Armutsrisiko Frausein / Armut hat oft ein weibliches Gesicht

Volkswirte sehen Rentenpolitik mit Skepsis

Armutsrisiko Frausein / Armut hat oft ein weibliches Gesicht

Das Armutsrisiko von Frauen liegt weiterhin deutlich über dem der Männer – darauf machten anlässlich einer gemeinsamen Tagung in Berlin der Deutsche Caritasverband (DCV), der Katholische Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit (IN VIA) und der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) aufmerksam. „Armut hat oft ein weibliches Gesicht“, so das Fazit der Verbände. „Armut beginnt für Frauen sehr häufig dann, wenn familiäre Konstellationen die eigene Berufsbiografie behindern, oder die Entlohnung so niedrig ist, dass sie auch bei Alleinstehenden für eine eigenständige Existenzsicherung nicht ausreicht.

Frauen tragen weiterhin den deutlich höheren Anteil an Sorge- und Pflegeaufgaben. Elternzeiten und die Pflege von Angehörigen führen dazu, dass Frauen gar nicht, nur in Teilzeit oder in Minijobs erwerbstätig sind. Eine eigenständige wirtschaftliche Existenz und eine auskömmliche Rente können sie damit nicht erwirtschaften. Bei Krankheit und Tod des Partners sowie nach Trennungen führt dies für sie oft in finanzielle Not.

„Der berufliche Wiedereinstieg von Frauen ist immer noch durch tradierte Rollenbilder in Betrieben und in Familien erschwert. Es braucht gezielte Unterstützungsmodelle. Dazu gehört für uns, dass vollzeitnahe oder Vollzeiterwerbstätigkeit für Mütter und die Übernahme von Leitungsaufgaben auch in Teilzeit aktiv gefördert werden“, fordert Renate Jachmann-Willmer, Bundesgeschäftsführerin des SkF. Zudem müsse die Bezahlung in den Sorge- und Pflegeberufen, in denen zumeist Frauen tätig sind, deutlich angehoben werden.

Die Armutsgefährdung nach Trennung und Scheidung ist deutlich erhöht. In Familien, in denen die Sorge für die Kinder bei einem Elternteil alleine liegt, reicht – wie in anderen Einverdienerhaushalten – das Einkommen häufig nicht zur Existenzsicherung. Besonders Frauen sind stark betroffen, da die Kinder meist bei ihnen leben. Es ist für sie schwierig, eine existenzsichernde Arbeit zu finden, weil zeitlich flexible Kinderbetreuungsplätze sowie kreative Zeitmodelle bei potenziellen Arbeitgebern fehlen. „Neben einer verlässlichen Kinderbetreuung ist eine angemessene Arbeitsteilung der Sorge- und Erziehungsarbeit zwischen den Eltern eine wichtige Voraussetzung für den Zugang zur Erwerbsarbeit. Fehlanreize bei der Familienbesteuerung und der Familienförderung sowie die sogenannten Minijobs, die das Partnerschaftsmodell der Zuverdienstehe begünstigen, sind zu beheben“, erklärt IN VIA-Generalsekretärin Marion Paar.

„Wir brauchen eine Abschaffung der Steuerklasse V, eine Reform des Ehegüterrechts zur Errungenschaftsgemeinschaft“, unterstreicht Eva M. Welskop-Deffaa, Vorstand Sozial- und Fachpolitik des DCV. „Zeiten der Kindererziehung und der Sorge für Angehörige sind bei der Rente stärker zu berücksichtigen. Vorschläge zur Einführung eines permanenten Versorgungsausgleichs in der gesetzlichen Rentenversicherung, die seit Jahren diskutiert werden, müssen von der Rentenkommission der Bundesregierung endlich aufgegriffen werden.“¹

Volkswirte sehen Rentenpolitik mit Skepsis

Deutschlands Wirtschaftswissenschaftler lehnen die Rentenpolitik der schwarz-roten Koalition mehrheitlich ab. Das zeigt das aktuelle Ökonomen-Panel, eine regelmäßige Befragung des ifo Instituts und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

„Viele Kollegen sind um die Finanzierung des Rentensystems besorgt“, sagte der ifo-Ökonom Niklas Potrafke, der die Umfrage betreut. „Eine sehr häufig empfohlene Maßnahme zur langfristigen Finanzierung des Rentensystems ist, das Renteneintrittsalter deutlich anzuheben.“ Vom Vorstoß von Finanzminister Olaf Scholz (SPD), auch über das Jahr 2025 hinaus das Rentenniveau bei 48 Prozent des Durchschnittseinkommens zu stabilisieren, hält eine große Mehrheit (61 Prozent) nichts oder eher nichts, nur 19 Prozent stimmen ihm zu. Scholz‘ Idee für einen mit Steuergeld finanzierten Fonds (Demographie-Reserve), um das aktuelle Rentenniveau bis 2040 zu halten, lehnen fast 60 Prozent ab. Der Tenor vieler Antworten ist, dass die „GroKo“ der alternden Bevölkerung viele Versprechen macht, die finanziell schwer haltbar sind und die jüngeren und künftigen Generationen belasten.

Auf die Frage, was die Ökonomen der Politik empfehlen würden, um die gesetzliche Rente langfristig zu finanzieren, lautet die häufigste Antwort: ein späteres Rentenalter (38 Prozent). Dabei wird oft 70 Jahre genannt, andere halten 69 oder 68 Jahre für angemessen. Für noch höhere Rentenbeiträge plädiert nur jeder zehnte der Befragten, höhere Steuerzuschüsse würden nur 13 Prozent empfehlen, mehr Zuwanderung halten 19 Prozent für eine Lösung. Die Wirtschaftswissenschaftler erwarten aber etwas anderes als ihre Vorschläge. Mehr als ein Drittel erwartet höhere Steuerzuschüsse, knapp ein Viertel höhere Rentenbeiträge, nur 15 Prozent ein steigendes Renteneintrittsalter. Eine relative Mehrheit bedauert, dass der Zusammenhang zwischen eingezahlten Beiträgen und späteren Rentenansprüchen immer mehr gelockert wird. Der Ausspruch von Scholz, stabile Renten seien ein Beitrag, um einen „deutschen Trump“ zu verhindern, wird nur von einer kleinen Minderheit voll und ganz unterstützt, von 7 Prozent
Altersarmut ist in Deutschland nach Einschätzung der Ökonomen gegenwärtig noch kein großes Problem, diese Ansicht vertreten 78 Prozent. In Zukunft könnte das Problem aber groß werden, sagen 46 Prozent. Um das zu verhindern, wären eben Reformen nötig. 49 Prozent befürworten, dass neben der gesetzlichen Rente eine private oder betriebliche Altersvorsorge für jeden zur Pflicht werden sollte.

In den Antworten der Ökonomen spiegelt sich insgesamt große Unzufriedenheit mit der Rentenpolitik der Koalition wider. Teils gehen sie sehr harsch mit der Regierung ins Gericht. „Die GroKo macht Politik für die Alten und vergisst die Jungen“, sagte der Verteilungsforscher Andreas Peichl vom ifo Institut. Gerhard Wegner von der Universität Erfurt monierte: „Leider verlässt die Politik den Reformpfad der vergangenen Jahre.“ Oliver Landmann von der Universität Freiburg kritisierte, die Koalition betreibe „Vogel-Strauß-Politik“. Der Kieler Ökonom Rolf Langhammer warnte, die von der Koalition versprochenen „doppelten Haltelinien“ (keine höheren Beiträge als 20 Prozent und ein Rentenniveau von mindestens 48 Prozent) würden nicht halten, weil sie auf unrealistischen Annahmen beruhten. Der Konstanzer Gesundheitsökonom Friedrich Breyer verwies auf die demographischen Probleme: „Eine Generation, die nicht für genügend Nachwuchs gesorgt hat, kann im Alter von ihren Kindern keine üppige Versorgung erwarten, es sei denn, sie sorgt selbst vor.“

An der Umfrage haben sich 144 Professoren beteiligt.²

¹Deutscher Caritasverband e.V. – Berliner Büro ²ifo Institut – ifo Zentrum für öffentliche Finanzen und politische Ökonomie

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