das medizinische Ausbildungssystem

Die Reform der Psychotherapeutenausbildung ist nach 20 Jahren überfällig. Mit dem Gesetzentwurf zur Psychotherapie hat Gesundheitsminister Jens Spahn aber erneut einen Vorschlag unterbreitet, der das medizinische Versorgungssystem in den Grundfesten untergräbt. Offenbar plant der Minister einen neuen Heilberuf parallel zur Ärzteschaft. Die Ausbildung soll näher an die ärztliche Aus- und Weiterbildung heranrücken. Damit wird eine Trennung zwischen seelischer und somatischer Versorgung herbeigeführt, die einer gewünschten und medizinisch erforderlichen, ganzheitlichen Betreuung der Patienten entgegenläuft. Kernelement der medizinischen Ausbildung ist das bio-psycho-soziale Verständnis von Gesundheit und Krankheit.

Im aktuellen Versorgungssystem ist der Hausarzt anerkannter Koordinator der medizinischen Betreuung von Patienten. Hausärzte arbeiten lebensbegleitend eng mit ihren Patienten zusammen. Sie sind für die Patienten der zentrale Partner in der Gesundheitsversorgung. Spahn plant dagegen eine Zerstückelung der Zuständigkeit. Psychotherapeuten sollen die seelische Gesundheit koordinieren, obwohl es sich nur um ein Therapieverfahren handelt.

„Konterkariert“ bewertet der Hausärzteverband den Entwurf. Er widerspricht der Lebenswirklichkeit und der komplexen Erkrankungswirklichkeit innerhalb des Gesundheitssystems.

Der vorliegende Gesetzentwurf unterstützt die Zulassung von Modellstudiengängen der Psychotherapie, die die Kompetenzen zur Verordnung von Psychopharmaka vermitteln sollen. Der Hausärzteverband Nordrhein lehnt dies grundsätzlich ab. Damit erfolgt eine weitere, nicht sachgerechte Annäherung an das ärztliche Berufsbild. Die Verordnung von Arzneimitteln setzt eine umfassende medizinische Ausbildung voraus. Das geplante Vorgehen ist ein massiver Eingriff in die Verordnungssicherheit und damit in die Versorgungsqualität der Bürgerinnen und Bürger. Diese Erweiterung der Befugnis ist umso unverständlicher, da die Psychotherapeutenverbände und die Bundespsychotherapeutenkammer sie ablehnen und es eine gegenteilige Empfehlung eines vom Bundesgesundheitsministerium bereits 2009 in Auftrag gegebenen Gutachtens gibt.

Mit dem vorliegenden Reformvorschlag wird die Kompetenz der Ärzteschaft düpiert. Gleichzeitig bürdet der Gesetzgeber den Hochschulen eine Ausbildung auf ohne die Finanzierung für die nachfolgende Weiterbildung zu sichern.²

Reform der Psychotherapeutenausbildung grundlegend überarbeiten

Marburger Bund lehnt geplante Neuregelung ab

Der Marburger Bund befürchtet eine Zersplitterung der somatischen und psychischen Behandlungskompetenz, wenn die geplante Reform der Ausbildung psychologischer Psychotherapeuten nicht geändert wird. Der vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) vorgelegte Referentenentwurf zum Gesetz zur Reform der Psychotherapeutenausbildung sei zu verwerfen und grundlegend neu zu konzipieren, fordert der größte deutsche Ärzteverband in einer Stellungnahme. Die geplante Neuregelung zielt auf ein Studium auf Masterniveau ab, dem ein Staatsexamen mit anschließender Erteilung der Approbation folgen kann.

„Eine unserer zentralen Forderungen bei der Novellierung des Psychotherapeutengesetzes ist die Aufrechterhaltung des integrierten bio-psycho-sozialen Versorgungsmodells und keine Aufspaltung der Versorgung in eine Versorgung für die somatischen Erkrankungen und psychischen Störungen“, bekräftigt der Verband der angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte. Menschen mit psychischen und psychosomatischen Erkrankungen benötigten ein bedarfsgerechtes Versorgungsangebot. Neben der Pharmakotherapie, den biologischen Verfahren und psychosozialen Interventionen stelle die Psychotherapie eine zentrale ärztliche Behandlungsoption dar, die breit in der ärztlichen Weiterbildung und Versorgung verankert sei und zu den genuinen ärztlichen Aufgaben zähle.

Der Referentenentwurf sieht auch eine Regelung vor, nach der die zuständigen Landesbehörden Modellstudiengänge zulassen können, in denen die neuen psychologischen Psychotherapeuten auch auf das Verordnen von Psychopharmaka vorbereitet werden sollen. „Einen solchen Modellstudiengang lehnen wir ab. Dieser Ansatz ist bereits im Sinne der Patientensicherheit nicht vertretbar. Jede Pharmakotherapie ist eine hochkomplexe Form der Heilbehandlung, die besondere und umfassende Kenntnisse der medizinischen Grundlagen und der Anwendungspraxis erfordert und stets in die Hand von Ärztinnen und Ärzte gehört“, stellt der MB in seiner Stellungnahme klar.³

¹Neue Osnabrücker Zeitung ²Hausärzteverband Nordrhein e.V. ³Marburger Bund – Verband der angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte Deutschlands e.V. – Bundesverband

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